Das Ende des Pendel-Soldaten?

Unter der Woche sind viele Soldatenfamilien getrennt. Foto: flickr /Bundeswehr

Ein Telefonat mit dem Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus, ist vergangene Woche in einen interessanten Vorschlag gemündet: Weniger Pendeln, mehr Familie – so die Rechnung des FDP-Politikers. Doch dazu wäre ein riesiger Umbau der Bundeswehrstrukturen nötig. Dazu habe ich folgenden Text in der Rhein-Zeitung veröffentlicht:

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, hat sich im Rahmen der Bundeswehrreform für die Bildung von Fähigkeitsschwerpunkten ausgesprochen. Hintergrund ist die derzeit schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Streitkräften. „Derzeit sind 70 bis 80 Prozent der Soldaten Wochenendpendler, die Scheidungsrate in den Streitkräften ist extrem hoch“, berichtet Königshaus im Gespräch mit unserer Zeitung über die Sorgen und Nöte der Soldaten. Wären die Standorte, zum Beispiel von Pionieren oder ABC-Truppen, samt Ausbildungseinheiten in einer Region gebündelt, würde vielfaches Umziehen sowie monatelanges Pendeln überflüssig. „Die Reform ist eine gute Chance, diese Probleme zu beheben und mehr Verlässlichkeit zu bieten“, hat Königshaus auch in Gesprächen mit der Weise-Kommission betont.

Viele Soldaten werden in regelmäßigen Abständen versetzt oder auf mehrmonatige Lehrgänge geschickt. Die Folge: Die Familie bleibt an einem Ort, der Soldat muss sich am jeweiligen Ort eine Zweitwohnung nehmen. Eine finanzielle wie psychische Belastung. Das Familienleben leidet so auch ohne Auslandseinsatz erheblich. Und das Problem soll in den vergangenen Jahren weiter zugenommen haben.

Dort, wo Pendeln nicht zu vermeiden sei, müssten die Streitkräfte genügend Unterkünfte vorhalten, damit die Soldaten nicht doppelt belastet werden. „Es kann letztlich nicht darum gehen, einzelne Kasernen vollzupacken und alle anderen zu schließen. Diese Rechnung wird nicht aufgehen“, erklärt Königshaus. „Frei werdende Liegenschaften sollten in Pendlerwohnungen umgebaut werden.“ Es sei unzumutbar, wenn sich erwachsene Männer aus finanziellen Gründen eine kleine Wohnung teilen müssten, weil der Dienstherr den Ortswechsel zwar befiehlt, aber dies zugleich nicht finanziell ausgleicht.

Prinzipiell gibt es derzeit große Unsicherheit unter den Soldaten, wie und in welcher Größe es mit den Streitkräften weitergeht. Das ist bei so durchgreifenden Umbauten unvermeidbar, so Königshaus. Aber die nötigen Entscheidungen sollten schnellstmöglich fallen, damit den Betroffenen wieder eine mittel- und langfristige Lebens- und Familienplanung möglich ist. Das gelte für den militärischen wie den zivilen Teil der Streitkräfte gleichermaßen.

Doch das braucht Zeit: „Der Minister bemüht sich um schnelle Entscheidungen, aber die Reform kann nur Schritt für Schritt erfolgen“, gibt der Wehrbeauftragte zu bedenken. Zunächst muss geklärt werden: Was soll die Bundeswehr der Zukunft leisten können, und für welche Aufgaben kommt sie infrage? Dann: Wie müssen die Streitkräfte dafür idealtypisch aufgebaut sein? Und schließlich: Welche Struktur finden wir vor, und wie können wir sie effektiv und schnell umbauen?

Und bereits der erste Schritt bedarf laut Königshaus klarer Überlegungen: Wie groß ist die Bedeutung von Heimat- und Katastrophenschutz? Die Entscheidungen müssten langfristig Bestand haben. Deshalb reiche auch nicht eine Fortschreibung des Weißbuchs von 2006: „Man muss in vielen Bereichen neu ansetzen. Die Veränderungen der vergangenen vier Jahre haben das Weißbuch mittlerweile überholt.“

Anschließende Reaktionen höhere Offiziere fielen allerdings recht pessimistisch aus. Grund: „Wenn man homogen gewachsene Einheiten in den Einsatz schicken will, dürfen sie sich nicht erst am Flughafen kennenlernen.“ Zudem müssten Manöver dann immer bundesweit abgehalten werden.

