Volltreffer auf die Psyche

Generalmajor Markus Kneip ist Ziel eines Bombenanschlags geworden. Nie konnten die Taliban einen ranghöheren Isaf-Offizier angreifen. Foto: flickr / isaf

Seit einer Woche bin ich in Afghanistan. Zuerst in Kundus, jetzt in Mazar-e Sharif. Viele Nachrichten, die in Deutschland über den Ticker laufen, gehen so an mir vorbei. Nicht aber die Stimmung in den Feldlagern und die Gespräche mit den Soldaten. Dabei stelle ich vor allem eines fest: Seit Mittwoch ist die Hoffnung bei vielen in Resignation umgeschlagen.

Eine Einschätzung zum Anschlag vom Samstag und seinen Folgen:


Der Anschlag trifft die deutschen Soldaten in Afghanistan tief ins Mark. Nicht nur, dass es den Taliban fast gelungen ist, den höchsten General zu töten, nicht nur, dass erneut zwei Bundeswehrangehörige ihr Leben verloren, sorgt für den großen Schock. Vor allem die Desillusionierung über die Erfolgsaussichten am Hindukusch, lassen viele seit dem Anschlag auf General Kneip resignieren.
Lange dachte man, dass nun endlich die richtige Strategie im Kampf gegen die Taliban gefunden sei. Seit Oktober hatten die Deutschen im Raum Kundus zusammen mit den starken US-Streitkräften Region um Region zurückerobert und mit afghanischen Partnern gesichert. Im Dutzend waren Aufständische zu den ISAF-Truppen überglaufen, das Taliban-Aussteigerprogramm schien zum Erfolg zu werden. Und die, die weiterhin kämpfen, Bomben legten und den Hass predigten wurden bei nächtlichen US-Kommandoaktionen nach und nach aus dem Verkehr gezogen. Die Zauberformel schien gefunden.
Zugleich war das Glück auf deutscher Seite. Bei einem Anschlag am 3. Mai wurden drei Fahrzeuge durch Sprengfallen schwer beschädigt, doch alle Soldaten überlebten. „Die Angreifer saßen in den Gräben, trauten sich aber nicht raus, weil sie zu schwach waren“, berichtete ein Offizier danach. Es schien alles richtig zu laufen. Doch die Tage seit Mittwoch haben bewiesen: Es war eine Illusion. Und die Enttäuschung wiegt jetzt um so schwerer, da vorher leise Hoffnung aufkeimte.
Waren die Deutschen zu leichtsinnig? Ganz sicher nicht. Patrouillen fahren nur schwer gesichert aus den Lagern. Alles wird genau geplant. Waren die Deutschen zu optimistisch? Das ganz sicher. Es gab logische Gründe für die vermeintliche Besserung der Lage. Doch Afghanistan ist kein logisches Land. Am Mittwochmorgen war das Glück aufgebraucht.
Zugleich befinden sie sich auch in einer Zwickmühle. Sie dürfen vielen afghanischen Partnern nach rationalen Kriterien gar nicht vertrauen – und sie müssen es am Ende doch, damit der Partneransatz in Afghanistan Früchte tragen kann.
Dieser Zwiespalt hat nun erneut zwei deutsche Soldaten das Leben gekostet. General Kneip entkam nur mit Glück. Für die Taliban ist es aber auch so ein großer Sieg. Weil es ihnen wieder einmal gelungen ist, den Keil zwischen die Isaf-Soldaten und ihre vermeintlichen Partner auf afghanischer Seite zu treiben. Wie nach der Ermordung dreier Deutscher durch einen afghanischen Soldaten vor wenigen Monaten in Baghlan werden auch jetzt wieder afghanische Uniformen großes Misstrauen auslösen. Da helfen dann auch keine Erklärungen aus Politik und Bundeswehrführung. Vertrauen kann nicht befohlen werden.

Krieg – was sonst?

2863„Es ist ein Stabilisierungseinsatz“ – dieser Satz dürfte wohl auf dem Messingschild stehen, das unter Franz Josef Jungs Bild in der Ahnengalerie früherer Verteidigungsminister auf der Hardthöhe hängen wird. Ein Satz wie ein Mantra, das bei jeder Wiederholung mehr Kopfschütteln hervorrief. Letztlich war es zu einem guten Teil gar nicht mehr die wirklich Lage in Afghanistan, die zu Kritik an Jung führte, sondern der quälende verbale Umgang damit im Ministerium.

Ob sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) die rhetorischen Eiertänze fortsetzt, bleibt abzuwarten. Doch selbst wenn er ebenfalls einen Bogen um das „K-Wort“ macht, wird er es vermutlich eleganter tun, als sein Vorgänger. Vielleicht gelingt ihm auch eine Neuschöpfung – das Bundeswehrdeutsch bietet noch viele Schlupfwinkel, um Realitäten zu kaschieren. Täuschen und Tarnen eben.

Das wird aber nichts daran ändern, dass der Afghanistan-Einsatz durch seine Opfer und Intensität als Krieg wahrgenommen wird – und auch immer mehr Menschen klar von einem Kriegseinsatz sprechen. Nun kommt ein prominenter Befürworter hinzu. Michael Dutzmann, Landessuperintendent der Lippischen Landekirche und als Militärbischof höchster evangelischer Militärgeistlicher der Bundeswehr.

Bei der Evangelischen Synode – an der auch der Befehlshaber des Heeresführungskommandos Generalleutnant Carl-Hubertus von Butler teilnimmt als Vertreter teilnimmt – erklärte er nun in seinem Bericht:

„Ich selbst habe gelernt, dass es angemessen ist, von „gefallenen“ Soldaten zu reden, wie dies mittlerweile in der und in weiten Teilen der politischen Öffentlichkeit üblich ist. Was die Etikettierung des Einsatzes als Krieg“ betrifft, so trifft diese Bezeichnung voll und ganz das Empfinden der eingesetzten Soldatinnen und Soldaten: Sie erleben und erleiden, dass sie in Gefechte verwickelt werden, dass Kameraden verwundet werden und fallen und dass selbst Menschen töten müssen. Was anderes ist das als Krieg?“

Klare Worte, die vor allem vielen Soldaten, die im Einsatz in Nordafghanistan waren aus der Seele sprechen. Die Debatte um das Wort „Krieg“ wird weitergehen. Und sie wird hoffentlich noch breitere Schichten der Bevölkerung ergreifen. Es wäre einer von vielen wichtigen Schritten weg vom „freundlichen Desinteresse“ (Bundespräsident Horst Köhler), das das Verhältnis von Deutschen und Bundeswehr bislang prägt.

Die Kurzfassung des Berichts finden Sie hier: Bericht_Militaerbischof_kurz.