Petraeus‘ Löschtaste

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Freundliches Lächeln, tödliche Befehle: David Petraeus - "Achtung, gleich drücke ich wieder auf die Taste". Foto: dpa

Er kann so verbindlich dreinschauen. Viel freundlicher als sein Vorgänger, der asketisch, martialische Stanley McChrystal. Aber man sollte sich in David Petraeus nicht täuschen. Er hat die Strategie entwickelt, die McChrystal knallhart umsetzte. Und jetzt nimmt Petraeus das Heft in Afghanistan selbst in die Hand.

„Jagd den Feind schonungslos. Zusammen mit den afghanischen Partnern verbeißt Euch im Gegner und lasst ihn nicht entkommen. Wenn die Extremisten kämpfen, lasst sie dafür bezahlen. Sucht und eliminiert jene, die die Bevölkerung bedrohen. Lasst sie die Unschuldigen nicht einschüchtern. Nehmt das ganze Netz ins Visier, nicht nur die einzelnen Personen.“

In seiner neuen Richtlinie für den Einsatz (Guidance via Spiegel-Online)wählt der Isaf-Kommandeur klare Worte. Zwar stellt er das Wohl der Bevölkerung sowie den Kampf um „Köpfe und Herzen“ natürlich an den Anfang. Doch so werbend seine Worte für den Umgang mit den Afghanen sind („Lebt unter den Menschen, die ihr beschützen wollt. Wir können nicht zum Kampf herüber pendeln“), so unbarmherzig geht er mit dem Gegner um. Fast klingt es nach einer militärischen Löschtaste, die der Amerikaner nun drückt.

Doch seine Mittel erscheinen zweifelhaft: Spezialkommandos die gezielt Taliban-Anführer aufspüren und töten. Nun ist es nicht gerade so, dass die Taliban wegen ihrer Ritterlichkeit und rücksichtsvoller Handlungsweise berühmt sind. Ganz im Gegenteil: Ihr Vorgehen ist hinterhältig, grausam und kriminell – gegen Soldaten wie Zivilisten gleichermaßen, egal ob Afghane oder nicht. Jeder „ausgeschaltete“ Kommandeur ist ein Vorteil für die Isaf-Soldaten, ebenso wie für die tyrannisierte Bevölkerung. Und wenn Petraeus die Botschaft „Wer meint, bei den Taliban Karriere machen zu können, wird nicht alt werden“ vermittelt, ist das auch ein Erfolg der psychologischen Kriegführung.

Das Problem liegt woanders: Die Alliierten – und vor allem die Bundeswehr – haben sich immer damit gerühmt, dass sie auch im Gefecht mit einem solchen Gegner an den Werten und Regeln der eigenen Gesellschaft und Kultur festhalten. „Innere Führung ist in Afghanistan wichtiger denn je“, betont der Chef des deutschen Feldheeres, Carl-Hubertus von Butler, immer wieder. Doch der Krieg ändert die Dinge schneller als man schauen kann – und ritterlich war er höchstens in Hollywood-Filmen über den Roten Baron. In Teilen ist es seit Jahren immer wieder schlaglichtartig bekannt geworden, doch erst jetzt rückt es wirklich nachhaltig ins Bewusstsein der Gesellschaften im Westen vor: US-Spezialeinheiten machen gezielte Jagd auf Talibankommandeure, um diese gefangen zu nehmen oder direkt zu töten. Ersteres ist nicht das Problem, man könnte es fast als „Handstreich“ bezeichnen. Doch läuft es auf die gezielte Tötung eines Menschen hinaus, wird es an dem Punkt problematisch, wo die Soldaten nicht mehr im direkten Verteidigungsfall stehen und binnen Sekunden zu Ankläger, Richter und Henker werden. Zweifel an der rechtstaatlichen Legitimation sind also angebracht. Und was ist, wenn sich die Jäger irren? Die Herzen der Bevölkerung lassen sich durch missglückte Operationen dieser Art über Generationen verlieren.

Und was ist mit der Beihilfe? Fakt ist, dass ein solches Kommando, die Task Force 373, auf dem deutschen Stützpunkt in Masar-e Sharif stationiert ist. Allerdings dürfte die Hilfe für den Bündnispartner über deutsche Logistik hinausgehen. Und bei dieser gezielten wie verdeckten Art der Kriegsführung sind Informationen manchmal noch wichtiger als ausreichend Munition. Entsprechend logisch wäre es, dass der deutsche Kommandeur des Nordbereichs, mittlerweile ein Zwei-Sterne-General, darüber zumindest in Teilen informiert ist. Ist er es nicht, wirft es kein besseres Licht auf den Stellenwert, den die Deutschen im Norden bei ihren US-Partnern genießen. Verteidigungsminister zu Guttenberg und Kanzlerin Merkel schweigen seit Bekanntwerden der Wikileaks-Dokumente zu dem Thema. Aber spätestens zur Mandatsverlängerung muss geklärt werden, was die Bundeswehr macht, ob es notwendig ist und vor allem, ob es durch das Mandat des Bundestages gedeckt ist. Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Vorstellungen und Vorgaben aus Berlin weit hinter der Realität am Hindukusch zurückblieben.

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Die Niederländer übergeben das Kommando im Süden an Australier und Amerikaner. Foto: dpa

Und noch ein Wort zu den Niederländern: Unser Nachbarland hat mit dem Abzug begonnen. Bis Ende September sollen rund 2000 Soldaten aus der südlichen Provinz Urusgan abziehen.

Der Truppenabzug ist in den Niederlanden allerdings sehr umstritten. Im Februar war daran die Regierung von Ministerpräsident Jan-Peter Balkenende zerbrochen. Die Sozialdemokraten verließen die Koalitionsregierung, weil sie das Afghanistan-Mandat nicht über 2010 hinaus ausweiten wollen.

Allerdings bezweifle ich, dass es in Deutschland hätte ähnlich laufen können, wenn wir noch eine Große Koalition hätten. Allerdings könnte der Schritt der Niederländer – und der bald darauf folgenden Kanadier – die Debatte wieder anstoßen, unter welchen Umständen auch die Bundeswehr aus Afghanistan abziehen kann. Oder klarer gesagt: Was sind eigentlich noch erreichbare Ziele?