Was denkt Ahmad Normalafghane wirklich?

Undurchdinglich Miene. Foto: Peter Lausmann

Die Stämme in Afghanistan gehören nicht gerade zu den geschwätzigsten Völkern der Welt. Jahrzehnte Krieg und Leid haben die Menschen vorsichtig und schweigsam gemacht. Was sie wirklich fühlen oder denken verstecken sie meist hinter ernster, würdiger Miene. Empfänge oder einfach Treffen sind durch das heilige Gebot der Gastfreundschaft meist so ritualisiert, dass es sehr lange – teilweise Stunden – dauern kann, bis das Gespräch die erhoffte Wendung nimmt oder eine Frage beantwortet wird. Kurzum: Es ist nur sehr schwer, zu erfahren, was Paschtunen, Tadschiken, Usbeken, Hazara und die vielen anderen Stämme am Hindukusch wirklich denken. Die WDR, die britische BBC und der US-Sender ABC unternehmen dennoch immer wieder den Versuch, repräsentative Zahlen über die Stimmung in Afghanistan und die Sorgen und Hoffnungen der Menschen dort zu erfahren. In ihrem Auftrag sind nun neue Statistiken erhoben und veröffentlicht worden: Vor allem für die Deutschen zeichnen sie ein durchwachsenes Bild von der Entwicklung im vergangenen Jahr.

Grundsätzlich positiv ist, dass der Optimismus landesweit offenbar einen gehörigen Sprung nach oben gemacht hat: Für 70 Prozent der Befragten bewegt sich Afghanistan in die richtige Richtung – vor einem Jahr waren es nur 40 Prozent. Das ist auch insofern bemerkenswert, da immerhin zwei von drei Afghanen bemängeln, dass die Aufbauhilfe gar nicht bei ihnen ankommt.

Auch innenpolitisch scheint der Trend erfreulich und ist doch auf den zweiten Blick verwirrend: So wächst die Stimmung für Staatspräsident Hamid Karsai von 52 auf 72 Prozent Zustimmung, was zunächst auf Stabilität hindeuten würde, hätte sich nicht ausgerechnet Karsai in der Spanne zwischen beiden Umfragen das Amt durch massive Wahlfälschung gesichert. Nimmt man nun auch noch hinzu, dass 76 Prozent der Afghanen – und damit 13 Prozent mehr – die Korruption als ein sehr ernstes Übel ihres Staates ansehen, ist der Konfusion perfekt. Ist es nicht gerade Karsai, der wegen Korruption und familiärer Verstrickung in den Drogenhandel so massiv in der Kritik steht? Offenbar ist es wohl die Sehnsucht nach einer klaren Führungspersönlichkeit, die generelle Kritik nicht in direkten Zusammenhang mit der Person Karsais bringt.

Sicherheitspolitisch sehen die meisten Afghanen die Taliban auf dem Rückzug. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren sind mehr Afghanen der Ansicht, dass die Taliban schwächer (40%) als stärker (30%) werden werden. Im vergangenen Jahr, war es noch genau umgekehrt. Zugleich ist für zwei von drei Afghanen klar, dass die Taliban für die Gewalt im Land verantwortlich sind.

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Beim Brotkauf auf dem Markt diskutieren die Männer, wohin es mit Afghanistan gehen soll. Foto: dpa

Und die Bundeswehr? Ist mit 58 Prozent Sympathien immer noch „beliebteste westliche Streitmacht“. Nett, aber zu kurz gesprungen. Denn auf der anderen Seite ist der Zuspruch für das deutsche Engagement drastisch eingebrochen. „Wie bewerten Sie die Rolle der Deutschen in Afghanistan?“ Ergebnis: 31 Prozent bewerten sie positiv – allerdings sind das satte 11 Prozent weniger als zuletzt und 41 Prozent (+6) sind neutral. Doch entscheidend ist: Die Ablehnung hat sich fast verdoppelt – von 11 auf 19 Prozent. Das war nach dem Luftangriff von Kundus Anfang September erwartet worden. Hat der Luftangriff die Bundeswehr also zwangläufig Rückhalt gekostet?

Das lässt sich so einfach nicht aus den Zahlen ableiten. So äußerten sich nach dem Angriff viele Dorfälteste in der Region Kundus sehr positiv. Sie hatten schon lange gefordert, dass auch die Bundeswehr massiv gegen die Aufständischen vorgeht. Zugleich weckt eine andere Entwicklung Zweifel: Zwar lehnen laut Umfragen weiterhin zwei Drittel aller Afghanen Luftangriff ab, doch hat sich die Balance zwischen Befürwortern (27 Prozent/+9) und Ablehnenden (66Prozent/-11) entgegen der Erwartung entwickelt.

Was bleibt also, wenn sich der Rauch nach der Zahlenschlacht verflüchtigt hat? Die bereits bekannte Erkenntnis: Afghanistan ist ein Land der Widersprüche und vorn Dorf zu Dorf verschieden. Die Bundeswehr vor Ort wird die Umfragewerte zwar zur Kenntnis nehmen, doch eine Hilfe sind sie im Alltag nicht. Letztlich ist der persönliche Kontakt zu den Dorfältesten durch nichts zu ersetzen.