Tod im Indianerland

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Ehrenspalier in Mazar-e Sharif. Fotos: Peter Lausmann

Ein harter Schlag, dann ein weicher, der verklingt. Ein harter, ein verklingender. Der Trommler geht einsam voran. Vorbei an versteinerten Gesichtern, auf denen die Bahnen der Tränen in der Morgensonne schimmern. Nur die Trommel und das Dröhnen der Generatoren zerreißen die Stille Tausender Soldaten im Feldlager Mazar-e Sharif. Ein harter Schlag, ein verklingender. Im Takt der Trommel folgt die Ehrenformation durch das Spalier, dann die Geistlichen, Träger mit den Auszeichnungen der Gefallenen und einem Porträt mit Trauerflor. Die Soldaten salutieren den gefallenen Kameraden. Drei Mal. Drei Särge auf Lafetten ziehen quälend langsam an ihnen vorbei, die deutsche Flagge über das helle Holz gespannt. Als der letzte Sarg vorüber ist, senken sich die Hände – und schnellen sofort wieder hoch an die Schläfe. Im Wagen sitzend, an Händen und Kopf bandagiert, folgt ein verwundeter General der Prozession. Ein bislang undenkbares Bild für die Bundeswehr. Ein Schock.

Es sind mit die verlustreichsten Tage überhaupt für die Bundeswehr in Afghanistan und psychologisch wohl die härteste Probe seit Beginn des Einsatzes vor fast zehn Jahren. Eigentlich hätten die schweren Verluste nicht überraschen dürfen. Und doch tun sie es. Denn seit Oktober vergangenen Jahres glaubten sich die Bundeswehr und ihre Verbündeten in Nordafghanistan auf dem richtigen Weg: Die Aufständischen konnten aus den um Kundus liegenden Unruheprovinzen wie dem berüchtigten Char Darah scheinbar nicht nur verdrängt, sondern diese Regionen auch langfristig gesichert werden. Mit ihren berüchtigten Nachtaktionen setzten die US-Truppen die mittlere Kommandoebene der Taliban schrittweise außer Gefecht. Andere liefen mit ihren Kämpfern im Dutzend zum Aussteigerprogramm der Isaf über. Erst wenige Tage vor dem ersten Anschlag sprengten Experten Hunderte Kilo Chemikalien, die zum Bau von Bomben gedacht waren. Afghanen hatten das Versteck verraten. Zugleich bleibt die angekündigte Frühjahrsoffensive aus. Es wird spekuliert: Greifen die Aktionen gegen die Taliban so gut, oder sitzen sie die Isaf lieber bis zu deren Abzug 2014 aus?

Die Stimmung ist gut, als der gepanzerte Konvoi am Mittwochmorgen von Kundus ins nördliche Imam Sahib braust. Die Lage im „Indianerland“, wie es die Soldaten nennen, ist „nicht ruhig, aber stabil“. Ziel: eine gemischte Schule, mit deutschem Geld gebaut. Spezialisten wollen sich nach Fortschritten und Nöten erkundigen. Im Gepäck sind auch zwei Fußbälle für die Kinder. Es ist ein Vorzeigeobjekt des neuen Afghanistans. Doch mit einem Knistern bringt sich das alte Afghanistan in Erinnerung: „IED auf Cherry, ein Verletzter“, rauscht es aus dem Funkgerät – ein Sprengsatz ist explodiert, auf einer Straße, die den Codenamen „Cherry“ trägt. Mancher verzieht das Gesicht, hofft, dass es nicht so schlimm ist. Doch der nächste Funkspruch zerstört den Wunsch: „Ein KIA.“ Killed in action – im Kampf getötet. Jeder weiß, welche Einheit dort unterwegs ist. Jeder geht still die Gesichter seiner Freunde dort durch, betet, dass es nicht ausgerechnet diesen oder jenen erwischt hat.

Für die dritte Ausbildungs- und Schutzkompanie aus Kundus ist es, als ob der Tod sich eine zweite Chance nimmt. Bereits Anfang Mai war die Einheit an gleicher Stelle in Sprengfallen geraten. Drei Explosionen beschädigten die Fahrzeuge schwer, doch niemand wurde ernsthaft verletzt. Doch diesmal ist das Glück aufgebraucht. Eine Bombe trifft einen Transportpanzer genau so, dass der 33-jährige Hauptmann im Inneren keine Chance mehr hat.

