McChrystal außer Rand und (auf) Band

McChrystal auf einer seiner letzten Touren als Isaf-Chef. Foto: Rolling Stone Magazine

Richard Holbrook, der Sonderbeauftragte für Afghanistan und Pakistan? „Ein Wichtigtuer, dessen zahllose E-Mails nichts als lästig sind.“

James Jones, Obamas Sicherheitsberater? „Ein „Clown“, dessen Weltsicht zum Jahr 1985 passt.“

Vizepräsident Joe Biden? „Bite me“ (Auf Deutsch: „Leck mich“)

Und Barack Obama selbst? „Uninteressiert“, „Uninformiert“ – das erste gemeinsame Treffen zwischen dem Afghanistan-Kommandeur und seinem Oberbefehlshaber.

Was ist denn das? Ein General außer Rand und Band. Stanley McChrystals Rundumschlag im Magazin „Rolling Stone“ ist ein verbaler Amoklauf. Was der nun gefeuerte Isaf-Kommandeur seinen Mitstreitern und Vorgesetzten an den Kopf wirft, ist harter Tobak. Ausgerechnet der zähe Ausdauersportler, der loyale Feldkommandeur Obamas sorgt für einen handfesten politischen Skandal. Von einem Versehen oder einem einmaligen Ausrutscher ist wohl kaum auszugehen. Wie tief mussten also die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Politik in Washington und der Armeeführung in Kabul sein, dass ein Vier-Sterne-General diesen Weg wählt, um auf den Bruch aufmerksam zu machen? Und vor allem: Was sagt uns das über den Zustand der Mission in Afghanistan?

Denn eines steht fest: McChrystal wusste, dass seine Aussagen veröffentlicht würden. Der Journalist Michael Hastings hatte das Tonband immer offen dabei. „McChrystal ist bekannt dafür, dass er Risiken eingeht“, sagt Hastings. „Mich in seinem engsten Umkreis zu empfangen, war ein solches Risiko – er wusste das.“ Die journalistische Regel, sich an Absprachen über Vertraulichkeit zu halten, respektiere Hastings: „Was McChrystal in der Zeitung nicht lesen wollte, habe ich nicht verwendet.“, heißt es dazu in der Süddeutschen Zeitung.

Halten wir also fest: McChrystal musste wissen, was er tat. Bleibt die Frage nach der Intention. Entweder er wollte damit eine klare Botschaft rüberbringen, dann ist diese Form mehr als fraglich. Nach dem Codex der US-Armee ist es geradezu schändlich. Oder aber, der Frust über die Führung in Washington war so groß, dass er ihn auch bei vollem Bewusstsein nicht mehr unterdrücken kann.

Davon ist jetzt offiziell natürlich keine Rede: Nun bemühen sich alle Seiten wieder Einheit zu zeigen. Auch der Entlassene: Öffentlich betont er seine volle Loyalität zu Obama – auch wenn sich das im Rolling Stone noch ganz anders liest. Entsprechend stuft McChrystal diese Äußerungen heute als „Fehler“ ein. Es scheint, als hätte der Feldherr sein Gespür für Taktik wiederentdeckt. Auch Obama glättet die Front „Dies ist ein Personalwechsel, kein Strategiewechsel.“ Also kein innerer Zwist über den Krieg in Afghanistan? „Wir stimmen voll über die Strategie überein.“ Aha, typisch amerikanisch blickt man nach vorn. Und doch bleibt ein fader Nachgeschmack.

Den soll der binnen Minuten vorgestellte Nachfolger, David Petraeus, schnell überdecken. Obama hatte ihn als Trumpf im Ärmel behalten, sodass seine wichtigste Figur vom Spielbrett nehmen kann und trotzdem nicht kopflos dasteht. Petraeus hat sich im Irak mit seiner Strategie Lorbeeren erarbeitet. Entsprechend groß werden jetzt auch die Erwartungen in Afghanistan sein. Vor allem Obamas, denn noch ist nicht klar, wie viel von der Affäre an ihm hängen bleibt. Denn: Die Wurzeln für McChrystals Unmut können immer noch den Stamm vergiften.

Ende der Schonzeit?

