Chancen sind da – Klotzen für Afghanistan

Winfried Nachtwei. Foto: nachtwei.de

Es ist schade, bereits im zweiten Blogbeitrag von Abschied reden zu müssen. Sicherlich wird es aber nur ein formeller sein. Es dreht sich um Winfried Nachtwei, streitbarer Grünen-MdB und einer der Sicherheitspolitiker, die über alle Parteigrenzen hinaus hohes Ansehen genießen. Nach 15 Jahren scheidet er nun aus dem Parlament aus – auf eigenen Wunsch. Und fast immer verbinden sich die Grüße an ihn mit der Hoffnung, dass er nicht ganz abtaucht. „Winfried Nachtwei von den Grünen war nicht nur einer der beschlagensten Verteidigungspolitiker, sondern mit weitem Abstand der fleißigste…“, schreibt der geschätzte Focus-Kollege Thomas Wiegold in seinem Blog – und er muss es als fachkundiger Weggefährte Nachtweis wissen.

Bevor der streitbare Grüne sein Berliner Büro räumt, ist er aber nochmal in Afghanistan unterwegs gewesen. Rund 40 Treffen und Gespräch bei Besuchen in Kabul, Mazar-e Sharif und Faizabad – ein Menge Holz. Aber es ist auch viel dabei herumgekommen, wie der Reisebericht beweist. Sein Fazit: „Die immer noch vorhandenen Chancen dürfen nicht auch noch verspielt werden. Das wird besonders deutlich angesichts des Strategiewandels und der gigantischen Kraftanstrengung der USA. Angesagt ist intelligentes Klotzen statt Kleckern!“ Es gebe weitaus mehr positive Chancen, als hier wahrgenommen wird.

Vor dem Hintergrund der Truppenaufstockungen der Amerikaner ist vor allem seine Betrachtung des US-Strategiewechsels: „Enorm seien die Veränderungen und Anstrengungen auf US-Seite. Ganz anders sei der Führungsstil des neuen ISAF-Kommandeurs General McChrystal: Bei den täglichen Morgenlagen im ISAF-Hauptquartier würden die Afghanen in „atemberaubender“ Weise und Offenheit einbezogen. Der US-General habe ständig die komplexen Wirkzusammenhänge im Kopf (Schaubild „Afghanistan – der gordische Knoten“, auch „Spagetti-Schüssel“ genannt), insistiere auf Schutz und Zuspruch der Zivilbevölkerung als dem Dreh- und Angelpunkt. „Wir wollen nicht nur siegen, sondern auch den Frieden gewinnen.“ Seine Lageeinschätzung sei aber viel skeptischer als die seines Vorgängers. Im nächsten Jahr müsse die Trendwende geschafft werden. Die USA seien jetzt pragmatischer, offener, eher zu Korrekturen bereit. Sie seien enorm unter Druck, Geld sinnvoll auszugeben. Die US-Kräfte im Norden werden dem Kommandeur des RC North unterstellt. (Das gilt nicht für OEF-Kräfte, zu denen ich frage und Schweigsamkeit ernte.)“

Satte 19 Seiten berichtet Nachtwei realitätsnäher als die meisten offiziellen Lageberichte. Sein Traktat liegt derzeit auf den Schreibtischen vieler Bundeswehr-Kommandeure. Zumal es der scheidende Bundestagsabgeordnete nicht bei Beschreibungen belässt. Seine Schlussfolgerungen – klar gegliedert und jede taktische Relativierung – machen klare Prognosen und Lösungsvorschläge. Einige Beispiele:

– „Ein Sofortabzug von Bundeswehr und anderen ISAF-Truppen hätte nicht – wie von manchen versprochen – ein weniger an Gewalt und Krieg zur Folge, sondern eine enorme Gewalteskalation sowie einen Destabilisierungsschub für die sowieso schon wankende Atommacht Pakistan. Erwartet wird dann eine schnelle Talibanmachtübernahme im Süden und Osten und ein Rückfall in die frühen 90er Jahre, d.h. Kampf der Warlords und Milizen in anderen Landesteilen. Ein Sofortabzug würde einhergehen mit einem Massenabzug von Entwicklungshelfern, von Beratern für den Polizei- und Armeeaufbau. Verbleibende kleinere Hilfsorganisationen und NGO`s könnten das nicht ausgleichen.“

– „Zu den dringend notwendigen Ressourcen gehört eine personelle Stärkung der dt. Botschaft und ihrer Außenvertretungen im Norden. Mit ganzen drei Referenten des Höheren Dienstes in der Botschaft ist die lt. Ressortzuständigkeit beanspruchte Federführung des AA für den ganzen AFG-Einsatz nicht realisierbar. (Die brit.Botschaft mit ihren ca. 800 Angehörigen hat allein 3 Referenten für afg. Innenpolitik!)“

Der komplette Bericht ist übrigens auf Nachtweis Internet Seite nachzulesen oder als pdf-Datei herunterladbar. Es lohnt sich.