Dienstfahrt mit dem „Erdbeerkörbchen“

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Wenn man die Wahl hat, eine Patrouille in Nordafghanistan mit dem "Fennek"... Fotos: dpa

Zu wenig Kampf und Transporthelikopter, zu wenige gepanzerte Fahrzeuge, zu wenig Ausbildung: Nach dem Tod dreier deutscher Soldaten nahe Kundus diskutiert die Politik erneut eine Mängelliste des Afghanistaneinsatzes. „Die Soldaten haben mich darauf hingewiesen, dass es Defizite bei der Ausbildung gibt“, erklärte der scheidende Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD), der die Seedorfer Fallschirmjäger aus deren Einheit die Gefallenen stammen verabschiedet hatte. Sie hätten nicht ausreichend gepanzerte Fahrzeuge vom Typ „Dingo“ und „Fennek“ zur Vorbereitung gehabt. „Da werden beispielsweise Kraftfahrer in den Einsatz geschickt, die erst im Einsatzland richtig an den Fahrzeugen ausgebildet werden.“ Zugleich wurden Stimmen aus Koalition und Opposition laut, die fordern, die Lage in Afghanistan nicht länger zu beschönigen. An sich eine Selbstverständlichkeit – doch seit Jahren offenbar ein großes Problem der Politik und damit des Auftraggebers der Streitkräfte.

Auch wenn das Thema erst nach dem Tod der drei Soldaten öffentlich Beachtung findet bekannt sind die Defizite seit Jahren: „Nach wie vor fehlt es für die Einsatzvorausbildung an einer ausreichenden Zahl von Fahrzeugen des Typs Dingo“, heißt es im Bericht des Wehrbeauftragten für 2009. Ausbildung „war infolgedessen nur eingeschränkt möglich“. Auch im Jahr davor findet sich eine fast identische Passage im Bericht: „Wie bereits in den vergangenen Jahren litt auch in diesem Berichtsjahr die Einsatz vorbereitende Kraftfahrausbildung darunter, dass nicht genügend geschützte Fahrzeuge für die Ausbildung zur Verfügung standen.“ Beide Male schließt das Kapitel „2.1 Einsatzvorbereitung“ mit dem Fazit: „Derartige Ausbildungsdefizite sind aus meiner Sicht nicht hinnehmbar.“ Doch geändert hat sich kaum etwas, obwohl der Bericht für jeden Bürger frei zugänglich ist und auch unsere Zeitung mehrfach darüber berichtete.

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...oder mit dem "Wolf" zu fahren, sollte die Entscheidung nicht schwer fallen. Doch oft haben die Bundeswehrsoldaten gar keine Wahl, weil die Fahrzeuge entweder nicht vorhanden sind oder weil sie keine Ausbildung auf dem jeweiligen Typ haben.

Hinzu kommt, dass aufgrund der geringen Zahlen gar nicht alle Einheiten, die nach Afghanistan geschickt werden, auf den gepanzerten Fahrzeugen „Dingo“ und „Fennek“ ausgebildet werden. „Wir standen gar nicht auf der Liste mit der Zugangsberechtigung“, erklärte ein Truppenführer nach seinem Einsatz im Gespräch mit unserer Zeitung. Ohne Ausbildung auf diesen beiden Typen blieben für Einsätze außerhalb des Feldlagers nur noch die „Erdbeerkörbchen“ so nennen Soldaten die ungepanzerten Geländewagen vom Typ „Wolf“ wegen ihres Überrollbügels.

Ähnlich verhält es sich beim Dauerthema Helikopter: So betonte SPDVerteidigungsexperte Rainer Arnold, er fordere seit Längerem Kampfhubschrauber. Zugleich verweist er darauf, dass sich die Lage in Kundus durch die Aufrüstung der Amerikaner in Nordafghanistan bald verbessern werde. Eigenständigkeit bei der Unterstützung aus der Luft wird dadurch aber nicht erreicht. Vielmehr erntet die Politik nun die Ergebnisse der zahlreichen Kompromisse, die in den vergangenen Jahren mit den europäischen Herstellern ausgehandelt wurden. So bemängeln Kritiker, dass der bestellte Hubschrauber „Tiger“ im staubigen Gebirge Afghanistans nicht zuverlässig funktionieren könnte. Der Transporthelikopter „NH90″ wird gerade erst nach jahrelanger Verspätung in kleinen Stückzahlen ausgeliefert. Und auch beim Transporter A400M ist noch unklar, wann er die alten TransallFlugzeuge ablösen wird.

Es wird sich also zeigen, ob der nun von allen Seiten geforderte Realitätssinn sich letztlich auch in der Ausstattung und Ausbildung der Streitkräfte widerspiegelt. Spätestens bei den nächsten Haushaltsberatungen, denn die meisten aktuellen Rüstungsprojekte leiden vor allem unter einem Problem: der Finanzierung. Somit drohen den Streitkräften erneut Abstriche bei Menge und Qualität der fest zugesagten Ausrüstung.