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Offiziell Arbeitet der U-Ausschuss. Doch ob er auch Ergebnisse erzielt? Foto: dpa

Die Weihnachtspause in der Sicherheitspolitik ist nun auch offiziell vorbei: Der Verteidigungsausschuss tagt als U-Ausschuss, General McChrystal schlägt die Eckpfeiler für die Afghanistan-Konferenz ein und Volker Wieker ist als Generalinspekteur eingeführt. Soweit das terminliche. Taktisch hat Verteidigungsminister zu Guttenberg die Pause geschickt genutzt. Bis zum Weihnachtsfest unter politischem und medialem Dauerbeschuss, hat er sich komplett zurückgenommen, seine Parteifreunde in Stellung gebracht und kann nun darauf vertrauen, dass es im Untersuchungsausschuss um Vieles gehen wird, aber nichts, was ihm gefährlich werden kann. Dafür werden die Mitglieder der Koalitionsparteien schon sorgen, wie RZ-Kollege Dietmar Brück treffend kommentiert. Schließlich möchte man bei der anstehenden NRW-Wahl nicht die Quittung für die Fehler des vergangenen Herbstes vorgelegt bekommen. Also wird erst einmal über die Zeugenliste und den Ablauf gestritten. 100 Beweisanträge, rund 40 Zeugen – das dauert. Hat man dann einen Plan errungen, soll zunächst in der militärischen Sache gesprochen und ausgesagt werden. Erst dann folgt die Riege der Politiker und die klassische Frage: Wer wusste wann worüber Bescheid? Doch der Reihe nach:


Verteidigungsausschuss -> U-Ausschuss -> Lehrausschuss: Die Begründung, warum sich die Politik zunächst Luft verschafft hat, ist recht gewitzt: „Wir haben uns darauf verständigt, dass erst einmal in der Sache vorgetragen wird, damit insbesondere die vielen neuen Kollegen im Verteidigungsausschuss, der ja auch Untersuchungsausschuss geworden ist, die Gelegenheit haben, sich noch einmal umfassend in den Sachverhalt hineinzuarbeiten“, erklärt Elke Hoff, Verteidigungspolitische Sprecherin der FDP, im SWR-Morgengespräch. Klingt nach politischem Winkelzug, ist aber faktisch nicht angreifbar. Denn das Wahldebakel der der SPD bei der Bundestagswahl hat den Verteidigungsausschuss mächtig durchgeschüttelt: 34 Mitglieder hat er aktuell. Davon waren vor einem halben Jahr sage und schreibe zehn (in Zahlen: 10) schon dabei. Unter anderem hat es auch die Ex-Vorsitzende Ulrike Merten. Ihre Nachfolgerin Susanne Kastner ist neu im Ausschuss. Ohnehin können die Parteien im Verteidigungsausschuss nur auf wenige Stammkräfte zurückgreifen, die somit zwangsläufig zu Obleuten werden.

Ernst-Reinhard Beck (CDU)

Rainer Arnold (SPD)

Elke Hoff (FDP)

Omid Nouripur (Grüne)

Paul Schäfer (Linke)

Es wird also logischerweise lange dauern, bis der Ausschuss fachlich in den Feinheiten des komplizierten Auslandseinsatzes und seiner Regeln eingeführt ist, sodass er die verantwortlichen Politiker in die „Mangel“ nehmen kann. Aber ist das gewollt? Die Parteien werden alles Mögliche tun, um ihre eigenen Zeugen zu schützen und die andere Seite ausbremsen. Es wird also letztlich an den kleinen Parteien liegen, ob der Untersuchungs-Ausschuss seinen Namen am Ende wirklich verdient hat. Es wäre eine von wenigen Ausnahmen. Insofern ist eine gewisse Skepsis nicht unangebracht. Eine Skepsis, die vor allem Guttenberg in die Hände spielen dürfte, der somit die nötige Freiheit hat, mit einer offensiven, eindeutigen und entscheidungsfreudigen Politik, seine unglücklichen Aussagen aus dem vergangenen Herbst vergessen zu machen.

