Warum die Ärzte gehen

8134269600 ist kein Pappenstiel – vor allem, wenn es sich um fehlende Ärzte handelt. Die Zahl aus dem neuen Bericht des Wehrbeauftragten Reinhold Robbe schockiert die Öffentlichkeit – in der Truppe ruft sie allerdings nur noch Achselzucken hervor. Denn das Thema „Ärzteflucht“ ist seit Jahren bekannt, doch mangelt es bislang an Strategien, um die ausgebildeten Fachkräfte im Dienst zu halten und Nachwuchs für den Dienst mit dem blauen Barett zu begeistern.

Bereits im Dezember 2008 berichtete ich über den 04Exodus der Mediziner – einige Monate bevor PTBS – der Posttraumatische Belastungsstress – (vorrübergehend) ein öffentliches Thema wurde (zwei Mal auf den Text klicken, damit er bequem zu lesen ist – inhaltlich hat sich bis heute kaum etwas geändert). Damals räumt auch das Verteidigungsministerium offen ein, dass es ein Personal-Problem im Sanitätsdienst gibt. Man löste es auf die schnellste und destruktivste Art, indem man der Flucht einen Riegel vorschob: Wer den Dienst vorzeitig quittieren wollte, durfte das nur noch mit Erlaubnis aus dem Ministerium – also gar nicht. Zugleich tat die Jung-Administration das, was man meistens in solchen Fällen tut, um die Wogen zu glätten und Zeit zu gewinnen: man setzte eine Kommission ein, die Lösungen erarbeiten sollten, wie man den Dienst für die Ärzte attraktiver und erträglicher machen konnte. Kurz nach der Bundestagswahl im Herbst sollte ein Bericht mit Ergebnissen vorliegen. Der Zeitpunkt war politisch gewollt, um das brisante Thema nicht vor der Wahl zu haben (Durch Kundus wäre es dann ohnehin anders gekommen…). Doch bislang ist der Bericht nicht öffentlich geworden. Regelmäßige Anfragen werden entsprechend regelmäßig mit „wird noch im Ministerium geprüft“ beantwortet.

Derweil geben die Soldaten ihr eigene Antwort: Zeitsoldaten verlängern ihre Dienstzeit nicht und gehen sobald als möglich in den zivilen Sektor. Berufssoldaten, die die übermäßige Belastung, die mit jedem fehlenden Arzt noch schlimmer wird, nicht mehr ertragen, suchen nach Auswegen. In Gesprächen mit Sanitätsärzten, die meist von Erschöpfung und Enttäuschung geprägt sind, berichten diese bereits von Kollegen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als ein „DU-Verfahren“ anzustrengen. DU=Dienstunfähigkeit. Das ist vor allem für diejenigen sehr belastend, die seinerzeit mit Idealen in den Dienst eingetreten sind und nun ein mehrmonatiges Prüfverfahren über sich ergehen lassen müssen, dass für alle Seiten alles andere als erfreulich ist.

Hinzu kommt außerdem, dass die Ärzte in den anderen Truppenteilen mit ihren Anliegen oft auf Unverständnis und Missgunst stoßen. Das wiegt umso schwerer, da das Verhältnis Truppe und Truppenarzt eigentlich von Vertrauen und Hilfe geprägt sein muss.

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11 Gedanken zu “Warum die Ärzte gehen

  • 18. März 2010 um 07:46
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    Apropos Wehrzeitverkürzung:

    damit soll wieder Wehrgerechtigkeit erfolgen. Es müssen nämlich zur Zeit weniger als die Hälfte der Tauglichen zum Bund.

    Was sagt eigentlich das Verfassungsgericht dazu?!

  • 17. März 2010 um 14:33
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    Auch hier tut sich nix.

    Also alles im grünen Bereich. Für die Waffennarren genug Munition – das ersetzt den fehlenden Minenschutz. Und Waffennarren verpflichten sich auf Zeit – und das ist von FDP noch nicht verboten.

  • 17. März 2010 um 06:51
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    Übrigens hat Robbe auch kritisiert, dass die Wehrpflicht (noch in diesem Jahr!) von 9 auf 6 Monate gesenkt wird!

    Nach dem kalten Krieg sollten wir vielleicht unsere Bundeswehr ganz einmotten?!

  • 16. März 2010 um 19:32
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    Danke für die Info zu Rösler an pharmakovi!

    Ansonsten eben in heute Zusatzinfos:
    1. die Ausrüstung (Scgutz gegen Minen) ist miserabel.

    2. die Ausbildung der Fahrer in Afghanistan sei miserabel.

    Zu 1. denke ich, dass endlich mal Politiker in Afghanistan Dienst schieben müssen; dann ändert sich was. Also z.B. Niebel als Fallschirmspringer im Urlaub; und Rösler als Stabsarzt auch im Sommerurlaub.