Es bleibt also spannend, ob sich der Impuls bei der Reform wiederfindet.

General Lather: Wir sind keine Sparkommission

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Karl-Heinz Lather und seine Kollegen aus der Weise-Kommission stellen die Bundeswehr auf den Kopf. Foto: dpa

Man muss Karl-Heinz Lather nur wenige Minuten gegenübersitzen, um zu begreifen, warum ausgerechnet er als einziger Militär von Verteidigungsminister zu Guttenberg in Weises Strukturreformkommission berufen wurde. Lather ist mehr als 40 Jahre durch alle Rangstufen und Reformen der Bundeswehr gegangen und war als Viersternegeneral bis zu seiner Pensionierung vor wenigen Tagen Stabschef der Nato – ein Musterkarriere. Trotzdem hat sich Lather seine Unabhängigkeit bewahrt, von Systemblindheit ist bei ihm keine Spur zu finden.

Vielmehr stellen er uns seine Kommissionskollegen die Bundeswehr gerade auf den Kopf – unaufgeregt, mit einem Lächeln und mit sachlichen Argumenten, die Hand und Fuß haben. Im Gespräch gab er mir Einblicke in Konzept und Arbeit der Kommission und erklärte ausführlich wie sie sich die Bundeswehr der Zukunft vorstellt.

Und das in nahezu allen Bereichen: Von der Einsatzfähigkeit und künftige Missionsszenarien bis zur Bündnissolidarität, von der Standortfrage bis zum Heimatschutz, von der neuen Struktur des Verteidigungsministeriums (BMVg) über Kernfähigkeiten bis zur neuen Rolle des Generalinspekteurs, vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) bis zur Attraktivitätssteigerung. Lathers klare Botschaft: Um erfolgreich zu sein, muss die Reform am Kopf beginnen und sich nach untendurchsetzen. Und: Zunächst muss in die Streitkräfte investiert werden. Lather: „Wir haben uns nicht als Sparkommission verstanden.“

Es folgt das Interview in der Langfassung:

Herr Lather, wie sehen die Einsätze der Zukunft aus?

Ähnlich, wie wir sie heute in Afghanistan, dem Kosovo oder am Horn von Afrika erleben. Wobei ein Schwerpunkt in Richtung Sicherung der Seewege gehen wird. Prinzipiell hängt das allerdings von der Politik im Rahmen der Bündnisse wie den Vereinten Nationen, der Nato und der EU ab.

Wie viele deutsche Soldaten sollen dafür künftig bereitstehen?

Wir müssen uns als Truppensteller stärker einbringen. Die Kommission schlägt bis zu 15000 Soldaten vor. Und zwar durchhaltefähig. Die Möglichkeit, diese Soldaten zu stellen, hat höchste Priorität in unseren Überlegungen, so der Auftrag des Verteidigungsministers.

15.000 Soldaten – also doppelt so viele wie jetzt – heißt auch zweifache Kosten…

Wir verstehen uns auch nicht als Sparkommission. Die Kostenfrage muss offen diskutiert werden. Viel intensiver als das bisher der Fall war. Aber letztlich ist es eine Frage des politischen Willens, ob man diese Kosten tragen will.

15.000 heißt aber im Zweifel auch die doppelte Zahl von Gefallenen und Traumatisierten.

Nicht jeder Einsatz wird so kampfintensiv sein, wie wir es gerade in Afghanistan erleben. Das sehen wir an den Marinemissionen und dem Dafur-Engagement. Wer Militär in Kampfeinsätze schickt, muss aber auch mit Gefallenen und Verwundeten rechnen.

Gibt es Vorschläge, was für Familien und durch den Einsatz Traumatisierte getan werden muss?

Die Bundeswehr ist mit dem Trauma-Schwerpunktzentrum bereits auf dem richtigen Weg, muss die Behandlungsmöglichkeiten aber noch erheblich ausbauen. Wir brauchen viel mehr Spezialisten. Das steht außer Frage.

Wie kommt die Kommission zu diesen Ergebnissen?