Der Tod ist nach Monaten zu den Deutschen zurückgekehrt. Tausende Kilometer entfernt in Berlin sagt der Verteidigungsminister: „Dieser Anschlag berührt auch uns alle. Er trifft uns alle ins Herz.“ Das Gros der Einheit sind junge Männer, viele noch Jungs. Abends stehen sie in Turnschuhen vor der Unterkunft. In Turnschuhen. Die Baseballkappe schräg nach oben gestellt. Manche überdröhnen den Schmerz mit Musik. Andere greifen zum Bier. Wenige Meter weiter hängen die Flaggen auf halbmast. Vor dem Kühlcontainer steht die Ehrenwache. Und dann bricht es aus einem heraus: „Wir haben gehofft, dass es so glimpflich wie am 3. Mai abläuft. Aber es ganz anders. Und ich dachte nur noch: Lass es endlich aufhören.“

Doch es geht weiter: In der Nacht erschießen deutsche Scharfschützen zwei Männer, die Bomben vergraben wollen. Grimmige Genugtuung mischt sich in die Trauer. „Die vergraben jedenfalls nichts mehr“, raunzt ein Feldwebel. Und doch kochen die Emotionen bei der Trauerfeier im Ehrenhain des Lagers Kundus hoch: „Rot scheint die Sonne“, ein so traditionelles wie umstrittenes Fallschirmjägerlied erklingt, doch die Männer bekommen keinen Ton raus. Die Trompete spielt „Ich hatt‘ einen Kameraden“, Tränen schießen vielen in die Augen. Der höchste deutsche Soldat in Afghanistan, General Markus Kneip, spricht davon, dass der 33-Jährige das Wertvollste – sein Leben – gegeben habe. Da weiß Kneip noch nicht, dass der Tod bereits auf ihn selbst wartet. Während der Helikopter mit dem Sarg gen Westen fliegt, macht sich Kneip in die andere Richtung zu einer hochrangigen Sicherheitskonferenz mit afghanischen Polizeikräften und dem Gouverneur auf. Nach Talokan. Begleitet von seinem Adjutanten, beschützt von seinen Leibwächtern.

Wie sich nach Tagen herausstellen wird, ist es kein Selbstmordattentäter, der dort auf den deutschen General wartet, sondern eine ferngezündete Bombe. Deponiert im Gouverneurssitz von Talokan. Die Bombe reißt zahlreiche Menschen in den Tod – darunter Kneips militärischen Berater und Adjutanten, einen 43-jährigen Major aus Kastellaun, sowie einen Leibwächter. Vorübergehend gilt auch Kneip als tot. In den Kommandostäben im Hauptquartier in Mazar-e Sharif bricht Panik aus. Die Handynetze und Internetverbindungen nach Deutschland werden heruntergefahren, damit keine Nachrichten nach außen dringen, bis die Angehörigen der Toten benachrichtigt sind. Schließlich sickert durch, dass Kneip verletzt überlebt hat – im Gegensatz zum afghanischen Polizeikommandeur Daud Daud. Der Anschlag auf den General trifft Tausende seiner Untergebenen tief ins Mark.

IMG_2254Binnen weniger Tage haben die Aufständischen bewiesen, dass jederzeit mit ihnen gerechnet werden muss. Die Botschaft ist eindeutig: Ihr könnt nicht einmal euren höchsten Kommandeur vor uns schützen. Und die Anschläge scheinen wie am Himmelfahrtstag beliebig weiterzugehen – selbst in Fahrzeugen mit stärkster Panzerung sterben deutsche Soldaten. Mittlerweile ist ihre Zahl auf 52 gestiegen. Der Optimismus schlägt gnadenlos in Resignation und Ratlosigkeit um. Und vielen schwant bereits: Es wird noch lange nicht das letzte Mal gewesen sein, dass in Afghanistan der Trommler einsam durch das Ehrenspalier gehen muss.

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