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Klare Analyse: Isaf-Chef Stanley McChrystal. Foto: dpa

Womit man sich – ohne viel zu verpassen – der Afghanistan-Konferenz in der kommenden Woche zuwenden kann: Es soll mal keiner behaupten, Afghanen und Amerikaner seien nicht gut aufeinander abgestimmt. In der vergangenen Woche konnte man lesen, dass die Deutschen „wirkungslos“ seien. Das verbale Vorauskommando in Person von Gouverneur Omar teilte kräftig aus. Nun legte Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal (****) in der Bild nach: „Die Deutschen müssen in Afghanistan mehr Risiken eingehen.“ Raus aus den Lagern, mehr Kontakt zur afghanischen Bevölkerung. Nun ist es ja nicht so, dass die Deutschen seit 2001 in ihren Lagern waren. Im Gegenteil: Der Kontakt zur Bevölkerung war über Jahre vorbildlich, Stichwort „Brücken und Brunnen“. Doch als Aufständische einsickerten und die Lage verschärften, wurden die Einsatzregeln der Deutschen lange nicht angepasst. Die Taschenkarte, die die Einsatzregeln festlegt, war immer noch auch Stabilisierungseinsatz ausgerichtet, auch wenn es schon längst ein Krieg war. Ein sträflicher Fehler, der eindeutig Franz Josef Jung und seiner Verleugnungs-Strategie geschuldet war. Mit gebundenen Händen zogen sich die Deutschen immer mehr zurück, bis schließlich der Kontakt zur Bevölkerung zu bröckeln begann. Insofern ist McChrystals Analyse treffend, wenn er sagt: Die Aufständischen haben ihr Ziel erreicht, wenn sie sich zwischen die Isaf und die Bevölkerung geschoben haben. Deutschland könnte sich auf der Londoner Konferenz deshalb einiges anhören.

Getreu Clausewitz will sich Guttenberg also nicht in die Defensive drängen lassen und kündigt an, künftig die Afghanen wie die US-Truppen im Partnerschaftsprogramm ausbilden zu lassen. Statt als Mentoren, die aber auf Distanz bleiben, sollen deutsche Soldaten zusammen mit den Afghanen kämpfen und sie dabei ausbilden. Den Kontakt zur Bevölkerung und mehr Glaubwürdigkeit und Respekt würde es sicher bringen.

Doch der Strategiewechsel hätte auch eine Menge Haken: Zum einen ist die Gefahr für die einzelnen Soldaten erheblich höher, zum anderen muss überdacht werden, ob die übliche Einsatzzeit der Deutschen (4 Monate) für ein derartiges Projekt ausreicht. US-Truppen sind meist ein Jahr oder länger im Einsatz. Vor allem im Gefecht, kommt es darauf an, dass die Gruppe eingespielt ist. Missverständnisse oder Zweifel kosten Leben. Zudem ist offen, nach welchen Kriterien Soldaten für derartige Einsätze ausgewählt werden.

Es bleiben also auch außerhalb des Ausschusses noch einige Fragen offen: Kommenden Montag ist der Minister im Rheinland. Wir werden ihn treffen und haben schon Fragen notiert. Vielleicht hat er einige Antworten im Gepäck. Einen Versuch ist es wert.

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Klartext statt Höflichkeitsbesuch

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Transall statt Times Square - Kabul statt New York: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg lernt den Luxus an Bord der Bundeswehrmaschine nach Kabul kennen - und wirkt dabei ein wenig wie eine Madonnen-Ikone aus seiner bayerischen Heimat. Foto: dpa

Fast riecht es ein wenig nach der lange erhofften Strategie: Wir helfen – aber erstmal muss auch von eurer Seite etwas rüberwachsen. Oder im Original: „Wir müssen Erfolge sehen“, fordert Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem ersten Besuch in Afghanistan. Ab jetzt werden auch deutliche Bedingungen gestellt. Es scheint das Ende des Durchwurstelns, das Deutschland immer tiefer in den Konflikt bzw. Krieg in Afghanistan gezogen hat.

Spätestens mit der anrüchigen Wiederwahl Hamid Karsais, wird nun auch der internationale Druck auf den umstrittenen Präsidenten erhöht. Zu lange hat sich der Paschtune dahinter verstecken können, dass er als der Mann des Westens in Kabul galt. Jetzt muss Karsai beweisen, dass er das Land nach vorne bringen kann und nicht nur seine eigene Macht in einem korrupten System sichert. Bislang verbittet er sich zwar jede Einmischung – doch auch er wird mit der Kritik leben müssen. Denn zu Guttenberg hat völlig recht, wenn er eines klar ausspricht: Es hat in der Vergangenheit zwar Erfolge, aber auch viel Stillstand gegeben.