Wir haben eine Defizitanalyse aller Bereiche – auch der zivilen – gemacht und dabei auch die Expertise der Abteilungsleiter, ehemaliger Generalinspekteure und auch von Wirtschaftsvertretern hinzugezogen. Im Fokus: Strukturen, Arbeitsprozesse und die Einsatzfähigkeit. Zugleich haben wir die Arbeitsfelder nach den Kernkompetenzen der Kommissionsmitglieder aufgeteilt. Ich habe mich beispielsweise um Strukturen gekümmert, Frank-Jürgen Weise um das Personal.

Wie intensiv waren die Diskussionen vor diesen Ergebnissen – wie oft hat sich der Ausschuss getroffen?

Seit April rund 23-mal, jeweils mehrere Tage. Die Arbeit war so intensiv, dass ich viele meiner Aufgaben als Stabschef der Nato meinem Stellvertreter überlassen musste.

Wie sieht Ihr roter Faden aus?

Wir waren uns schnell einig, dass wir einen Top-Down-Ansatz brauchen. Sprich: Die Reform muss an der Spitze ansetzen – also im Verteidigungsministerium – und sich dann nach unten fortsetzen. Wir wollten nicht den Fehler vergangener Reformen begehen, unten anzufangen und sich dann in Details zu verlieren. Dazu fehlt auch die Zeit, denn der Finanzdruck ist heftig, und erste Ergebnisse sollen bereits 2011 kassenwirksam sein.

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Kaum einer kennt die Strukturen von Bundeswehr und Nato so gut, wie der ehemalige Nato-Stabschef und höchste deutsche Soldat im Bündnis. Foto: dpa

War das Verteidigungsministerium immer auf dem Laufenden?

Es gab zahlreiche Rücksprachen mit dem Minister, dem Generalinspekteur und anderen. Das war schon deshalb nötig, weil zeitgleich die Haushaltsaufstellung lief.

Wie werden die Ergebnisse veröffentlicht?

Die Vorschläge der Kommission an Minister zu Guttenberg werden als rund 100-seitiges Brevier veröffentlicht und sind auch im Internet zu finden. Die öffentliche Information und Diskussion ist ein ganz wichtiger Teil der Reform. Es muss aktiv kommuniziert werden.

Die Bundeswehr ist eine Bündnisarmee: Haben Sie sich mit der neuen Nato-Strategie abgestimmt?

Die Vorschläge der Albright-Gruppe waren uns natürlich bekannt. Da die neue Nato-Strategie aber noch im Werden ist, gab es keine konkrete Abstimmung. Aber wir geben die klare Empfehlung, die Bündnispartner stetig über unsere Reform zu informieren.

Hat Sie das Fehlen einer nationalen Sicherheitsstrategie beeinflusst?

Fehlt diese? Ich denke, im Weißbuch von 2006 sind die deutschen Interessen bereits sehr klar skizziert. Hinzugekommen sind nun die Bedrohungen durch Piraterie und Cyberwar. Ich gehe davon aus, dass die Regierung schon bald ein überarbeitetes Weißbuch herausgibt, nach dem sich auch die Fähigkeiten der Bundeswehr richten.

Welchen Fähigkeiten werden nicht mehr benötigt?

Wir empfehlen auf dieser Ebene gar nichts. Wir verändern das Ministerium und die Strukturen der Spitze, aber wir nehmen nicht die Kompanien unter die Lupe. Die Details sind Aufgabe der Teilstreitkräfte nach den Vorgaben des Generalinspekteurs. Und daraus ergeben sich auch die Standortfragen.

Welche Fähigkeiten müssen künftig vom Bündnis getragen werden?

In vielen Bereichen gibt es bereits Synergien, die auch genutzt werden. Allerdings ist es eine politische Frage, wie viel Souveränität man von der nationalen auf die Bündnisebene abgeben will. Militärisch sinnvoll ist es aber in jedem Fall, denn wir handeln immer im Bündnis und mit einem klaren Mandat. Ein Vorschlag ist, die Offizierausbildung multinationaler zu gestalten.

Welche Rolle spielt die Heimatverteidigung in Ihrem Konzept?

Der Heimatschutz spielt eine sehr große Rolle. Dazu gehört ja auch Katastrophenschutz. Ohne die Wehrpflicht müssen die Reservisten stärker für diese Aufgaben herangezogen werden.

Also eine Art Nationalgarde nach US-Vorbild?

