Die Bundeswehr muss die Einsamkeit bekämpfen

Und Sonntag wartet der Abschied: Viele Soldaten sind Wochenend-Pendler - zulasten der Familie. Foto: flickr / Bundeswehr

Die Bundeswehr will attraktiver werden, indem sie sich familienfreundlicher aufstellt. Doch de facto nimmt der Druck auf die Soldaten und ihre Angehörigen seit Jahren zu. Das hängt spätestens seit 2007 mit den lebensgefährlichen Kriegseinsätzen in Afghanistan zusammen, die die Familien für Monate auseinanderreißen und täglich großen Ängsten um die Tausende Kilometer entfernten Lieben aussetzen. Zum anderen sorgt die fundamentale Reform der Streitkräfte für tiefe Verunsicherung. Der Wehrbeauftragte konstatiert zu Recht: Die Stimmung ist schlecht, und das liegt auch häufig daran, dass am Wochenende pendelnde Soldaten und ihre Familien die meisten Abende allein verbringen müssen.

Und nur in wenigen Fällen sind Änderungen absehbar. Im Gegenteil: Auf viele Familien warten in den kommenden Jahren Umzüge oder Trennung, weil Dutzende Standorte geschlossen oder verkleinert, Einheiten durch die Republik verschoben werden. Spätestens hier fragen sich viele Soldaten, ob es nicht an der Zeit ist, sich nach einem anderen Arbeitgeber umzusehen.

Entsprechend groß ist der Aderlass der Streitkräfte in einem kritischen Alter: Nach zwölf Jahren scheiden zahlreiche Hauptmänner oder Feldwebel aus, gut ausgebildet, einsatzerfahren – aber das Pendeln und Alleinsein ziemlich leid. Für die Bundeswehr erwächst daraus ein Nachwuchsproblem. Allerdings wird es noch einige Zeit unbemerkt bleiben. Angesichts des Planstellenabbaus verfügt die Truppe derzeit noch über genug Berufssoldaten in den älteren Offiziers- und Unteroffiziersrängen. Doch wenn der Mangel zutage tritt, ist er kaum noch zu beheben, sondern nur noch mit viel Geld durch Werbeprämien abzufedern.

Die gefühlte Rechnung „Uniform ungleich Beziehung oder Familie“ hat aber noch eine viel folgenschwerere Ebene: Die Streitkräfte müssen ein weitgehend repräsentatives Abbild der Gesellschaft sein, um in ihr verankert zu bleiben. Sollte der Anteil der Familienmenschen in der Truppe aufgrund der Unvereinbarkeit von Beruf und Beziehung in den kommenden Jahren merklich sinken, hat das auch spürbare Auswirkungen auf die Atmosphäre und Ausrichtung der Streitkräfte. Das soll nicht heißen, dass ein Vater oder eine Mutter der bessere Kompaniechef ist. Aber Rückhalt und Wärme der Familie sind enorm wichtig, damit Bundeswehrsoldaten die psychischen Belastungen durch Auslandseinsätze und Reformen aushalten können. Mit mehr Familienfreundlichkeit hilft sich die Bundeswehr so vor allem auch selbst.

Fünf Standorte dicht, einige im Plus: Rheinland-Pfalz entkommt der Reformkatze

Der Minister hat harte Einschnitte angekündigt und jetzt auch umgesetzt. Foto: flickr/ bundeswehr