Und deshalb ist es richtig, dass die Nato-Partner Karsai nun stärker in die Verantwortung nehmen und auch klare Forderungen stellen. Wenn Britanniens Premier Gordon Brown und Nato-Chef Anders Fogh Rasmussen gemeinsam ankündigen, dass ab kommendem Jahr friedliche Bezirke an die afghanische Verwaltung übergeben werden, dann ist das der Silberstreif am Horizont. Es nährt die Hoffnung auf ein strategisches Vorgehen, dass mit dem geregelten Abzug nach dem Erreichen des Ziels endet. Und das ist klar definiert: Selbsttragende Sicherheit in Afghanistan.

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Roter Teppich schützt nicht vor klaren Forderungen: Auch bei seinem afghanischen Amtskollegen fordert zu Guttenberg mehr Engagement ein. Foto: dpa

Doch Vieles scheiterte bisher an mangelnder Abstimmung zwischen den Nato-Staaten, aber auch zwischen militärischer und ziviler Komponente – und ebenso am eigenwilligen Vorgehen der Regierung Karsai. Deshalb Butter bei die Fische: „Wir stehen zu unserem Einsatz, aber wir wollen wissen, was die afghanische Regierung als nächste Ziele plant“, stellt Guttenberg Karsai vor klare Bedingungen. Konkret: Besserer Kampf gegen Korruption und Kriminalität und ein dickes Plus in der Regierungsarbeit – und zwar merklich bis zur Afghanistankonferenz im Frühjahr.

Die klaren Worte sollten den Nato-Staaten in Kabul mehr Respekt verschaffen, aber sie können auch in Deutschland einen positiven Effekt haben: Es sind erste Bruchstücke eines Konzeptes, das wenn es fertig ist, klar festlegt, warum, unter welchen Bedingungen und wie lange die Bundeswehr in Afghanistan bleiben muss. Das würde nicht nur den Soldaten Halt geben, sondern es auch leichter machen, den Einsatz in der deutschen Bevölkerung zu vermitteln. Denn dass die Isaf-Mission mehrheitlich abgelehnt wird, liegt in weiten Teilen an ihrer Schwammigkeit und mangelnden Transparenz.

P.S.: Offenbar ist Guttenberg auch nicht beim Treffen mit dem kernigen Isaf-Kommandeur StanleyMcChrystal (****) eingeknickt. Truppenforderungen werden bis zur Afghanistankonferenz zurückgestellt und dann nach Lage und Konzept beantwortet. Keine Spekulationen nötig. Das klingt nach nüchterner Sachpolitik. Gut so.

„KT“ zu Guttenberg – vom Gebirgsjäger zum Gipfelstürmer

Aufsteiger Karl-Theodor zu Guttenberg. Foto: CSU-Landesgruppe

Wenn Merkels Kabinett ein Kartenspiel ist, dann hat die Bundeswehr offenbar den Joker gezogen: Karl-Theodor zu Guttenberg wird Franz Josef Jung als Verteidigungsminister ablösen. Die nächste Stufe auf der Karriereleiter des CSU-Barons, der vor einem Jahr noch ein kaum bekannter Abgeordneter war. Doch „KT“, so sein Spitzname bei der Jungen Union in Bayern, hat binnen kurzer Zeit nicht nur bewiesen, dass er viele Rollen spielen kann, sondern auch, dass er sie glaubhaft verkörpert. Nach dem machtpolitisch eher dürftigen Wirtschaftsministerium nun also das Wehrressort – ein Posten, den die Auslandseinsätze jeden Tag ins Visier der Öffentlichkeit rücken können. Und bisher selten mit guten Nachrichten.

