Wieker – der Mann für die Armee im Einsatz

Blog ist manchmal Roulette: Gestern noch gedacht (und geschrieben), dass es mit dem neuen Generalinspekteur (GI) aus taktischen Gründen erstmal nichts wird, bin ich heute schon wieder als Verlierer entlarvt. Aber Roulette ist vielleicht auch ein versöhnliches Stichwort: Jüngst hatte ich unter dem Titel “ Roulette der Generäle: Auf wen setzt zu Guttenberg?“ einigeVarianten für die Schneiderhan-Nachfolge durchgespielt. Volker Wieker, der es jetzt geworden ist, hatte damals nicht nur die meisten Pluspunkte auf seiner Seite, sondern passte gleich in mehrere Modelle. Wir rechnen zusammen: falscher Zeitpunkt, aber richtiger Kopf. Bilanz: immerhin eine schwarze Null.

Doch zur Person – und dafür ist es hilfreich, wenn man den Luftangriff von Kundus und alle seine Verwicklungen einmal für eine kurze Zeit ausblendet. Denn der Übergang von Schneiderhan zu Wieker ist auch der Übergang zu einer neuen Ära: Denn mit Schneiderhan geht ein politischer General, der die Reform der Bundeswehr von der Verteidigungsarmee des Kalten Krieges zur flexiblen Einsatzarmee so konsequent und geräuschlos umsetzte, wie es wohl kaum andere gekonnt hätten. Vier völlig unterschiedliche Minister, stetig wachsende Herausforderungen sowie ein völlig verändertes Selbstbild der Bundeswehr fallen in die siebeneinhalb Jahre der Ära Schneiderhan. Trotz ihrer Länge eine Zeit des strukturellen Übergangs: Als Schneiderhan antrat, dienten noch rund 310.600 Soldaten in den Streitkräften, nun sind es knapp mehr als 250.000. Andere Anforderung, andere Ziele, Straffung der Kasernen Struktur. Wäre ihm Kundus nicht dazwischengekommen, hätte Schneiderhan im kommenden Sommer die perfekte Soldatenlaufbahn abgeliefert – die Transformation der Bundeswehr sein Lebenswerk.

Diese ist nun abgeschlossen, die Bundeswehr hat sich komplett gedreht: „Wir denken jetzt vom Einsatz her“, stellt der für die Ausbildung verantwortliche Chef des Feldheeres, ***-General Carl-Hubertus von Butler, klar. Und im Gegensatz zum politischen Reformer Schneiderhan ist sein Nachfolger Wieker ein absoluter Mann des Einsatzes und der internationalen Vernetzung: Bosnien, Kosovo und jetzt dritthöchster Nato-Soldat in Afghanistan (ausführlicher Lebenslauf hängt unten dran). Dazu kommt die Stabsausbildung in den USA und als Chef des Deutsch-Niederländischen Korps die enge Verbindung zu einer Nation, die seit Jahren unter schweren Verlusten im Süden Afghanistans kämpft. In der aktuellen Lage beste Voraussetzungen, verfügt sein Minister zu Guttenberg doch über keine dieser Erfahrungen. Denn mit diesen Qualitäten kann Wieker auch auf den Rückhalt in der Truppe zählen – er verfügt damit über so viel „Stallgeruch“ wie wenige andere. Als Ausnahme sei an dieser Stelle auch nochmal ***-General Hans-Lothar Domröse (bekleidete 2008 zwölf Monate lang den Isaf-Posten, den Wieker bislang innehatte) erwähnt, den ich zuletzt fälschlicherweise zum Chef der Deutsch-Französischen Brigade statt des Eurokorps machte – was ihm praktisch zwei Sterne nimmt. Lieber Herr General Domröse, das ist mir besonders peinlich, da sie im September 2008 in Kabul ein sehr interessanter Gesprächspartner und großzügiger Gastgeber waren. Sorry.

