Die Piraten sind zurück – und wer zahlt diesmal?

Großes Kaliber gegen kleine Piratenboote. Foto: flickr / Bundeswehr

Der Monsun-Regen hat sich kaum gelegt, da taucht ein altes Problem wieder am Horizont auf: Die Piraten am Horn von Afrika sind zurück. Nach der Freilassung der „Hansa Stavanger“ Anfang August dümpelte das Thema langsam aus dem Bewusstsein der Deutschen – auch wenn drei Fregatten der Bundesmarine weiterhin ihren Dienst in den Missionen Atalanta und OEF mit Hunderten Soldaten fuhren.

Die aktuelle Lage: Nun wird man das Thema nicht mehr lange umschiffen können, denn die Einschläge kommen näher, die Angriffe häufen sich wieder. Vor einer Woche konnte die deutsche Fregatte Bremen mutmaßliche Piraten stellen, auch wenn keine Waffen an Bord gefunden wurden. Die sollen die Bootsinsassen zuvor über Bord geworfen haben. Anschließend konnten die Personen die Fahrt im größten der drei Boote fortsetzen, die beiden kleineren versenkte die Bundesmarine. Erst am Sonntag verhinderte die Fregatte Augsburg einen Angriff auf den Frachter „MV Thor Spring“ (73 Meter lang, unter der Flagge Maltas).

Weniger Glück hatten derweil die „Kota Wajar“ (184 Meter, Singapur) und die De Xin Hai (225 Meter, China, 25 Mann Besatzung) – beide wurden südlich des Sicherheitskorridors aufgebracht, was nur einen Rückschluss zulässt: Die Piraten haben die Pause des Monsuns offenbar genutzt, um sich zu verstärken und operieren samt Mutterschiffen nun noch weiter draußen auf hoher See, als vor der Unterbrechung. Das Problem der internationalen Flotte, dass es völlig unmöglich ist, dass gesamte Seegebiet vor Ostafrika mit wenigen Kriegsschiffen zu sichern, wird so erneut unterstrichen. Damit sind derzeit 6 Schiffe in den Händen der Piraten.

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Die Fregatte "Bremen" sichert unter deutscher Flagge auch Schiffe deutscher Reeder, die aus steuerlichen Gründen unter fremder Flagge fahren. Foto: dpa

Warum es uns betrifft: Das Internationale Schifffahrtsbüro in London (IMB) führt täglich neue Angriff auf. Und die grassierende Piraterie betrifft die deutsche Wirtschaft ganz unmittelbar. Zwar fahren nur 1,9 Prozent der weltweiten Tonnage unter deutscher Flagge. Schaut man aber genauer hin, dann gehören mehr als 3500 Schiffe deutschen Reedern – die zweitgrößte Flotte weltweit nach Japan und mehr als doppelt so viele, wie die Vereinigten Staaten haben.

Womit sich eine politische Frage stellt: Hat nur derjenige den staatlichen Schutz der Bundesmarine verdient, der seine Schiffe auch im staatlichen Steuersystem fahren lässt? Vieles erinnert  an die Banken in der Finanzkrise, die Gewinne privatisieren und Verluste gerne verstaatlichen wollen, indem sie auf die Solidarität des Staates und der Gesellschaft pochen. Zwar haben die Reeder eine mit der Regierung abgesprochene „Rückflaggung“ umgesetzt: Doch 500 Schiffe unter deutscher Flagge sind nur ein Bruchteil der gesamten Flotte. Hier sind sicher noch einige Fragen zu klären und von der kränkelnden Reederbranche sind kaum Vorschläge zu erwarten. Doch Fakt ist: Wenn die Weltwirtschaft wieder anzieht, werden auch die Riesenfrachter wieder aus der Mottenkiste geholt – und die Piraten werden sich wie ein Schwarm Haie an deren Schiffsheck festbeißen.

Spätestens dann wird sich rächen, dass die Staatengemeinschaft viel zu lange nur die Auswirkungen des „gescheiterten Staates Somalia“ bekämpfte, anstatt sich um die Ursachen zu kümmern. Zwar haben die EU-Verteidigungsminister vor wenigen Tagen beim Treffen in Göteborg eine Ausbildungsmission vereinbart, durch die somalische Polizisten im benachbarten Dschibuti trainiert werden. Doch wie lange so etwas dauern kann, bis es wirklich Früchte trägt, zeigt sich in Afghanistan. Immerhin, es ist nach Jahren des Wegsehens endlich ein Anfang.

Abschließend noch ein wenig Statistik aus dem aktuellen Bericht des IMB über die vergangenen neun Monate, der heute Nachmittag veröffentlicht wurde. Zur weltweiten Piraterie heißt es darin:

  • 306 Angriffe (2008 noch 293)
  • 114 Schiffe geentert,
  • 34 Schiffe entführt
  • 88 beschossen.
  • 661 Crewmitglieder als Geisel genommen, 12 verschleppt, acht werden noch vermisst.
  • Bei einem von neun Angriffen können die Piraten das Schiff in ihre Gewalt bringen. Im Vergleichszeitraum 2008 lag dieser Wert noch bei 1 zu 6,4.
  • Die Zahl der Überfälle, bei denen Schusswaffen zum Einsatz kamen, stieg um über 200 Prozent.
  • Vor den Küsten Somalias wurden in den ersten drei Quartalen 47 Vorfälle gemeldet – im Vergleichszeitraum 2008 waren es nur 12.
  • Für den Golf von Aden stieg die Zahl der Angriffe in den ersten neun Monaten auf 100 Angriffe, verglichen mit 51 im Vorjahreszeitraum.

Der komplette Bericht (auf Englisch) ist auf der Seite des IMB kostenlos bestellbar.