  • Ist er dem Job gewachsen? Klare Antwort: JA! Zunächst hat er zeitweise selbst die Uniform getragen – 1991 Wehrdienst beim Gebirgsjägerbataillon 233 in Mittenwald, Unteroffizier der Reserve. Sein Großvater sowie dessen Onkel (1945 von der Gestapo ermordet)hatten Kontakt zum militärischen Widerstand gegen Hitler. Trotz seiner erst 37 Jahre hat KT bereits Erfahrung auf dem Gebiet der Außen- und Sicherheitspolitik vorzuweisen, knüpfte auf der Münchner Sicherheitskonferenz bereits zahlreiche Kontakte – natürlich im besten Englisch. Der Bayer ist also kein absoluter Neuling. Und selbst wenn es so wäre: Zu Guttenberg hat bewiesen, dass er sehr schnell lernt und dieses Wissen umsetzt. Genau deshalb hat ihn die Kanzlerin nun dorthin gesetzt. Dass er dabei astronomisch gute Umfrageergebnisse mitbringt, ist sicher nicht schädlich.
  • Was kommt auf ihn zu? Ein ganzer Einsatzgruppenversorger voller Probleme: Die Lage in Afghanistan verschlechtert sich bis zum Wintereinbruch täglich, bisher gibt es noch kein Heilmittel gegen die grassierende Piraterie und für die Union scheint auch der allseits umstrittene „Einsatz im Inneren“ noch nicht vom Tisch. Die Frage nach der Zukunft der Wehrpflicht ist dabei noch gar nicht angeschnitten. Von Vorteil ist für den außenpolitischen Transatlantiker der gute Kontakt in die USA. Denn auch wenn die Obama-Regierung verbindlicher im Ton ist, vertritt sie ihre Interessen doch noch viel härter als die „Bush-Administration“. Und das heißt mittelfristig: Mehr Truppen nach Afghanistan – so wie es Isaf-Kommandeur ****-General Stanley McChrystal vehement fordert. Nach dem Treffen der Verteidigungsminister heute in der Slowakei scheint eine Aufstockung der Obergrenze (bislang 4500 Mann) mit der Mandatsverlängerung im Dezember zwar vorerst vom Tisch. Doch spätestens mit der Afghanistan-Konferenz im kommenden Frühjahr wird das Thema hochexplosiv werden.
  • Birgt der neue Job Konfliktpotenzial? In jeder Hinsicht: Im Kabinett könnte er schnell in einen Konkurrenz- und Kompetenzkampf mit Außenminister Guido Westerwelle geraten, wie Spiegel-Online analysiert. Dass mit Franz Josef Jung der Vorgänger wohl weiterhin im Kabinett sitzen wird, ist zudem eher ungewöhnlich. Innerparteilich wächst er seinem CSU-Förderer Horst Seehofer schneller über den Kopf, als diesem Recht sein kann. Dass nun auch noch Parallelen von zu Guttenberg zu Franz Josef Strauß gezogen werden, der 1956-1962 das Wehrressort führte, kommt erschwerend hinzu. Und dann ist da noch die Kanzlerin, die auch gerne mal einen Blick auf das Politbarometer wirft und sicherlich not amused ist, sollte Karl-Theodor zu Guttenberg weiter hoch über ihr thronen – die nächste Wahl kommt bestimmt.

Fazit: Es wird spannend im Wehrressort. Ministerium und Bundeswehr werden sich an einen neuen Stil gewöhnen müssen, bekommen dafür aber einen Minister, der seine Stärken ausgerechnet dort hat, wo sein Vorgänger Schwächen offenbarte: In der Außenwirkung und -darstellung. Insofern ist es vermutlich das Beste, was der Truppe passieren konnte.

P.S.: Wenn man aber allein auf den Namen schaut, ist zu Guttenberg allerdings nur die B-Lösung. Denn mit Thomas de Maizière verfügt das Kabinett über einen Minister, dessen Name in der Bundeswehr einen so guten Klang hat wie kaum ein anderer. Sein Vater Ulrich de Maizière war nicht nur einer der Gründerväter der modernen demokratischen Bundeswehr, sondern auch 1966 bis 1972 als vierter Generalinspekteur oberster Soldat der Republik.

Chancen sind da – Klotzen für Afghanistan

Winfried Nachtwei. Foto: nachtwei.de

Es ist schade, bereits im zweiten Blogbeitrag von Abschied reden zu müssen. Sicherlich wird es aber nur ein formeller sein. Es dreht sich um Winfried Nachtwei, streitbarer Grünen-MdB und einer der Sicherheitspolitiker, die über alle Parteigrenzen hinaus hohes Ansehen genießen. Nach 15 Jahren scheidet er nun aus dem Parlament aus – auf eigenen Wunsch. Und fast immer verbinden sich die Grüße an ihn mit der Hoffnung, dass er nicht ganz abtaucht. „Winfried Nachtwei von den Grünen war nicht nur einer der beschlagensten Verteidigungspolitiker, sondern mit weitem Abstand der fleißigste…“, schreibt der geschätzte Focus-Kollege Thomas Wiegold in seinem Blog – und er muss es als fachkundiger Weggefährte Nachtweis wissen.

