Vor Ostern herrscht gespannte Ruhe in Kundus

Die Erinnerung an die Angriffe vor einem Jahr lassen die Soldaten in Kundus noch vorsichtiger werden. Foto: flickr / Bundeswehr

Bislang ist es rund um Kundus ruhig geblieben. Keine Hinterhalte, keine Angriff auf Patrouillen, keine Sprengsätze, kein nächtlicher Raketenbeschuss auf das Lager. Vielleicht verdächtig ruhig? Es geht auf die Ostertage zu, ein hohes christliches Fest. Aus der Erfahrung weiß man, dass die Taliban bei ihrem Vorgehen immer den Effekt in der deutschen Öffentlichkeit mit einkalkulieren. Ist die Gefahr an symbolträchtigen Feiertagen für die Bundeswehr also höher? Erfahrene Soldaten im Lager Kundus wollen das weder unterschreiben noch ausschließen. Fakt ist: „Wir werden bei den Patrouillen an diesen Tagen besonders vorsichtig sein“, so ein Oberstabsfeldwebel mit reichlich Einsatzerfahrung. Die Vorsicht hat ihren Grund.

Rückblick: Karfreitag 2010, Provinz Chahar Darah, nahe dem Feldlager Kundus. Deutsche Soldaten sind zusammen mit afghanischen Einheiten gerade dabei, ein Minenfeld zu räumen, als sie von mehreren Seiten zugleich angegriffen werden. Ein stundenlanges Feuergefecht entbrennt, die Deutschen geraten immer weiter in die Defensive. Drei Bundeswehr-Fallschirmjäger sterben bei den Kämpfen. Acht weitere werden zum Teil schwer verletzt. Die Bergung durch amerikanische Rettungshelikopter verhindert weitere Todesopfer. Weniger Tage später fallen erneut vier Bundeswehrsoldaten bei Gefechten, darunter ein Arzt. Es sind die schwärzesten Tage für die Bundeswehr seit Beginn des Einsatzes im Jahr 2001.

Rund ein Jahr später sind die Gedanken der Soldaten in Kundus immer wieder bei den Vorfällen vor einem Jahr. Das Gespräch kommt immer wieder auf die Ostertage 2010 zu sprechen – verbunden mit der Frage: „Wird es so ruhig bleiben wie bislang – oder planen die Taliban da draußen etwas?“ Bislang gebe es auf Letzteres allerdings keine Hinweise.

Denn im Vergleich zu 2010 hat sich die Lage nach Angaben der Bundeswehr deutlich verändert: Den internationalen Truppen ist es bei den Offensiven im Oktober gelungen, die Taliban aus dem „roten Dreieck“ in Chahar Darah zu vertreiben und das Gebiet zusammen mit der afghanischen Polizei auch dauerhaft unter Kontrolle zu bringen. Effekt: Die Aufständischen können nicht wieder einsickern, Hinterhalte organisieren oder die Lager mit Raketen beschießen.
„Die Anschläge auf die Bundeswehr haben erheblich nachgelassen“, erklärt ein Oberstabsfeldwebel, „dafür haben die Aufständischen die Strategie gewechselt und konzentrieren sich nun auf die afghanische Bevölkerung.“ Erst kürzlich wurde der Polizeichef von Kundus bei einem Anschlag getötet, eine Bombe kostete mehr als 30 Bewerber vor einem Rekrutierungsbüro der Armee das Leben.

Im Gegenzug kommen immer mehr Hinweise aus der Bevölkerung über bevorstehende Anschläge: „Die Menschen wollen sich das eben erst Aufgebaute – Straßen, Schulen und Kanäle – nicht wieder kaputtbomben lassen.“ Das Partnering-Programm, die enge Zusammenarbeit mit den afghanischen Truppen, trägt nach Ansicht der Soldaten vor Ort Früchte: „Seit dem Kontingentwechsel Anfang März ist es zu keinen schweren Gefechten gekommen“, berichtet ein Soldat, „und am Winter kann es nicht liegen – der ist längst vorbei.“ Er führt es darauf zurück, dass der Strategiewechsel der Isaf im vergangenen Sommer die Wende zum Besseren war.
Doch egal ob nun am vorgeschobenen Posten in Char Darah oder direkt außerhalb des Lagers in Kundus: Die Lage kann sich schnell wieder ändern. Die Bundeswehr ist auf der Hut – ganz besonders an den Ostertagen.