Doch zurück zu Volker Wieker: Dieser wird nun in Kabul ersetzt werden, doch die bisherige Zusammenarbeit mit Isaf-Kommandeur, US-General Stanley McChrystal, wird ihm in Berlin von großem Vorteil sein. Und es gibt noch einen zweiten Umstand, der ihm das Leben erleichtern könnte: Andere GI-Kandidaten, die sich nun übergangen fühlen, könnten in den kommenden Monaten anderweitig abgefunden werden. Grund: Die beiden deutschen ****-Generäle auf Nato-Ebene, Egon Ramms und Karl-Heinz Lather, scheiden aus Altersgründen aus. Hier kann der Minister neu besetzen – soweit sich nicht andere Nationen die Stellen krallen.

Abschließend noch mal Volker Wiekers Werdegang in der Langversion:

Generalleutnant Volker Wieker wurde am 1. März 1954 in Delmenhorst geboren. Er trat im Juli 1974 in die Bundeswehr ein und wurde als Artillerieoffizier ausgebildet.

Nach seiner Beförderung und dem Abschluss seines Studiums der Vermessungskunde an der Bundeswehruniversität in München durchlief er alle üblichen Verwendungen eines Artillerieoffiziers wie Zugführer, Batterieoffizier und Batteriechef. Seine militärische Heimat während dieser Zeit war das Panzerartilleriebataillon 315 in Wildeshausen.

Von Oktober 1987 bis September 1989 besuchte er den 30. Generalstabsoffizierlehrgang an der Führungsakademie in Hamburg. Dem Lehrgang schloss sich die Verwendung als stellvertretender Dezernatsleiter in der Personalabteilung im Verteidigungsministerium an. Im Anschluss besuchte er den Generalstabslehrgang der US Army in Fort Leavenworth, USA und wurde danach als G3 Stabsoffizier zur Panzerbrigade 21 nach Augustdorf versetzt.

Von 1993 bis 1996 führte er das Panzerartilleriebataillon 215 in Augustdorf. Dieser Verwendung schloss sich ein Einsatz im deutschen IFOR Kontingent (Bosnien‐Herzegowina) als Stabsoffizier Ausbildung und Einsätze und als Leiter der Operationszentrale an. Im Anschluss wurde er persönlicher Referent im Bereich truppendienstliche Führung im Verteidigungsministerium in Bonn.

Von 1997 bis 1999 war Generalleutnant Wieker Adjutant des Verteidigungsministers. Im Anschluss wurde er Leiter der Arbeitsgruppe „Heeresentwicklung“ im Führungsstab des Heeres.

Ende 1999 übernahm Generalleutnant Wieker das Kommando über die Panzergrenadierbrigade 40 „Mecklenburg“ in Schwerin. In dieser Funktion führte er das 3. KFOR Kontingent (Kosovo) als Befehlshaber der Multinationalen Brigade Süd und als Nationaler Befehlshaber im Einsatzgebiet von Mai 2001 bis Dezember 2001.

2002 wurde er Chef des Stabes des Heeresamtes in Köln. Im März 2004 übernahm er offiziell die Aufgaben des Chef des Stabes im Führungsstab des Heeres.

Am 27. September 2007 wurde er stellvertretender Kommandeur des I. Deutsch/Niederländischen Korps, dem er seit dem 2. Juli 2008 als Kommandeur in Münster vorsteht.
Volker Wieker ist verheiratet. Er hat mit seiner Ehefrau Sabine zwei Kinder.

Roulette der Generäle: Auf wen setzt zu Guttenberg?

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Wer folgt ihm im höchsten militärischen Amt der Bundesrepublik: Wolfgang Schneiderhan dürfte keinen Einfluss mehr auf seinen Nachfolge haben. Foto: dpa

So war das sicher alles nicht geplant: Durch die Entlassung des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, steht Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) nun mächtig unter Zeitdruck. Eigentlich sollte der oberste Soldat erst im kommenden Sommer die Geschäfte geregelt übergeben – die Vertuschung um den Bombenangriff bei Kundus machte diesen Zeitplan jetzt allerdings zunichte. Seit Schneiderhan das schwarze Barett an den Nagel gehängt hat, führt vorerst sein Stellvertreter Generalleutnant Johann-Georg Dora die Geschäfte, doch soll der Posten möglichst schnell neu besetzt werden. Fachkreise erwarten eine Entscheidung binnen drei Wochen. In dieser Zeit bleibt Raum für Spekulationen, derzeit kursieren die Namen mehrerer Generalleutnante, die dann zum Generalinspekteur mit vier Sternen befördert würden. Es sind einige Szenarien denkbar:

Die Übergangslösung: Bereits seit einigen Monaten galt Manfred Lange (Jg. 1950) als Schneiderhans Favorit für dessen Nachfolge. Der Dreisternegeneral leitete von 2006 bis zum vergangenen April die Stabsabteilung Militärpolitik und Rüstungskontrolle im Verteidigungsministerium und wäre Schneiderhan somit vom Profil her recht ähnlich. Jedoch erreicht der Luftwaffensoldat bereits in zweieinhalb Jahren die Altersgrenze von 62 Jahren. Es gilt als unwahrscheinlich, dass Guttenberg einer Verlängerung zustimmen würde – allein schon, um nicht zu viele Parallelen zu Franz Josef Jung zu haben. Dieser hatte Schneiderhans Altersgrenze zweimal erweitert. Ähnlich steht es mit dem gleichrangigen Vize-Inspekteur des Heeres, Günter Weiler, der exakt ein Jahr jünger als Lange ist. Diese Variante böte die Möglichkeit, einen erheblich jüngeren Nachfolger gezielt aufzubauen. Dabei ist auch nicht auszuschließen, dass es einer der Brigadegeneräle wäre, die zuletzt als Kommandeure den Nordbereich in Afghanistan führten und sich dabei international wie innerhalb der Truppe Anerkennung verschafften.

Die Langzeitlösung: Der dritte Name, der jüngst immer wieder zuhören war, ist Volker Wieker. Der ehemalige Kommandeur des Deutsch-Niederländischen Korps ist seit wenigen Wochen Chef des Isaf-Stabes in Kabul. Für ihn spricht, dass er als 55-Jähriger noch einige Jahre vor sich hat. Auch wenn er derzeit der Nato unterstellt ist, könnte er jederzeit abgezogen werden. Dann könnte Wieker beispielsweise durch den Befehlshaber des Ulmer Kommandos Operative Führung Eingreifkräfte, Wolf-Dieter Langheld, ersetzt werden – falls dieser nicht selbst positioniert wird.

Die Kombi-Lösung: Da zu Guttenberg bereits selbst über außen- und militärpolitisches Geschick verfügt, könnte er sich einen Soldaten an die Seite holen, der genau das bietet, was der Minister selbst nichthat: Einsatzerfahrung – am besten in Afghanistan. Das würde neben Wieker auch Ex-Isaf-Stabschef Hans-Lothar Domröse, derzeitDeutsch-Französische Brigade, und Markus Bentler, aktuell Kfor-Kommandeur im Kosovo, ins Spiel bringen. Allerdings haben beide ihren dritten Stern erst seit Kurzem.

Die große Unbekannte: Neben Alter und Fachkompetenz könnten für zu Guttenberg aber noch andere Kriterien zählen. Als unwahrscheinlich gilt zwar, dass er unter Umgehung einer Rangstufe einen der Divisionskommandeure (zwei Sterne) direkt zum Generalinspekteur ernennt. Rein rechtlich könnte er es allerdings. Auch die Frage der Teilstreitkraft, des Parteibuchs oderaber die Landsmannschaft könnten zudem eine nicht unerhebliche Rolle spielen: Zu Guttenberg ist Franke, ebenso wie der Koblenzer Chef des Feldheeres, Carl-Hubertus von Butler. Er könnte eine Option sein, wenn Guttenberg den klaren Schnitt mit den alten Strukturen Jungs im Ministerium vollziehen würde. Oder doch vielleicht jemand, den keiner auf der Rechnung hat?

