Kein Leosprung nach Kundus

Der Leopard 2 in heimischem Tarnanstrich. Foto: flickr / Bundeswehr

Mit seinem Satz „Wer in das Kanonenrohr eines Leopard zwei schaut, überlegt sich zwei Mal, ob er einen deutsche Patrouille angreift„, hat der kommende Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus eine hitzige Debatte um die Ausrüstung der Bundeswehr in Afghanistan und ihre Bestände in der Heimat losgetreten. Es folgten harsche Proteste, sogar das Wort „Inkompetenz“ machte die Runde. Im Telefonat hat mir Hellmut Königshaus seinen Vorstoß nun noch einmal differenziert dargestellt: „Mir ging es grundsätzlich um die Enttabuisierung der schweren Waffen„, stellte er klar. „Letztlich soll der Kommandeur vor Ort entscheiden, welche Mittel er einsetzt. Aber wir müssen ihm alle Möglichkeiten geben.“ Und Königshaus weiter: „Ich begrüße die notwendige Debatte um die Ausrüstung der Bundeswehr. Von meiner Forderung, die Palette der Einsatzmittel zu erweitern, habe ich nichts zurückzunehmen.“ Auch zur Diskussion nach seinem Vorstoß hat er eine klare Position: „Die Kanzlerin hat inkompetente Äußerungen aus verschiedenen Richtungen kritisiert. Ich glaube nicht, dass sie mich damit gemeint hat„, so der FDPPolitiker.

Unabhängig von den politischen Debatten habe ich deshalb versucht, mich dem Thema „Unser Leo für Kundus?!“ von der rein sachlichen Seite zu nähern.

Denn Fakt ist: Deutschland verfügt mit dem Leopard II über einen der stärksten Kampfpanzer der Welt doch in Afghanistan, wo jüngst wieder drei Soldaten gefallen sind, kommt der 60TonnenKoloss nicht zum Einsatz. Immer wieder gibt es Forderungen, den Panzer in die Krisenregion im nordafghanischen Kundus zu verlegen. Doch Kanzlerin, Verteidigungsminister und auch hohe Generäle wie GI Wieker und Einsatzführungskommandochef Glatz sprechen sich eindeutig gegen den Einsatz des Kampfpanzers aus. Eine Analyse auf drei Ebenen:

Technik: Der Leopard II wurde in den 70ern entwickelt und ab Anfang der 80erJahre für die Bundeswehr beschafft. „Er war schwerpunktmäßig vorgesehen für Duellsituationen Kampfpanzer gegen Kampfpanzer zwischen Warschauer Pakt und NatoStaaten in Regionen Mitteleuropas“, so ein Sprecher des Koblenzer Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB), das nahezu das komplette Material für die Streitkräfte entwickelt, prüft und kauft. Seitdem wurde der Kampfpanzer den jeweiligen Anforderungen des Militärs angepasst.

Inwieweit der Panzer bereits für den Einsatz in Afghanistan gerüstet ist und was im Zweifel nachgerüstet werden müsste, will das BWB nicht darlegen, da sich die militärische Spitze bereits deutlich gegen einen Einsatz ausgesprochen hat. „Das wäre Spekulation“, so der Sprecher.

Sollte die Strategie aber doch geändert werden, könnte der Panzer mit Schiffen und Flugzeugen transportiert werden. Bei Letzten müsste die Bundeswehr aber auf die Hilfe von Verbündeten setzen, denn der 60Tonnenpanzer kann nur mit den USTransportern C5 „Galaxy“ und C17 „Globemaster“ oder mit einer gemieteten Antonov in die Luft gehoben werden.

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Natürlich könnte der Leopard II diesen Weg und den Kanal spielen überwinden. doch für die Bevölkerung wäre der Übergang nach dem 60-Tonnen-Gefährt wohl kaum noch zu gebrauchen. Foto: dpa

Einsatzgebiet: Mit fast vier Metern Breite und rund 60 Tonnen Gewicht wäre der Leopard mit Abstand das schwerste und sperrigste Fahrzeug im Raum Kundus. Gemessen an der Infrastruktur der Region hieße das: zu schwer für die Brücken und Straßen aus Lehm, zu breit für die schmalen Gassen der Dörfer, zu viel Feuerkraft, um im Zweifel zwischen Zivilisten und verschanzten Aufständischen unterscheiden zu können. Der Einsatzraum und die Fähigkeiten des Panzers wären somit stark eingeschränkt.

Zwar setzen Dänen und Kanadier den Panzer im Süden Afghanistans ein, doch sind dort die landschaftlichen Verhältnisse ganz anders. Zudem müssen die Kanadier mit zusätzlichen Kühlwesten ausgerüstet werden, damit sie es im stählernen Backofen aushalten können.

Strategie: „Zum jetzigen Zeitpunkt wäre der Einsatz des Kampfpanzers Leopard II nicht nur das falsche Zeichen, sondern gemessen an der Strategie, auf die Menschen zuzugehen auch völlig kontraproduktiv“, urteilt Markus Kaim, Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Zahl der zivilen Opfer, also genau das, was man vermeiden möchte, würde durch den Einsatz des Kampfpanzers weiter ansteigen. Vom eigentlichen Ziel, der „selbsttragenden Sicherheit“ für die afghanische Regierung würde man sich durch den Einsatz des Panzers nur weiter entfernen ein Signal der Hilflosigkeit statt der Stärke.

Zudem gibt Kaim eines zu bedenken: „Auch wenn es paradox klingt: Durch das Sicherheitsstreben der Isaf ist in Afghanistan ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor für die Bevölkerung geschaffen worden.“ Immer wieder kommt es beispielsweise an Kontrollposten zu unschuldigen Opfern. Auch deshalb müsse man sich angesichts der angespannten Lage mit martialischen Gesten zurückhalten, um nicht endgültig das Vertrauen der Bevölkerung zu verlieren. Die Soldaten der Allianz, aber auch die Menschen in Deutschland müssten sich trotz geschützter Fahrzeuge über eines im Klaren sein: „Die neue Strategie mit mehr Fußpatrouillen ist gefährlicher und wird mehr Opfer kosten.“

Derweil will Verteidigungsminister KarlTheodor zu Guttenberg in diesem Jahr 150 bis 200 geschützte Fahrzeuge nach Afghanistan verlegen. Konkret sind es die Fahrzeugtypen Eagle IV, Dingo II sowie den Truppenpanzer Fuchs, wie das Ministerium auf meine Anfrage erklärte. „Dabei handelt es sich weitgehend um Neubeschaffungen“, so ein Ministeriumssprecher. Also Fahrzeuge, die in erster Linie defensiv die Infantrie schützen soll.