Ich denke nicht, dass dieses Vorbild auf Deutschland übertragbar ist. Wir müssen unseren eigenen Weg finden.

Wird auch das Verhältnis von Zivilen und Militärs in der Bundeswehr neu justiert?

Vollständig. Das Ministerium ist aktuell nicht erfolgsfähig. Es gibt teilweise unsinnige Trennlinien und zugleich keine klaren Verantwortlichkeiten. Künftig müssen alle Abteilungen gemischt und mit den fähigsten Köpfen besetzt werden.

Das spiegelt sich auch beim Generalinspekteur wider, der aufgewertet und einem verbleibenden Staatssekretär gleichgestellt wird. Bricht das nicht mit allen bundesrepublikanischen Traditionen?

Eigentlich nicht. Er ist weiterhin der höchste Militär, hat aber dann auch Befehlsgewalt. Er ist dann die klare hierarchische Spitze, eindeutig verantwortlich für die Einsätze und die Streitkräfte. Zugleich wird aber auch der Staatssekretär gestärkt. Die Struktur wird so schlanker und effizienter.

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Rückt stärker in den Mittelpunkt: Der Generalinspekteur (hier der aktuelle, General Volker Wieker) soll aufgewertet werden, mehr Befehlsgewalt haben und auch stärker in der Öffentlichkeit stehen. Foto: dpa

Der Generalinspekteur rückt dadurch auch mehr in die Öffentlichkeit.

Und das ist gut so. Als Oberkommandierender wird er in Absprache mit Minister und Staatssekretär die Truppe prominenter nach außen repräsentieren. Er ist die Spitze der militärischen Hierarchie.

Unter dieser Ebene gibt es dagegen einige Parallelstrukturen bei den Kommandos. Was wird aus dem „Wasserkopf“?

Wir haben festgestellt, dass die Bundeswehr nicht zu kopflastig, wohl aber zu stabslastig ist. Intern muss verschlankt werden, um Synergien zu nutzen. Doch zugleich muss man genügend Personal auf dieser Ebene haben, um international Einfluss nehmen zu können.

Werden ganze Kommandoebenen wie Divisionen oder Brigaden abgeschafft?

Das nicht, aber wir müssen uns stärker nach Fähigkeiten anstatt nach Ebenen strukturieren. Der Sanitätsdienst ist ein gutes Beispiel: Die ganze Rettungskette versteht sich schon heute als Fähigkeitssystem und ist nicht aufgeteilt. Ihr Funktionieren ist für die Männer und Frauen im Einsatz absolut lebensnotwendig.

Wird auch an Rangstruktur und Dienstzeiten gerüttelt?

Vom freiwilligen Kurzdiener bis zu den Berufssoldaten müssen wir viel flexibler werden, um das Optimale für Soldaten und die verkleinerten Streitkräfte herauszuholen. Generell soll es mehr Zeitsoldaten als bisher geben, die wir mit attraktiven Modellen an uns binden wollen.

Wie muss das Verhältnis zur Rüstungsindustrie gestaltet werden?

Die Frage ist: Was macht Deutschland allein, was im Bündnis und was kauft man auf dem freien Markt ein? Wichtig ist, dass der Dialog gestärkt wird, um aktuelle Probleme zwischen BMVg und Industrie auszuräumen. Zugleich darf man auch die leistungsfähigen Mittelständler nicht aus dem Auge verlieren.

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Einer der größten Arbeitgeber in Koblenz: Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung soll nach den Vorstellungen der Weise-Kommission zu einer Agentur werden. Foto: dpa

Welche Rolle kommt dem Koblenzer Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) zu?

Aus dem BWB wird eine Bundesagentur für Beschaffung. Die Spitze muss dann auch nicht automatisch eine Person mit Beamtenkarriere sein, sondern könnte auch ein Manager mit einem zeitlich befristeten Vertrag sein, der dann dem Minister wie dem Parlament Rede und Antwort steht.

Wie kann das benötigte Material dann schneller beschafft werden?

Indem internationale Standards und Zertifikate in Deutschland akzeptiert und nicht noch einmal gesondert geprüft werden. Wir hoffen, dass die Beschaffungsagentur die Prüfvorgänge erheblich komprimiert.

