Guttenberg löst bei Soldaten Kulturschock aus

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Drei Stufen auf einmal: Der Verteidigungsminister springt lieber aus dem Druck-Container. Da können Generalleutnant Engelhardt und Oberstleutnant Gruhl nur staunen. Foto: Peter Lausmann

Man muss einfach anerkennen: Dieser Mann weiß sich zu verkaufen und er versprüht viel Charisma. Zu Guttenberg ist sicher weltgewandter als viele seiner Kabinettskollegen und mancher unkt, dass er sich am Ende nur selbst im Weg stehen könnte. So wie im Streit um die Deutung des Luftangriffs von Kundus. Im Großen Ganzen hat er dadurch sicherlich erhebliche Kratzer abbekommen und die wirkliche Nagelprobe steht ihm erst noch in der kommenden Woche bevor, wenn die von ihm geschassten Spitzenbeamten – Ex-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert – im Untersuchungsausschuss über die Abläufe im vergangenen Herbst aussagen. Doch wo sich Guttenberg von der Berliner Politik frei machen kann, strahlt er weiter unvermindert. Eine Betrachtung beim Truppenbesuch der Streitkräftebasis in Gelsdorf:

Den großen Auftritt im kleinen Rahmen hat er nahezu perfektioniert: Zielstrebig geht Karl-Theodor zu Guttenberg auf die Sprengstoff-Spürhunde zu, krault das flauschige Fell, während er in der Hocke mit dem Hundeführer über den gefährlichen Einsatz des Duos spricht. Anschließend posiert er auf Wunsch der Fotografen vor einem gepanzerten Fahrzeug, das bei einem Selbstmordanschlag förmlich zerfetzt wurde. Körpersprache und Botschaft sind gut durchdacht: „Ich mache das, damit Sie sehen, wie wichtig gepanzerte Fahrzeuge für unsere Soldaten sind.“ Alle vier Insassen haben dem „Dingo“ ihr Leben zu verdanken. Und eine zweite Botschaft sendet das Bild: Der Verteidigungsminister drückt sich nicht vor der deutlich sichtbar kriegerischen Realität des Afghanistan-Einsatzes.

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Deshalb brauchen deutsche Soldaten gepanzerte Fahrzeuge: Ein Selbstmordattentäter hat den Dingo im Frühjahr 2009 fast zerfetzt. Doch alle Insassen haben überlebt und sind wieder im Einsatz. Foto: dpa

Fern der Politscharmützel um den Kundus-Ausschuss in Berlin ist der Truppenbesuch bei der Streitkräftebasis in Gelsdorf (Kreis Ahrweiler) ein Heimspiel für den CSU-Politiker. Und er weiß es zu nutzen: Oft wird die vierte Teilstreitkraft neben Heer, Luftwaffe und Marine vergessen. Entsprechend betont Guttenberg die Bedeutung: „Ihre Arbeit wird oft unterschätzt“, bescheinigt er den Feldjägern, die im Einsatz polizeiliche Aufgaben übernehmen.
Doch verteilt er weit mehr als Händeschütteln und aufmunternde Phrasen. Der „Ibuk“ – Bundeswehr-Jargon für „Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt“ – präsentiert sich als interessiert Lernender. Und er hat seine Hausaufgaben gemacht: Generäle und Admiräle unterbricht er beim Vortrag, fragt sachkundig nach Missständen und Optimierungsbedarf. In der Logistik liege noch einiges im Argen, stellt er fest – auch international seien sicher noch Verbesserungen möglich. Seine Sätze beginnt er mit: „Das heißt jetzt im Klartext…“, die Folienflut – „Noch mal zurück“ – lässt er nicht passiv über sich hinwegschwappen, bricht vorformulierte Sätze des Vortragenden auf, um ihren Gehalt zu prüfen. Das genaue Gegenteil bei den niedrigeren Rängen, denen die Nervosität angesichts des hohen Besuchs anzumerken ist: Guttenberg lässt sie geduldig ausreden, um dann gezielt nachzuhaken.

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Keine Berührungsängste mit dem Dienstherrn: Ibuk und Schäferhund beschnuppern sich vor laufenden Kameras. Foto: Peter Lausmann

