Pfarrer in Kundus: Zur Vergebung braucht es immer zwei

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Die Gottesburg im Feldlager Kundus. Foto: Peter Lausmann

Mitten im Feldlager Kundus steht eine kleine Festung. Die dicken Mauern sollen den Alltag abwehren und sind doch durchlässig genug, um ihn nicht zu ignorieren. Selbst wenn draußen die schwer gepanzerten Fahrzeuge die Straße entlangrollen, ist es im Inneren gedämpft ruhig. Der Hausherr trägt Uniform, aber weder Waffe noch Rangabzeichen. Auf dem Schild über dem Eingang steht „Gottesburg“.

Ralf Eckert empfängt seine Gäste mit Plätzchen und Kaffee, aber vor allem mit einem herzlichen Lächeln. Der evangelische Militärpfarrer von Kundus ist trotz seiner Uniform ein Sonderling. Und will es auch sein. „Wir Geistlichen sitzen zwischen allen Stühlen und sitzen da sehr gut.“ Mitte März hat er seinen katholischen Kollegen abgelöst, in wenigen Wochen geht es für ihn wieder zurück ins hessische Stadtallendorf. Doch dass er hier ist, ist alles andere als selbstverständlich. Eckert ist ein Seiteneinsteiger, hat sich im Jahr 2008 auf die Stelle als Militärseelsorger beworben und ist nach etwas mehr als zwei Jahren Dienstzeit erstmals in den Auslandseinsatz gegangen. „Das war für mich klar, als ich mich bei der Landeskirche beworben habe“, sagt Eckert, Jahrgang 1968. „Für die Familie ist das zwar nicht schön, aber okay.“

Herr Pfarrer, haben Sie hier Sakramente gespendet?

Nein, in den drei Monaten hat sich bislang niemand taufen lassen.

Sie sind christlicher Gottesmann in einem islamischen Land, in dem viele die Todesstrafe für christliche Missionare befürworten …

… und deshalb nur für die Isaf-Soldaten zuständig. Ich bin ausschließlich in den Lagern aktiv. Wo wir es können, nehmen wir aber Rücksicht auf den Islam. Zum Beispiel, indem wir am Freitag das Ruhegebot respektieren.

Mit „Betreuung und Bespaßung“ umreißt Eckert seinen Auftrag. Wenn Soldaten nach zehn Tagen von der Patrouille zurückkommen, steht er zum Gespräch mit ihnen bereit, aber sie sollen sich bei ihm auch nur wohlfühlen können. „Ich bin einfach da“, sagt Eckert. Sei es für das Bibelfrühstück am Freitagmorgen oder für „Kino et Vino“, für das die Gottesburg zum Lichtspielhaus wird. Zuletzt gab es „Sex and the City“, an Ostern Monty Pythons „Das Leben des Brian“.

In der Gottesburg gelten keine Konfessionen oder Dienstränge. Hier soll jeder in erster Linie Mensch sein. Doch die Situation kann sich binnen Sekunden ändern: Auf einer Patrouille stirbt ein 33-jähriger Hauptmann. Der Mann stammt aus Eckerts Heimatregion Stadtallendorf. Das Lager kommt zu einer Trauerfeier zusammen. Tränen fließen. Der Schatten der Verunsicherung hängt über dem Lager in Kundus. Eckert spricht in einem Gottesdienst über Zuversicht und Ermutigung. Seine Mission: die schwierige Situation mit den Soldaten „zusammen aushalten“.

Fällt es Ihnen schwer, in diesem Umfeld Gott zu finden?

Man ist hier an einem Punkt, an dem Entscheidungen höchste Relevanz haben. Die Alternativen sind erheblich krasser als in Deutschland. Wie verhalte ich mich richtig? In diesen Fragen hilft der Glaube oft weiter und gibt Sicherheit.

Ein Gebot lautet: Du sollst nicht töten. Und doch gehört Töten hier zum Alltag. Wie passt denn das zusammen?

Man muss das Gebot mit der Situation abgleichen. Wenn jemand Verantwortung für seine Kameraden trägt, dann kann er auch in Lagen kommen, in denen er töten muss, um andere zu schützen. Die Frage ist am Ende immer: Was ist verantwortbar? Letztlich muss man sagen: Die Regierung hat entschieden, dass Soldaten in diese Lage kommen.

Doch haben die Probleme, mit denen die Soldaten in die Gottesburg kommen, oft nichts mit dem Einsatz am Hindukusch zu tun – oder zumindest nur mittelbar. Meist sind es Sorgen aus der Heimat: kranke Kinder, zerbrechende Beziehungen, Sorge um Freunde. Dann ist es an Eckert, einfach zuzuhören. In den schlichten Räumen seiner Kirche den Soldaten eine Auszeit vom engen Lagerleben zu bieten. Letztlich dreht es sich in den Gesprächen aber auch um die existenziellen Fragen des Glaubens.

Der christliche Glaube basiert auf der Vergebung – trägt der Leitsatz auch in Afghanistan?

Das ist sicher eine Herausforderung. Wenn man mit Soldaten spricht, die angegriffen wurden oder Kameraden verloren haben, dann ist da erst mal nur Hass.

Ist der Wunsch nach Rache mit dem Glauben vereinbar?

Ich unterdrücke diese Wut und Aggression nicht, weil sie auch zum Verarbeiten dazugehören.

Muss man den Taliban vergeben?

Es sollte vergeben werden. Aber: Zur Vergebung gehören immer zwei Seiten. Wenn ich nicht um Vergebung gebeten werde, kann ich auch nicht vergeben. Wenn ich also meine Vergebung mit mir herumtrage und sie nicht loswerde, läuft etwas falsch. Die Täter dürfen nicht zu Opfern gemacht werden.

Was sagen Sie Soldaten, die in dieser Klemme stecken?

Sie sollen überlegen und erfühlen, was ihnen selbst guttut, um die Situation zu verarbeiten. Und wenn das Wut ist, ist das auch in Ordnung. Der Hass darf nur nicht kultiviert werden.

Für Eckert steht fest, dass er nach einigen Monaten nicht als Afghanistan-Experte nach Hause zurückkommt. Aber entscheidend ist, dass er sich besser auf seine Zielgruppe, die Soldaten, einstellen und ihnen nach der Rückkehr zur Seite stehen kann. So gilt die erste Fürbitte in der Heimatgemeinde immer den Soldaten im Auslandseinsatz. Ob er auch für Afghanistan, gar für die Taliban beten wird? „Aber natürlich ist es sinnvoll, für die Taliban zu beten. Wenn Gott helfen kann, dass sie von ihrem Gewaltweg abgehen, sollten wir ihn darum bitten“, bezieht Eckert klar Position.