Mit welchen Nationen muss sich Deutschland in Sachen Material und Fähigkeiten vergleichen?

Mit Bündnispartnern ähnlicher Bedeutung: also Frankreich und Großbritannien. Ausnahme: Beides sind Atommächte. Das wollen wir nicht sein.

Stichwort Personal: Wie kann die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiver werden?

Wir müssen sicherlich anders werben. Ohne die Wehrpflicht könnte man potenzielle Kandidaten bei der Wehrerfassung ansprechen. Zugleich muss die Außendarstellung verbessert und ein Bonisystem eingeführt werden. Letzteres sollte allerdings für alle freiwilligen Dienste gelten.

Ist das finanzierbar?

Zu Beginn wird nicht allzu viel eingespart werden können. Allerdings sind wir uns sicher, dass wir mit dem gleichen Geld nach Reform mehr Ertrag haben werden. Aber dafür muss auch investiert werden, zum Beispiel in die Attraktivität und sozialverträgliche Lösungen, bei denen, die die Bundeswehr verlassen werden.

Durch den Haushaltsdruck hat das BMVg parallel zur Kommission geplant. Wie viel „Durchschlagskraft“ haben Ihre Vorschläge noch?

Es gibt noch viel Spielraum bei der Ausgestaltung der Reform. Wir wollen mit unseren Vorschlägen das ganze parlamentarische Spektrum für die Diskussion gewinnen und so zum bestmöglichen Ergebnis beitragen, und dass sich die Bundeswehr bewegt, ist doch schon eine gute Nachricht.

Reformen hat die Bundeswehr zuletzt viele erlebt. Wie nachhaltig ist die jetzige?

Bislang gingen Reformen immer von unten nach oben. Das Ministerium hat sich daher seit 30 Jahren kaum verändert. Wenn wir die bürokratischen Strukturen aufbrechen können, werden auch die Streitkräfte selbst flexibler. Dann ist man fähig, sich permanent weiterzuentwickeln, anstatt große Reformen stemmen zu müssen.

Das heißt: Auch nach der Reform wird die Bundeswehr nicht zur Ruhe kommen?

Ganz sicher nicht. Diese grundlegende Reform wird die Bundeswehr modernisieren und flexibel auf künftige Herausforderungen einstellen. Aber die sicherheitspolitische Lage wird auch künftig Strukturanpassungen erfordern.

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„Minister Vorwärts“

Guttenberg will bei der Reform Gas geben. Foto; flickr / bundeswehr

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat den Fraktionen seine Reformpläne vorgestellt. Knapp zusammengefasst lautet sein favorisiertes „Modell 4″:

Wehrpflicht: Die jetzt noch sechs Monate dauernde Wehrpflicht soll Mitte 2011 ausgesetzt werden – bleibt aber im Grundgesetz verankert . Kann reaktiviert werden.

Freiwilligendienst: Die Wehrpflicht soll durch einen Freiwilligendienst ersetzt werden, der 12 bis 23 Monate dauern soll. Ziel: Nachwuchs für die Berufsarmee rekrutieren. Modellrechnung geht von 7500 Freiwilligen aus – darunter auch Frauen.

Truppenstärke: Die Zahl der Berufs- und Zeitsoldaten soll von derzeit knapp 190 000 auf 156 000 schrumpfen. Zusammen mit den geschätzten 7500 Freiwilligen kommt eine Truppenstärke von 163 500 Soldaten zu Stande. Der Verteidigungsminister sieht allerdings Spielraum nach oben.

Kosten: Was eine solche Reform für die Staatskasse bringen würde, ist noch unklar. Guttenberg soll 8,3 Milliarden Euro bis 2014 einzusparen. Kanzlerin Angela Merkel hat die Zahl bereits aufgeweicht. Beide haben stets betont, dass es keine Reform nach Kassenlage geben werde, sondern sicherheitspolitische Kriterien im Vordergrund stehen.