Der General, die Politik und die Enttäuschung

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War nicht nur bei den Kameraden als nahbar und bodenständig beliebt: der scheidende Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan. Foto: dpa

Es war ein verdammt stressiger Tag mit vielen Telefonaten und Meinungen, Erinnerungen und Verwünschungen – und längst nicht alles war zur Veröffentlichung bestimmt. Die meisten Gesprächspartner einte dabei eine Emotion: Enttäuschung. Darüber, was in der Bundeswehr nach dem Luftangriff passiert ist, darüber wie mit Wolfgang Schneiderhan umgegangen wird – aber auch wie er sich selbst hat in diese Situation bringen können. Im Kontrast zu Franz Josef Jungs Verhalten wird die Enttäuschung über Schneiderhans faktische Entlassung umso größer. Die Frage nach der Gerechtigkeit wird immer wieder gestellt: Warum muss der eine gehen, wenn sich der andere herauswinden kann? Fast alle sehen den General als ein Opfer. Ein Bauernopfer für die Politik, ein Opfer politischer Ränke, ein Opfer seiner eigenen Loyalität, die offenbar keinen öffentlichen Widerspruch zuließ – auch als es um die Vertuschung höchstbrisanter Informationen ging.

Noch ist die Affäre nicht abgeschlossen, Jung weiß, dass er sich nicht sicher fühlen kann, denn bereits am heutigen Freitag geht die Treibjagd im Verteidigungsausschuss weiter. SPD-Verteidigungssprecher Rainer Arnold hat bereits im Bundestag einen kleinen Vorgeschmack gegeben: Das Ziel ist nicht mehr allein Jung – das wäre fast Munitionsverschwendung angesichts dessen politischer Lage. Das Visier wird bereits auf Minister zu Guttenberg eingestellt. Der Kommentar in der heutigen Ausgabe ist deshalb als Zwischenstation zu verstehen:

Tickende Polit-Zeitbombe

Es ist die schlimmste Vertrauenskrise der Bundeswehr seit sie in Auslandseinsätze befohlen wird. Fakten über zivile Opfer sollen vom Verteidigungsministerium vertuscht worden sein, der Einsatz Tausender Soldaten wird so stärker in Misskredit gebracht, als es jedes Feuergefecht der vergangenen Jahre konnte. Auf dieser Eskalationsstufe hilft kein Aussitzen mehr. Es müssen Fakten geschaffen werden, Konsequenzen gezogen. Der Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan hat sich dem gestellt und um seine Demission gebeten, um zumindest formell der Entlassung zuvorzukommen. Der seinerzeit verantwortliche Minister Franz Josef Jung hingegen windet sich, will vom entscheidenden Bericht zwar erfahren, ihn aber nicht gelesen haben. Doch Jung ist nicht mehr zu halten – und das müsste er auch selbst wissen.

Der diskrete, anerkannte General und der trickreiche Stehaufpolitiker – auch über das Ende ihrer Zusammenarbeit hinaus prägt sie ihr Charakter. Schneiderhan der absolut loyale und Jung, der das offenbar zu nutzen wusste. Denn nach dem Luftschlag war von Schneiderhan nichts zu hören. Gerüchte über einen Maulkorb verdichteten sich, Jungs politische Berater übernahmen das Kommando.

Erst nach mehreren Tagen reiste Schneiderhan nach Kundus und zeigt sich bei seinen Soldaten – mehr konnte und wollte er sich offenbar nicht erlauben, hatte er sich doch in seiner eigenen Loyalität gegenüber dem Verteidigungsminister gefangen nehmen lassen. Auch deshalb ist sein Schritt nur konsequent. Als Bauernopfer, das Jung retten soll, taugt sein Rücktritt allerdings nicht, dafür ist das Vertrauen in den jetzigen Arbeitsminister nach zu vielen Fehltritten nun endgültig und nachhaltig erschüttert.

Denn Jung ist seit gestern endgültig zur tickenden Polit-Zeitbombe für Kanzlerin Angela Merkel geworden. Wenn er nicht geht, muss sie ihn aus dem Weg räumen, sonst führt am Untersuchungsausschuss im Bundestag kein Weg vorbei – und das ist das letzte, was sie in der Debatte um die Verlängerung des Einsatzes und eine mögliche Aufstockung der Truppen gebrauchen kann.