Für viele Soldaten ist der Ministerbesuch ein Kulturschock: Die meisten haben noch die passiven, hölzernen Auftritte seines Vorgängers, Franz Josef Jung, vor Augen. Darauf angesprochen, verdrehen selbst höhere Offiziere die Augen und bilanzieren: „Ein Unterschied wie Tag und Nacht.“ Was Guttenberg von der Opposition als „Show“ vorgeworfen wird, kommt bei den Soldaten gut an: „Er nimmt sich bei jedem Einzelnen die Zeit für persönliche Worte, und man fühlt sich ernst genommen statt abgespeist. Das ist vorher nicht so gewesen.“ Der Kontrast fällt sehr scharf aus, deswegen liegt er den meisten automatisch auf den Lippen, wenn sie nach ihren Eindrücken gefragt werden. Die politischen Diskussionen über Kundus gehören für die Soldaten hier nicht hin. Ohnehin erklären sich fast alle solidarisch mit Oberst Georg Klein. Dass sich Guttenberg vor den ehemaligen Kundus-Kommandeur stellt, wird ihm hoch angerechnet.
In Gelsdorf kommt ebenso gut an, dass Guttenberg das Heft demonstrativ selbst in die Hand nimmt und aus dem vorgegebenen Rahmen ausbricht. So ändert er beim Koblenzer Medienbataillon den Präsentationsparcours kurzerhand ab: „Diese Station lassen wir mal aus“, erklärt Kommandeur Stefan Gruhl noch – doch bereits aus dem damit gemeinten Druckerei-Container schallt ihm ein „Nicht doch“ des Ministers entgegen. Guttenberg weiß, dass er gerade bei Soldaten mit dieser Spontaneität punkten kann – „Er darf das, er ist der Boss“, schmunzelt man.

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Sorgenfalten inklusive: Guttenberg lässt sich erklären, wie ein Patrouille bei verminten Wegen das Gelände sichert. Foto: dpa

Doch Guttenberg hat in den ersten Monaten seiner Amtszeit lernen müssen, diese Impulsivität zu dosieren. Im einen Moment noch im vertraulichen Gespräch mit den Soldaten, wird er wenig später mit der scharfen Kritik an seinen Einschätzungen zum Kundus-Luftangriff und der  Entlassung des Generalinspekteurs Wolfgang Schneiderhan konfrontiert. In der kommenden Woche werden er und der ebenfalls gefeuerte Staatssekretär Peter Wichert vor dem Ausschuss aussagen. Das könnte Guttenberg noch stärker in die Ecke drängen.
Entsprechend schnell schwenkt er in Ton und Gestik um, reagiert defensiv und kontrolliert: „Ich habe überhaupt nichts Neues gesagt“, reagiert er auf die Medienfrage nach einer möglichen Abschwächung der Kritik an Schneiderhan. Dass dies nun aufgebauscht werde, zeige, wie dünn die Strategie der Opposition sei. Es ist der Moment, in dem Guttenberg wieder in den politischen Alltag zurückkehrt – weit entfernt vom gerade erlebten. Spätestens als er den Tarnparka wieder auszieht und in die Limousine steigt, ist er mit dem Kopf schon wieder in Berlin angekommen.

Ergänzung aus aktuellem Anlass: Wie eben durch eine Exklusiv-Story des Berliner Tagesspiegels bekannt wurde, hat Guttenberg bereits in der vergangenen Woche Brigadegeneral Henning Hars in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Oder im Klartext: Er hat ihn gefeuert. Gründe sind nicht bekannt, muss der Minister laut Soldatengesetz aber auch nicht angeben. Rechtlich ist alles sauber. Politisch aber sorgt das Bekanntwerden der Aktion für zusätzlichen Druck auf den Minister, denn wie der Tagesspiegel schreibt, soll der 54-jährige Hars nach der Entlassung Schneiderhans in einem Brief an Guttenberg nach den Gründen für dessen Entlassung und die Neubewertung des Luftangriffs von Kundus gefragt haben. Eine Antwort bekam der General zwar nicht, nun aber offenbar die Quittung. Hars selbst verweigert wegen der Pensionsansprüche die Aussage zu dem Fall, doch kann man davon ausgehen, dass ihm wohlgesonnene Kameraden den Gefallen getan haben und aus Empörung über die Entlassung den Kontakt zum Tagesspiegel gesucht haben.

Spiegel Online ergänzt derweil: „Das Ministerium betonte, dass Guttenberg der Empfehlung seiner leitenden Beamten gefolgt sei. Demnach hatten sowohl Hars Vorgesetzter als auch Guttenbergs Staatssekretär nach dem Brief mit dem General gesprochen. Infolge der Unterredungen empfahlen sie dem Minister die Entlassung des Generals.“

Auch diese Einschränkung dürfte Guttenberg vor der kritischen Woche, in der Schneiderhan und Wichert vor dem U-Ausschuss aussagen, nicht entlasten. Das kann er letztlich nur selbst, in dem er transparent die Gründe nennt, wie es zu dieser Entscheidung gekommen ist. Doch damit würde er selbst auch gegen die Vertraulichkeit des Vorgangs verstoßen. Wie herum Guttenberg es in diesen Tagen dreht: Er sitzt in der Zwickmühle. So sehr wie noch nie in seiner kurzen – aber sehr intensiven – Amtszeit im Bendlerblock.