Dazu meine politische Einschätzung:

Der heiße Politherbst hat in Sachen Bundeswehrreform längst begonnen. Über die Sommerferien waren vom Bendlerblock immer wieder Testballons aufgestiegen: Mal ging es um drastische Truppenreduzierungen, mal um den radikalen Umbau des Ministeriums samt Aufwertung des Generalinspekteurs, immer auch um die Zukunft der Wehrpflicht. Und während seine Widersacher ihr Pulver teilweise verschossen, blieb Guttenberg beharrlich: keine Denkverbote, Ergebnisse ab September. Nun hat er Eckpunkte seiner Reformpläne mit den Verteidigungsexperten der Fraktionen besprochen: Aussetzen der Wehrpflicht und Verkleinerung der Bundeswehr um ein Drittel. Im reformträgen Deutschland rauben diese Forderungen manchem den Atem. Und das ist so gewollt: Guttenberg will Antreiber sein und nicht Getriebener. Marschall Blücher lässt grüßen.

Es ist ein trickreiches Spiel mit Maximalforderungen, durch das der Verteidigungsminister die Oberhand behalten will. Denn bei allem Reformeifer ist eines unumstößlich: Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Will Guttenberg sie verändern, braucht er die Rückendeckung der Koalitionsfraktionen. Die sind naturgemäß etwas zurückhaltender, wenn es um rasante Reformen geht. Nicht wenige Abgeordnete fürchten um Standorte, Arbeitsplätze und Wählerstimmen, wenn sich die Bundeswehr einer Schrumpfkur unterzieht. Die jetzigen Eckpunkte sind also eher als Limit zu sehen, und nun beginnen die Verhandlungen. Und für jedes Zugeständnis ans Parlament kann Guttenberg das nötige Geld verlangen. Wobei er stets einen Trumpf im Ärmel hat: Die Sparvorgaben kommen von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, und nur mit radikalen Einschnitten kann Guttenberg sie erfüllen.

Die Strategie zeigt bereits erste Erfolge: Kanzlerin Angela Merkel hat die Sparziele abgeschwächt – „wegen zwei Milliarden kann ich nicht die deutsche Sicherheit aufs Spiel setzen“. Guttenberg verschafft das mehr Spielraum und außerdem einen zusätzlichen Imagegewinn. Denn als entschlossener Sanierer hebt er sich so klar von einer Bundespolitik ab, die sich gern in internen Führungsdebatten ergeht.

Ein grundsätzliches Problem haben aber auch die nun bekannt gegebenen Eckpunkte noch nicht geklärt: Wie soll das sicherheitspolitische Konzept aussehen, nach dessen Vorgaben die Streitkräfte nun geschneidert werden müssten? Mantraartig betont Guttenberg, dass es keine „Reform nach Kassenlage“ sei. Doch das lässt sich nur mit einer sicherheitspolitischen Strategie entkräften, deren Konzeption die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts erfassen müsste. Doch das braucht Zeit. Und die hat sich Guttenberg mit seinem rasanten Reformritt selbst genommen.

Budde – Abschied eines Nahbaren

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Skurrile Momente einen Inspekteurenlebens: Bundespräsident Horst Köhler (grünes Barett) und Hans-Otto Budde (rotes Barett) im Sommer 2009. Foto: dpa

Es ist schon ein Qualitätsmerkmal wenn bei einer Verabschiedung sechs von sieben Vorgängern erscheinen, um dem nun Scheidenden ihren Respekt zu erweisen: Bei Hans-Otto Budde dürfte es wohl aber keinen der Anwesenden gewundert haben. In seinen genau sechs Jahren als Inspekteur des Heeres hat sich er Niedersachse nicht nur die Anerkennung, sondern in vielen Fällen auch die Sympathie und Zuneigung seines Umfeldes verdient. Nicht nur, weil es die schwersten Jahren für die Teilstreitkraft waren, in der sie auf eine Spezialistenarmee im Einsatz getrimmt wurde. Sondern vor allem deshalb, weil Budde in dieser Zeit meist die Menschen und nicht allein die Strukturen in den Vordergrund stellte. Nun, mit erreichen der Altersgrenze von 62 Jahren, geht er in Pension.