Die Reformkatze ist aus dem Sack, und nach den ersten Stunden kann man festhalten: Ihre Krallen haben den Standort Rheinland-Pfalz mehr gekratzt als zerfleischt. Das gilt vor allem für den Norden des Landes, der im Vergleich zur Pfalz glimpflich davonkam. Der Rhein-Lahn-Kreis mit herber Schrumpfkur in Lahnstein und Diez sowie Bad Neuenahr-Ahrweiler und Birkenfeld bilden Ausnahmen. Obwohl fast ein Drittel der Stellen im Land abgebaut werden soll, haben einige Standorte im Norden wie Mayen, Cochem, Büchel und Daun sogar ein Plus zu verzeichnen. Koblenz verliert das Heeresführungskommando, bekommt mit dem Sanitätsdienst aber eine Prestigebehörde als Ausgleich. Sieht man von Einzelschicksalen ab, können die Rheinland-Pfälzer aufatmen.
Doch ist es der große Wurf für die Bundeswehr der Zukunft? Einer Streitkraft, die für Aufgaben in In- und Ausland gut trainiert und ausgerüstet ist, die als Arbeitgeber attraktiv und sozial in der Gesellschaft verankert ist? Das ist auf den ersten Blick kaum zu beantworten: Wer die Liste der Standorte und Einheiten durchgeht, gewinnt den Eindruck eines riesigen Verschiebebahnhofs, der nach Jahrzehnten halb umgesetzter Reformen erst einmal grundlegend sortiert werden muss. Viele Einheiten wirken wahllos verstreut, Kompetenzen scheinen nur selten gebündelt. Die Reform muss erst einmal Ordnung zu schaffen – sooft aufgelöst wird, so oft wird auch verlegt.
Will die Bundeswehr bei allen Streichungen effizienter werden, müssen Leistungsverbünde geschaffen werden, Einheiten so zusammenwachsen, dass sie mehr sind als die Summe ihrer Einzelteile. Nur so kann die geschrumpfte Armee zu einer schlagkräftigen Einsatztruppe werden, wie sie das Parlament als politisches Mittel einsetzen will. Die europäische Bündnisebene, Kompetenzen aufzuteilen und so Kosten zu sparen, muss dabei immer zwingend mitgedacht werden.
Bei all dem hat sich eine Befürchtung der Länder zumindest nicht bewahrheitet: Nur Großstandorte in der Nähe der Ballungszentren wird es nicht geben, die Bundeswehr wird auch weiter in der Fläche vertreten sein. Und das muss sie auch, will sie möglichst viele junge Menschen für den Dienst gewinnen. Für diese Überlegung spricht unter anderem, dass der ohnehin dünn belegte Osten kaum von Streichungen betroffen ist. Die Bundeswehr ist trotz der drastischen Reduzierung weiterhin in den meisten Landstrichen präsent – zumindest dort, wo potenzielle Interessentengruppen zu finden sind. Allerdings wartet Rheinland-Pfalz mit Hunsrück, Westeifel und Westerwald gleich mit drei Ausnahmen auf.
Fast sieben Jahre hat der Verteidigungsminister für die Umsetzung der Reform angesetzt: Dass er die entscheidenden Weichen allerdings schon in den kommenden Wochen und Monaten umlegen muss, ist dabei nicht nur ihm klar. Bekommt die Reform keine Eigendynamik, bleibt sie halbherzig stecken wie so viele andere vor ihr. Und halbe Reformen hemmen das System zusätzlich, vergrößern das Strukturchaos, anstatt es zu beheben. Dann verschluckt sich nicht nur der Verteidigungsminister selbst daran, sondern die Bundeswehr insgesamt. Wandeln sich Image und Perspektive nicht rasch, steht die Bundeswehr mittelfristig ohne qualifizierten Nachwuchs da – in allen Dienstlaufbahnen.
Entscheidend wird deshalb vor allem sein, ob de Maizière das nötige Budget für den Umbau der Bundeswehr erhält beziehungsweise einsetzt. Eine hoch spezialisierte Armee im Umbau ist erst einmal ein Kostenfaktor, daran ändern auch die Kasernenschließungen kaum etwas. Wer für den Dienst werben und begeistern will, der muss neben dem Sparkurs auch ein attraktives Angebot machen. Sonst nützt auch das Streichkonzert langfristig nichts.

Welche Kasernen trifft es morgen? Ein bisschen Analyse statt Spekulation

Welche Kasernen werden als nächstes verwaisen? Foto: flickr / melvin_udall

Die Bundeswehrreform nimmt Konturen an – doch der wichtigste Teil kommt erst noch: die Standortfrage. 400 gibt es derzeit bundesweit, fast jeder zehnte davon ist in Rheinland-Pfalz. Seit Anstoß der Reform durch Karl-Theodor zu Guttenberg geht das Schreckgespenst der Schließung in den meisten Garnisonsorten um. 40- bis 60-mal könnte der Rotstift angesetzt werden, schätzt der SPD-Wehrexperte Rainer Arnold – muss aber auch einräumen, dass die Informationspolitik des Verteidigungsministeriums „ziemlich rigide“ ist. Seit Monaten erklärt Minister Thomas de Maizière (CDU) gebetsmühlenartig, dass er verfrühte Spekulationen nicht befeuern, sondern alle Seiten gleichzeitig informieren will.

Das Konzept soll sich aus einer Formel aus Gesamtumfang (bis zu 185 000 Mann), dem Fähigkeitsprofil (Einsatzarmee aus Freiwilligen) und der Finanzierbarkeit ergeben. Dabei heißt es nicht zwangläufig, dass eine Kaserne schließt, wenn die bislang dort stationierte Einheit aufgelöst wird – schließlich könne man andere Einheiten dort ansiedeln. Zugleich hat der Minister aber immer wieder seine eigene Devise umgangen und Andeutungen über künftige Verlagerungen gemacht. So hat der gebürtige Bonner zuletzt noch einmal klargemacht, dass die Rheinschiene mit ihren Tausenden Dienstposten alles andere als unantastbar ist. Im Gegenzug ist für den Minister auch klar, dass manche Einheiten wie zum Beispiel laute Jagdflieger in der Fläche besser aufgehoben sind.

