Auf Guttenberg-Entzug

Der Vorhand ist für Guttenberg vorerst gefallen. Foto; flickr

Lebt den „Rang und Namen“ noch? Die Frage ist in den vergangenen Tagen einige Male an mich herangetragen worden. Und der Schreck war nicht gerade klein, als ich feststellte, was seit dem vergangenen Beitrag alles passiert ist: Doktoraffäre Guttenbergs, Rücktritt, Antritt des neuen Ministers, Japan, Libyen, Aufstände im ganzen arabischen Raum, deutsche Diplomatie-Katastrophe im UN-Sicherheitsrat, Beben und Tsunami in Japan, atomare Katastrophe und am Ende auch noch eine Landtagswahl. Uff. Ganz schön viel Katastrophe in verschiedenen Größenordnungen. Kurzum: Es war binnen weniger Wochen mordsmäßig viel los – Zeitung machen jeden Tag eine ziemliche Herausforderung. Und deshalb gab es schlichtweg keine Zeit, um einen Blogbeitrag zu schreiben, der diesen Namen auch verdient gehabt hätte. Ich gebe ganz offen zu: Ich habe mich manchmal auch sehr geärgert, dass „Rang und Namen“ in der Doktoraffäre und beim anschließenden Rücktritt keine Position bezogen hat. Aber es war zeitlich nicht zu machen. Zeitung ging vor.

Doch der Erkenntnis der vergangenen Wochen wohnt auch ein wenig Überraschung inne: Es geht auch ohne KT zu Guttenberg. Da mag mancher sagen: Natürlich. Ich stelle rückblickend aber vor allen Dingen fest, welche magnetischen Kräfte in den 16 Monaten seiner Regentschaft im BMVG gewirkt haben. Betrachten wir die Zeit einfach mal ein wenig aus der Entfernung – quasi durch den zeitlichen Feldstecher.

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Die Schlagzeilen deuten noch darauf hin, dass ein Leben ohne Guttenberg kaum zu schaffen ist.

„Superstar des Kabinetts“, „Eigentlicher Außenminister“, „Merkels Kronprinz“: Medial, vor allem durch den Boulevard, war die Stoßrichtung bereits vorgegeben. „Sind Adlige besser?“ KT wurde in der Öffentlichkeit sicher anders wahrgenommen als seine vermeintlich drögen Kollegen. Schwarz-Gelb schmierte dank konsequenter Missgriffe in den Umfragen ab, KT katapultierte es zugleich nach oben. Dass er selbst Teil dieser Regierungspolitik war, blendete man säuberlich aus. Vielleicht auch deshalb, weil es bei ihm selten die Möglichkeit zum Verharren, zum Überprüfen gab. Fast täglich schoss eine neue Sau im Schweinsgalopp durchs Guttenberg’sche Dorf. Entlassungen, Untersuchungsausschuss, Gefallene, Sparzwang, Reform, Wehrpflicht, Kerner, Gorch Fock – und das ist nur die absolute Spitze des Eisbergs. Verdammt viel für eine so kurze Zeit. Eine Karriere im Teilchenbeschleuniger.

Dabei muss man einräumen, dass KT ein begnadeter „Entertainer“ ist. Das erste Mal erlebte ich ihn persönlich im März 2010 beim Antrittsbesuch SKB. Da hatte er bereits den U-Ausschuss und die Affäre um die Entlassung Schneiderhans und Wicherts im Nacken. Doch die Tür ging auf und KT strahlte. Griffige Nachfragen, dynamischer Gang durch den Präsentationsparcour, adelte er nahezu jeden Soldaten durch ein persönliches Wort und den Eindruck, dass hier jemand kam, der sich wirklich für die Soldaten und ihre Anliegen interessierte – ganz im Gegensatz zu seinem hölzernen Vorgänger Franz Josef Jung. Ja, man kann sagen: Im kleinen Kammerspiel gibt es wenige Politiker, die ihre Zielgruppe – und damit auch die Medien – so verzaubern können, wie es der heute 39-Jährige vermochte. Eben weil er den Eindruck vermittelte, dass dort kein Karrierepolitiker stand, den die Laune der Geschichte und Parteien- und Länderproporz eben für einige Zeit auf die Hardthöhe gespült hatten.

Auch bei den folgenden Begegnungen zur Verabschiedung des Heeresinspekteurs Budde sowie bei der Sommerreise 2010 im Zentrum Innere Führung: Wenn der Vorhang aufging, gab Guttenberg den Takt vor und improvisierte gekonnt. Geradezu spielend griff er Kritik seiner Vorredner auf und drehte sie mit einem rhetorischen Judogriff zu seinen Gunsten um. Bei Guttenberg war alles Chefsache. Das macht mächtig Eindruck – solange es funktioniert.

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Auch wenn am Ende nur der Spott blieb. Guttenbergs Beliebtheit trieb teilweise extreme Stilblüten.