„Authentisch“, „menschlich“, „nahbar“ waren dann logischerweise die am häufigsten gebrauchten Worte, die man bei der Verabschiedung in Bonn über den scheidenden Generalleutnant hörte. Der kompakte Offizier, der sich nun lieber mit Friedrich dem Großen, statt unerfragten Ratschlägen, befassen will, wirkte entsprechend gelöst. Da stand jemand beim Großen Zapfenstreich, der guten Gewissens loslassen konnte. Zufrieden mit dem Erreichten, aber nicht selbstzufrieden. Entsprechend waren seine Abschiedsworte nach vorn gerichtet: Die vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und das Maßhalten – konkret auf den schwierigen Auslandseinsatz angewendet, gab er den Heeressoldaten mit auf den Weg. Dass er allerdings alles andere als ein Prinzipienreiter ist, dafür hat seine Zeit als Kommandeur der Deutsch-Französischen Brigade gesorgt. Wie er selbst sagt, hat er hier gelernt, dass die Dinge eben nicht immer nach dem „deutschen Wesen“ laufen müssen. „Was nicht nach deutschen Regeln ging, lösten wir auf die französische Art – und umgekehrt.“ Ähnlich verfuhr als Kommandeur der SFOR in Bosnien.

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Hans-Otto Budde verabschiedete auch das 2. Afghanistan-Kontingent seiner Einheit persönlich. Foto: dpa

Doch wohl mit am meisten dürfte über den Fallschirmjäger eine Anekdote aussagen, die sich an Weihnachten 2001 zugetragen hat. Das erste Kontingent sollte unter dem Kommando von Carl-Hubertus von Butler nach Kabul verlegt werden – Teile der Division Spezielle Operationen, die Budde von 2001 bis 2002 führte. Doch der Abflug kurz vor Weihnachten verzögerte sich immer wieder. Folge: Die Soldaten feierten bereits am 19.12. Weihnachten, verabschiedeten sich tags darauf – und waren abends doch wieder daheim. Tags darauf das gleiche Spiel. Das ständige Abschiednehmen war schließlich so eine große Belastung, dass die Soldaten es vorzogen, ihr Lager am Flughafen aufzuschlagen. Budde blieb in diesen Tagen die ganze Zeit bei Ihnen – auch, als sich bereits ganz Deutschland dem eigenen Weihnachtsbaum zuwandte und das Interesse für die Soldaten schnell erlahmte. Weggefährten haben ihm das bis heute nicht vergessen.

Die Fußstapfen, in die Werner Freers (Vita)nun tritt, sind also nicht gerade klein. Und viel Zeit zum Eingewöhnen bleibt ihm auch nicht. Die Transformation des Heeres ist noch lange nicht abgeschlossen, denn seit der Ära Budde wird vom Einsatz her gedacht – und der ändert sich täglich. Allerdings bringt Freers eine entscheidende Fähigkeit mit, die gerade für den Einsatz im Norden Afghanistans noch sehr wichtig sein könnte: Als gelernter Heeresflieger (Unter anderem 1983-85 Staffelkapitän in Mendig) ist er Experte für den Teil des Himmels, der dem Heer gehört. Doch bekanntermaßen mangelt es der Bundeswehr genau in dieser Schlüsseldisziplin derzeit an allen Enden. Vom neuen NH-90 sind erst weniger nach langer, langer Verzögerung ausgeliefert. Und ob er überhaupt für Afghanistan tauglich ist, ist weiterhin fraglich.

Übergabe Inspekteur des Heeres

Der neue Heeresinspekteur Werner Freers (links) und sein Vorgänger Hans-Otto Budde nehmen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beim Appell in die Mitte. Foto: Heer

Apropos Helikopter: Trotz Musikkorps, Wachbataillon und Uniformträgern aus aller Welt – für die größte Show sorgten wieder die Amerikaner: Erst kurz vor Beginn des Appells schwebte der Chef der US-Streitkräfte in Europa, Vier-Sterne-General Carter F. Ham, aus Stuttgart ein. Standesgemäß im Blackhawk mit Außentanks und samt Eskorte. „Show of Force“ im kleinen Rahmen und manches Bundeswehr-Mitglied geriet ins Schwärmen.

P.S.: Auch der neue Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus (FDP) war trotz vollen Terminkalenders- seine Wahl im Bundestag stand rund 12 Stunden später an – in Bonn und auch spontan für ein erstes Gespräch zu haben. Natürlich, dem Anlass entsprechend, unter drei. Freue mich auf kommende Treffen.

P.P.S.: Ergänzend sei übrigens der Blog vom geschätzten ARD-Kollegen Christian Thiels empfohlen, der Budde und Guttenberg im Januar beim Besuch im Gefechtsübungszentrum nahe Magdeburg beobachten konnte.