  • 16. März 2010 um 18:41
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    Übrigens:
    Ich verstehe nicht, warum der WB den Inspekteur des Sanitätsdienstes so harsch angreift. Nakath war ein guter Personalführer, der alle Probleme des Sanitätsdienstes seit Jahren genau kennt.
    Offensichtlich ist, dass die Probleme rund um die sanitätsdienstliche Versorgung schon lange bekannt sind und ja auch bereits überall thematisiert wurden, nicht nur vom WB, sondern auch im politischen, parlamentarischen Bereich. Hier hat m. E. die Politik versagt. Zum einen ist das Bundesbesoldungsgesetz für SanOffz nicht sehr attraktiv, hier hätte man u. U. Sonderregelungen schaffen müssen, andererseits hat man ja auch vielen Leuten hinsichtlich Karriereplanungen Hoffnungen gemacht, die nicht eingetreten sind. Bei vielen Personalgesprächen wurden eben Verwendungsplanungen eröffnet (auch Facharztausbildungen, Weiter-/Fortbildungen)die schließlich nicht eingehalten wurden/werden konnten.
    Ich gehe mal davon aus, dass Nakath entsprechend gemeldet hat. Er wäre daher nur ein Bauernopfer. Ansprechpartner sollten vorrangig die politische und militärische Führung der Bundeswehr sein (Schneiderhan als GenInsp wusste z. B. davon), aber eben auch die Politik, die entsprechende Haushaltsmittel frühzeitig zur Verfügung hätte stellen müssen. Geld ist in unserem Staat genug vorhanden – es werden nur falsche Prioritäten gesetzt.
    Sanitätsdienst im Einsatz: Da gibt es ein gutes Buch der Oberstabsärztin Heike Groos „Ein schöner Tag zum Sterben“. Sie hat an mehreren Einsätzen in Afghanistan teilgenommen und erzählt, wie die Wirklichkeit dort aussieht (aber auch in der Heimat!) Das hätte wenigstens neben der interessierten Öffentlichkeit auch „Zwangslektüre“ der verantwortlichen Politiker und der oberen Fürungsebene sein müssen. Es wurde wohl überall ignoriert, obwohl: es gab ja auch den „politischen Gefechtsfeldtourismus“…
    Also, noch viel Arbeit für die Verantwortlichen! Sie muss auch getan werden.
    Hoffentlich können unsere Jungs im Einsatz irgendwann davon noch profitieren. Sie hätten es verdient.

  • 16. März 2010 um 18:12
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    @Stefan:
    Rösler war von 1992 bis 2003 bei der Bundeswehr! Er hat als SanOffzAnw Humanmedizin studiert und war im BwKrhs Hamburg eingesetzt! Wurde als Stabsarzt entlassen.

  • 16. März 2010 um 13:21
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    So’n Button „Beitrag XY entfernen“ für uns User wäre auch sinnvoll!
    Ich dachte schon, Sie wären nur eine Art Redakteurs-Marionette.

    Nun hab‘ ich Konferenz.

    Bin mal gespannt ob ein Bundeswehrarzt oder Sani-täter schreibt.

    Im übrigen: der Arzt Rösler wäre doch auch was für die Bundeswehr? 😀

  • 16. März 2010 um 13:10
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    Habe ich selbst entnommen, da er mir nicht mehr angemessen erschien.
    Danke für die guten Wünsche.

  • 16. März 2010 um 12:59
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    Wieso wurde denn jetzt der Beitrag von Herrn Lausmann gelöscht?

    Ist wieder mal Herr Magnus admin???

  • 16. März 2010 um 12:57
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    Hallo Herr Lausmann,

    dass meine Interpretation einseitig ist, ist mir klar. Ich hoff(t)e dadurch einige Gegenkommentare zu provozieren.

    Vielleicht gelingt das ja dennoch – denn ein Teil der Ärzte fällt sicher schon unter meine Interpretation….

    Wünsche ein paar erholsame Urlaubstage, vermutlich Resturlaub. Gruß Stefan

  • 16. März 2010 um 12:34
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    Demnächst wird ein FDP-Mann Robbe ablösen – und Defizite bei der Bundeswehr werden nicht mehr öffentlich?

    Danke, dass Sie so schnell ein Blog geschrieben haben.
    Und danke auch für den Zeitungstext – leider kriegen wir in Mainz so schlecht ein RZ-Abo.

    Schon etwas merkwürdig, dass Ärzte wohl nur den Dienst an der ruhenden Truppe in den Kasernen tun können – dass er aber „im Feld“ (Kosovo, Afghanistan usw.) nicht erträglich wird. Bundeswehrärzte also Ärzte, die nie bei „Ärzte ohne Grenzen“ in Katastrophengebieten helfen könnten – sondern nur das Zeugs für „Amtsärzte“ haben? „Weicheier“ also???

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