Wurde daraus offenbar der falsche Schluss gezogen, dass wer die Dinge im Kleinen so bestimmt, schlagfertig und weltmännisch regelt, dies selbstverständlich auch im Großen so kann? Ich denke: ja. Vor allem weil immer wieder die Denkschleife einsetzte: Wenn nicht er, wer dann? Gemessen an den Vorgängern, gemessen an den Kabinettskollegen, erschien Radikalität und Geschwindigkeit als 100-prozentig richtig. „Endlich mal einer, der die Dinge anpackt.“ Politik und Öffentlichkeit legten sich bequem in seiner Hand – er wird schon wissen was er macht. Endlich einer der entscheidet, anstatt sich vom trägen Staatsapparat ausbremsen zu lassen. „KT gegen das System“ – ein Blockbuster für die deutsche Seele.

Erst recht durch die Schadenfreude, die viele Bürger gegenüber der altbekannten Politikerriege nicht verhehlen konnten. Gab es Kritik an KT, dann wurde es automatisch als Neid und Ewiggestrigkeit gedeutet. Der Applaus schuf so eine Rüstung der Unangreifbarkeit Guttenbergs, die nur sehr schwer zu durchdringen war. Aber man muss auch sagen: Die wenigsten haben sich überhaupt die Mühe gemacht, es zu versuchen.

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Gern als Barbie verspottet: Stephanie zu Guttenberg.

Denn gerade für die Medien war er der Prinz aus 1001 Nacht: Jung, dynamisch, gutaussehend (bei Bild hieß das dann „guttaussehend“), weltgewandt und das in einem Ressort, in dem es täglich um Leben und Tod ging. Und er wusste damit perfekt zu spielen, lieferte die entsprechenden Zitate und noch mehr die Bilder, die die Fangemeinde sehen wollte. Seine Frau vollendete das Bild.

So ist es zwangsläufig, dass er nur über sich selbst stürzen konnte – für seine Politik hatten wir ihm ja den Persil- und Heiligenschein ausgestellt. Faktisch war offenbar keiner in der Lage seine Politik zu durchschauen und auf ihre Stichhaltigkeit abzuklopfen. Es musste eine vergleichsweise banale Sache sein: Eine Plagiatsaffäre wie sie Tausende selbst überprüfen können.

Es ist wohl KTs Kardinalfehler, dass er die scheinbare Banalität komplett unterschätzte. Wahrscheinlich hatte er sich längst in die Reihe seiner Fans integriert, die ihm zugesprochene Unverwundbarkeit akzeptiert. Was sollte da alter Text, den ohnehin niemand gelesen hatte, schon ausrichten können? Guttenberg verkannte wohl, dass sich die Pfeile nun direkt auf ihn richteten, dass er plötzlich losgelöst von der Komplexität des Amtes und der Aufgabe dastand. Der Mechanismus „Er muss bleiben, weil niemand außer ihm diese Mammutreform durchsetzen kann“ griff plötzlich nicht mehr, weil es nur noch um die Person ging. Die Rüstung zerbröselte – wenn auch langsam. Am Ende hat er es erkannt. Und wenn man die Reaktionen zu seinem Rücktritt nachliest, dann kann man wohl sagen: Er hat es sehr spät erkannt, aber immer noch vor einer riesigen Öffentlichkeit. Denn in dem Moment, in dem er zurücktrat, hat das so natürlich keiner gewollt. Also ein bisschen Rücktritt hätte ja auch gereicht. Nicht ohne Grund fanden sich in den folgenden Tagen in nahezu jedem Blatt Geschichten über die großen Comebacks der Politikgeschichte – wurde offen die Frage nach der Rückkehr gestellt. Tenor: Wann darf er Elba endlich verlassen?

Ein paar Entzugswochen später kann man nun allerdings festhalten: Der Phantomschmerz hält sich in Grenzen. Sicher haben auch die Vorfälle in Japan und bei den Wahlen dazu beigetragen. Aber auch das zeigt: Selbst ein Nachrichtengenerator wie Karl-Theodor zu Guttenberg kann von der Nachrichtenwelt locker verschmerzt werden. Der Entzug zeigt vor allem, wie süchtig wir alle wirklich nach ihm waren – und wie unkritisch. Ich merke an mir selbst, aber auch an der Berichterstattung der Kollegen in diesen Tagen, dass die benebelnde Wirkung der Sucht nachgelassen hat, ja fast weg ist. Wenn ich lese, dass sich Guttenberg über seinen Anwalt mit der Uni Bayreuth anlegt, dann löst das heute ganz andere Reaktionen aus, als noch vor einigen Monaten. Das Verhältnis hat sich deutlich abgekühlt. Vielleicht weniger durch die Affäre selbst – wohl vielmehr dadurch, dass Guttenberg nicht mehr omnipräsent von den Frühnachrichten bis zu den Tagesthemen in unserem Leben vorkommt, sein Bild uns nicht mehr von allen Magazincovern anlächelt. Wir hatten es ja nicht anders gewollt.

P.S.: Wie die Truppe nach ein paar Wochen über den Wechsel denkt und welche Konsequenzen es bislang auf die Abläufe hat, folgt dann in einem der nächsten Blogs.

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Feierabend