Doch mit der Umwandlung von einer Wehrpflichtigen- zur Freiwilligenarmee sind bei dieser Reform erstmals noch ganz andere Kriterien an die Standorte zu stellen – manche haben enorm an Bedeutung hinzugewonnen, andere indes haben an Einfluss verloren.

Kosten abbauen: Liegenschaften haben immer einen logistischen Grundbedarf. Wachdienst, Instandhaltung, Verpflegungsbetrieb sowie Energiebedarf sprechen in vielen Regionen für die Schließung kleiner Kasernen und die Zusammenlegung in großen. Intern wird mit einer Größe von mindestens 1000 Mann pro Standort gerechnet. Die absolute Mindestgröße lag in der Vergangenheit bei rund 600 Mann. Je nach Anbindung und Bedarf könnte allerdings auch eine Reihe von Kleinstandorten überleben.

Sichtbarkeit: Eine Armee kann nur ausreichend Freiwillige werben, wenn sie in der Gesellschaft auch präsent ist. Zugleich lassen sich Bewerber leichter ködern, wenn eine gewisse Heimatnähe oder zumindest eine gute Anbindung an die Ballungsräume gegeben ist. Kaum jemand wird sich langfristig an die Bundeswehr binden, wenn damit ein Leben fern der kulturell interessanten Zentren garantiert ist. Das Schlagwort ist Attraktivität. Zugleich dürfen nicht ganze Landstriche komplett verwaisen.

Infrastruktur: Gute Verkehrsanbindungen sind ein Muss, zugleich ist die unmittelbare Nähe zu Truppenübungsplätzen und anderen Ausbildungszentren ein Plus.

Bündnisfragen: Manche Standorte, in denen Nato-Kommandos oder internationale Einheiten stationiert sind, können ohne Rücksprache mit den Partnern nicht geschlossen werden. Für andere spricht die geografische Lage. So dürfte beispielsweise die weit abgelegene Kaserne im vorpommerschen Torgelow davon profitieren, dass es ein multinationales Korps gemeinsam mit Polen und Dänemark gibt. Ähnliches gilt für Rheinland-Pfalz, wo eine gewachsene Kooperation mit benachbarten US-Einheiten bessere Chancen auf eine Zukunft sichern dürfte.

Tradition: Bei De Maizières nüchterner Herangehensweise bleibt für Nostalgie wenig Raum. Den Satz „Hier war schon immer …“ wird der Minister auf seine elegant spöttische Art schnell entkräften. Denn wenn die Reform der große Wurf sein soll, muss sie mit dem Fundus der alten Bundeswehr brechen.

Arbeitsplätze: Der Auftrag lautet Sparen. Deshalb wird die Reform auf Arbeitsplätze, die mittelfristig auslaufen, keine Rücksicht nehmen. Alles andere wäre haushälterisch kaum zu rechtfertigen.

Bisherige Investitionen: Dass in den vergangenen Jahren viel Geld in einen Standort geflossen ist, ist keine Garantie für den Fortbestand. Natürlich muss die Armee schon einiges an Komfort bieten, um Freiwillige langfristig binden zu können. Auf der anderen Seite bietet ein moderner Standort auch die Chance auf eine schnelle Konversion. Sollte es sich mittelfristig rechnen, einen solchen Standort zu privatisieren, könnten Käufer und Verkäufer davon profitieren.

Strukturförderung: War es lange ein schlagendes Argument, Kasernen in der Fläche zu bauen, so kann die Bundeswehr unter dem Kostendruck heute nicht mehr als indirekte Subventionsmaßnahme betrachtet werden. De Maizière besteht auf dem klaren Nutzen für die Streitkräfte selbst.

Proporz und Generalssterne: Vieles deutet darauf hin, dass der Verteidigungsminister seine Entscheidungen weitgehend unabhängig von den Bundesländern fällen will. Hintergrund: Bei der jüngsten Reform der Bundeswehr gab es bereits ein großes Geschacher um Standorte und Generalssterne. Da die vier Wehrbereichskommandos gestrichen werden, fallen unter anderem in Mainz und München Zweisternegenerale weg. Manche Landesregierung könnte deshalb auf einen Ausgleich pochen, zumal auch die Divisionen mit ihren Generalen von fünf auf drei reduziert werden. Ein Länderproporz würde allerdings den meisten anderen Kriterien zuwiderlaufen.

Insofern bleibt es spannend, inwieweit das Verteidigungsministerium unter Thomas de Maizière dem heftigen Drängen der Bundesländer und auch der Abgeordneten, in deren Wahlkreisen die Bundeswehrkasernen stehen, nachgeben wird. Bis Mittwochmittag wird deshalb in jedem Fall noch sehr intensiv spekuliert – und manche Befürchtungen werden sich vermutlich am Ende auch bewahrheiten.