Von Butler: Gegen 200-Kilo-Bomben gibt es keinen Schutz

Von Afghanen beschützen lassen? "Selbstverständlich" sagt Dreisterne-General Carl-Hubertus von Butler. Foto: Peter Lausmann

Fast sieben Wochen sind seit den Anschlägen auf die Bundeswehr in Afghanistan vergangen. Doch was hat die Bundeswehr aus dem Schock von Kundus, Talokan und Baghlan gelernt? Ein Gespräch mit dem Chef der Feldheeres, General Carl-Hubertus von Bulter, über Taktik, Schwächen und das Vertrauen in die Afghanen.

Seit einigen Monaten machen die USA – unterstützt von deutschen KSK-Kräften – Jagd auf Talibananführer. Nun scheint es, als ob die Taliban diese Taktik übernommen haben, wie der Anschlag auf General Kneip zeigt. Warum kommt das für die Deutschen so überraschend?
Ich glaube nicht, dass die Taliban es gezielt auf deutsche Kommandeure abgesehen haben. Wir stellen fest, dass wir sie so weit zurückgedrängt haben, dass sie keine offenen Gefechte mehr eingehen, sondern Bomben legen. Und damit müssen wir jetztfertig werden.

Welche psychologischen Auswirkungen haben die Anschläge der vergangenen Wochen?
Ich war gerade in Afghanistan und habe auch mit direkt betroffenen Soldaten gesprochen. Dort herrscht Betroffenheit, aber auch hohe Konzentration und Leistungsbereitschaft. Wir wissen, dass es gegen diese Gefährdung keinen 100-prozentigen Schutz gibt.

Hat man sich vor den Anschlägen 
im Mai zu sicher gefühlt?
Nein. Es sind sicher angemessene Maßnahmen getroffen worden. Nicht nur bei den gepanzerten Fahrzeugen, sondern auch bei Abläufen und Informationsaustausch. Aber Anschläge kann man nie ganz ausschließen. So wie in Talokan.

General Kneip hatte wenige Tage vor dem Anschlag in einem Zeitungsinterview angekündigt, an diesem Tag mit afghanischen Polizeichefs dorthinzufahren. Ein fataler Fehler?
Grundsätzlich darf man sich nicht berechenbar machen. Zugleich weiß ich aus meinen Gesprächen mit Markus Kneip, dass im Vorfeld viele Maßnahmen getroffen wurden. Entscheidend ist außerdem, dass man aus jedem dieser Vorfälle die entsprechenden Konsequenzen zieht.

Wenige Tage später wurde ein Schützenpanzer Marder von einer 200-Kilo-Bombe zerstört. Was hat man daraus gelernt?
Es gibt gegen große Sprengfallen keinen Schutz. Man muss deshalb im Vorfeld das Einsatzgebiet genau aufklären – auch mithilfe der US-Partner. Dass wir uns ständig technisch weiterentwickeln müssen und wollen, liegt auf der Hand. Wir rechnen fest damit, dass wir noch in diesem Jahr ein Minenräumgerät in den Einsatz bringen werden.

Kommt das nicht zu spät?
Es kommt so schnell wie möglich. Wir haben alle Möglichkeiten geprüft: Ein Ankauf aus dem Ausland hätte uns eher noch zusätzliche Zeit gekostet.

Weil man zuvor nicht betroffen war, hat man nicht früher entwickelt, heißt es immer als Begründung. Hat die Bundeswehr zu wenig von den Problemen der Partner gelernt?
Das denke ich nicht. Wir sind seit einigen Jahren davon betroffen, und deshalb ist es nur logisch, dass wir uns auch technisch anpassen. Die Aufständischen haben hier völlig neue Fähigkeiten entwickelt – darauf antworten wir. Der Prozess ist sehr komplex und schwierig.

Zum Ende des Jahres will Deutschland rund 500 Soldaten abziehen, die Amerikaner sogar Tausende. Erhöht das die Gefahr für die verbleibenden Deutschen?

Wir warten jetzt erst einmal die Abstimmung mit den Partnern ab. Konkrete Zahlen sind noch nicht entschieden. Für uns ist dabei entscheidend, dass wir auch nach der Reduzierung unsere gemeinsamen Fähigkeiten erfolgreich einsetzen können.
Das heißt, es muss mit weniger Truppen besser koordiniert werden, um die gleiche Sicherheit herzustellen?
Das würde ich so nicht sagen. Man muss den Aufbau der afghanischen Streitkräfte und Polizisten hinzurechnen. Wenn man hier eine gewisse Menge und Qualität erreicht hat, kann man auch die Isaf-Truppen schrittweise reduzieren und die Souveränität in die Hände der Afghanen legen.

Würden Sie sich denn bei Ihrem nächsten Besuch auch wieder von Afghanen als Leibwächter beschützen lassen?
Ja. Selbstverständlich. Ich habe bei meinem letzten Besuch gespürt, wie sehr die Unterwanderung durch die Taliban sie getroffen hat und dass sie nun alles tun, um das Vertrauen wiederherzustellen.