Bevor der streitbare Grüne sein Berliner Büro räumt, ist er aber nochmal in Afghanistan unterwegs gewesen. Rund 40 Treffen und Gespräch bei Besuchen in Kabul, Mazar-e Sharif und Faizabad – ein Menge Holz. Aber es ist auch viel dabei herumgekommen, wie der Reisebericht beweist. Sein Fazit: „Die immer noch vorhandenen Chancen dürfen nicht auch noch verspielt werden. Das wird besonders deutlich angesichts des Strategiewandels und der gigantischen Kraftanstrengung der USA. Angesagt ist intelligentes Klotzen statt Kleckern!“ Es gebe weitaus mehr positive Chancen, als hier wahrgenommen wird.

Vor dem Hintergrund der Truppenaufstockungen der Amerikaner ist vor allem seine Betrachtung des US-Strategiewechsels: „Enorm seien die Veränderungen und Anstrengungen auf US-Seite. Ganz anders sei der Führungsstil des neuen ISAF-Kommandeurs General McChrystal: Bei den täglichen Morgenlagen im ISAF-Hauptquartier würden die Afghanen in „atemberaubender“ Weise und Offenheit einbezogen. Der US-General habe ständig die komplexen Wirkzusammenhänge im Kopf (Schaubild „Afghanistan – der gordische Knoten“, auch „Spagetti-Schüssel“ genannt), insistiere auf Schutz und Zuspruch der Zivilbevölkerung als dem Dreh- und Angelpunkt. „Wir wollen nicht nur siegen, sondern auch den Frieden gewinnen.“ Seine Lageeinschätzung sei aber viel skeptischer als die seines Vorgängers. Im nächsten Jahr müsse die Trendwende geschafft werden. Die USA seien jetzt pragmatischer, offener, eher zu Korrekturen bereit. Sie seien enorm unter Druck, Geld sinnvoll auszugeben. Die US-Kräfte im Norden werden dem Kommandeur des RC North unterstellt. (Das gilt nicht für OEF-Kräfte, zu denen ich frage und Schweigsamkeit ernte.)“

Satte 19 Seiten berichtet Nachtwei realitätsnäher als die meisten offiziellen Lageberichte. Sein Traktat liegt derzeit auf den Schreibtischen vieler Bundeswehr-Kommandeure. Zumal es der scheidende Bundestagsabgeordnete nicht bei Beschreibungen belässt. Seine Schlussfolgerungen – klar gegliedert und jede taktische Relativierung – machen klare Prognosen und Lösungsvorschläge. Einige Beispiele:

– „Ein Sofortabzug von Bundeswehr und anderen ISAF-Truppen hätte nicht – wie von manchen versprochen – ein weniger an Gewalt und Krieg zur Folge, sondern eine enorme Gewalteskalation sowie einen Destabilisierungsschub für die sowieso schon wankende Atommacht Pakistan. Erwartet wird dann eine schnelle Talibanmachtübernahme im Süden und Osten und ein Rückfall in die frühen 90er Jahre, d.h. Kampf der Warlords und Milizen in anderen Landesteilen. Ein Sofortabzug würde einhergehen mit einem Massenabzug von Entwicklungshelfern, von Beratern für den Polizei- und Armeeaufbau. Verbleibende kleinere Hilfsorganisationen und NGO`s könnten das nicht ausgleichen.“

– „Zu den dringend notwendigen Ressourcen gehört eine personelle Stärkung der dt. Botschaft und ihrer Außenvertretungen im Norden. Mit ganzen drei Referenten des Höheren Dienstes in der Botschaft ist die lt. Ressortzuständigkeit beanspruchte Federführung des AA für den ganzen AFG-Einsatz nicht realisierbar. (Die brit.Botschaft mit ihren ca. 800 Angehörigen hat allein 3 Referenten für afg. Innenpolitik!)“

Der komplette Bericht ist übrigens auf Nachtweis Internet Seite nachzulesen oder als pdf-Datei herunterladbar. Es lohnt sich.