 

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10 Gedanken zu “Von Butler: Gegen 200-Kilo-Bomben gibt es keinen Schutz

  • 3. August 2011 um 14:35
    Permalink

    Ich denke es gibt da keine falschen und keine richtigen Fragen. Wenn man in der Situation ist zu fragen ist es manchmal wohl auch schwer alle relevanten Fragen zu finden. Dann kommt noch die Frage welche Fragen nicht beantwortet werden.

  • 20. Juli 2011 um 21:24
    Permalink

    @Peter

    Dann schicken Sie mir doch bitte Ihr Kritikpunkte, damit ich beim nächsten Mal besser vorbereitet bin.

    Ansonsten würde ich vorschlagen, dass Sie mit Ihrem Hintergrund die richtigen Fragen stellen, die entsprechenden Antworten bekommen und hier dann veröffentlichen, wo man es nachlesen kann.

    Oder wir beide führen ein Interview – allerdings nicht einseitig anonym.

  • 20. Juli 2011 um 19:58
    Permalink

    @Lausmann“Auch das Minensuchgerät wird im Einsatz angepasst werden. Zum einen, weil in Deutschland nie unter Realbedingungen getestet werden kann, außerdem entwickeln sind die Gegner auch immer weiter. Einsatz ist also permanentes Weiterenwickeln – was von Butler im Übrigen auch sagt.“
    Hat er so nicht gesagt. Wer wie Sie in nAfganistan war kann andere Fragen stellen, wenn er mit Soldaten gesprochen hat. Ich weiß wo von ich schreibe.
    Es geht einfach zuviel Gerät ohne richtige Einsatzprüfung in den Einats. Ps: Ich war jahrelang bei der Bundeswhr in der Entwickliung von Gerät tätig!

  • 20. Juli 2011 um 09:28
    Permalink

    @all -im Übrigen schläft mein Komma-Gen noch. Sorry.

  • 20. Juli 2011 um 09:23
    Permalink

    Lausmann bringt nur die „Essenz“, weil er

    „nicht glaub(t), dass es den Leser weiterbringt, wenn er auf bestimmte Fragen die immer gleichen Sprachregelungen liest.“

    Richtig!

    Dazu fällt mir gerade der Witz ein:
    Reporter zu Politiker: was soll ich Sie fragen.
    Politiker: egal – ich gebe immer die gleichen Antworten.

    Gruß der mit dem Usernamen Stefan

  • 20. Juli 2011 um 09:18
    Permalink

    @Peter vielen Dank für die Differenzierung. Mit enttäuschend allein, lässt sich immer wenig anfangen.

    Drei kurze Erklärungen:
    – Auch das Minensuchgerät wird im Einsatz angepasst werden. Zum einen, weil in Deutschland nie unter Realbedingungen getestet werden kann, außerdem entwickeln sind die Gegner auch immer weiter. Einsatz ist also permanentes Weiterenwickeln – was von Butler im Übrigen auch sagt.
    – Sanitätsdienst ist nicht die Baustelle des Heeresführungskommando, sondern der Sanitätsführung. Die eine Abteilung wird sich nicht über die andere äußern. Und da liegt der Widerspruch in Ihrer Kritik: Sie wollen mehr Tiefe, machen aber zugleich das große Themenfüllhorn auf. Ich bevorzuge lieber einen Schwerpunkt. Auch wenn das vielleicht nicht der ist, den Sie sich wünschen.
    – Was Sie hier lesen ist eine Essenz des Gesprächs. Ich halte es generell mit Interviews so, dass nur die Fragen und Antworten letzten darin eingehen, die auch Gehalt haben, weil ich nicht glaube, dass es den Leser weiterbringt, wenn er auf bestimmte Fragen die immer gleichen Sprachregelungen liest. Das bläht nur auf und hilft nicht weiter.

  • 20. Juli 2011 um 07:50
    Permalink

    @ Stefan: Ich habe nicht geschrieben, dass die Fragen doof sind. Sie sind mir einfach zu oberflächlich
    Beim Minenräumgerät hätte ich nochmächlahls nachgefragt, ob es wirklich Afganistantauglich ist. Bisher mussten fast alle Geräte im Einsatz nachgebessert werden.

    Eine der wichtigsten Fragen ist die Sanitätsversorgung.
    Hier gibt es offensichtlich Defizite !

  • 20. Juli 2011 um 07:50
    Permalink

    @ Stefan: Ich habe nicht geschrieben, dass die Fragen doof sind. Sie sind mir einfach zu oberflächlich
    Beim Minenräumgerät hätte ich nochmächlihls nachgefragt, ob es wirklich Afganistantauglich ist. Bisher mussten fast alle Geräte im Einsatz nachgebessert werden.

    Eine der wichtigsten Fragen ist die Sanitätsversorgung.
    Hier gigt es offensichtlich Defizite !

  • 20. Juli 2011 um 07:14
    Permalink

    @Peter: nennen Sie mal 2 Fragen die „doof“ sind – und 2 Fragen die Sie als „besser“ gestellt hätten!

  • 19. Juli 2011 um 18:32
    Permalink

    Von Ihren Fragen bin ich enttäuscht Herr Lausmann.Nach Ihren Artikeln über Ihren Besuch in Afganistan konnt man mehr erwarten!! Schade .

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