Stratego

Die erste Offensive für Afghanistan geht nach innen: Mit vier Pressekonferenzen wird dem Volk auf allen Sendern, von allen beteiligten Ministern, in aller Ausführlichkeit das neue Konzept für Afghanistan vorgestellt: Mehr Truppen, mehr Ausbilder, mehr Geld. Letztlich nichts Neues, nur vor allem mehr. Endlich, nach Jahren der Halbherzigkeit, des Durchwurstelns, der Ignoranz – und der strategisch falschen Entscheidungen. Denn letztlich war es nach einer Anschlagsserie Franz Josef Jungs Entscheidung, dass Patrouillen nur noch in gepanzerten Wagen das Lager verlassen durften. Was die Soldaten (und den Minister vor Kritik) schützen sollte, war der Anfang der Unterspülung des Vertrauens zur Bevölkerung.

Nun hat man sich ressortübergreifend zu einer neuen Strategie zusammengerauft, um auf der Londoner Konferenz nicht von den Verbündeten überrollt zu werden. Ob der Plan aufgeht? Wohl eher nicht. Dafür kommt die Strategie zu kurzfristig und wirkt seltsam isoliert von den anderen beteiligten Nationen. Zudem ist es typisch deutsch und zugleich naiv, mit einem Plan zu einer Konferenz zu reisen und dann zu glauben, dort würde darüber diskutiert. Die Suche nach Mehrheiten ist im Hintergrund bereits gelaufen – so wie die französische Seite bei Airbus immer wieder der deutschen mit internen Absprachen zuvorkommt. Es wäre verwunderlich, entspänne sich in London wirklich eine offene Diskussion. Es wäre zu wünschen – aber ich glaube nicht daran. Es ist also fraglich, wie viel die Verlautbarungen vom Dienstag am Freitag noch wert sind. Im Zweifel nicht viel. Dann war es Brettspiel am grünen Tisch – Stratego.

Insofern sollte man nicht der Versuchung erliegen, von einer „Wende“ zu reden. Noch ist gar nichts erreicht. Weder ist klar, woher die Polizisten kommen sollen, noch gibt es entsprechend zuverlässige Projekte, in die die zusätzlichen Millionen der Entwicklungshilfe fließen können. Vom Aussteigerprogramm ganz zu schweigen, dem vor allem eine zivile Infrastruktur fehlt, in die der Ex-Taliban überhaupt aussteigen kann. Ohne Grundsicherheit wird niemand wirklich aussteigen können. Der Aussteiger mag vielleicht finanziell abgesichert sein – doch wer schützt ihn vor der Rache seiner ehemaligen Gefährten, die für Verräter nur eine Strafe kennen?

Einen positiven Effekt hat das Ganze allerdings: Endlich wird aktiv über den Einsatz diskutiert. Wobei ein strukturierteres Vorgehen vielleicht nicht verkehrt wäre. Also: 1) Nüchterne Lageanalyse (übernimmt Stanley McChrystal derzeit); 2) Endziel und Zwischenziele festlegen (Nur vage vorhanden, Abzug steht im Vordergrund); 3) Wahl der Mittel (wird zumindest jetzt neu überdacht); 4) Zeitplan (am besten morgen). Dass in diesem Konstrukt so viele Lücken sind, hat aber vor allem einen Grund, wie Berthold Kohler von der FAZ richtig analysiert: Die „neue Strategie“ ist, da bleibt sie ganz der bisherigen Afghanistan-Politik verhaftet, ein Kompromiss zwischen dem, was am Hindukusch militärisch notwendig wäre (von der Truppenstärke über die Ausrüstung bis zum Mandat), und dem, was in Deutschland als politisch durchsetzbar gilt. Die nicht kleine Lücke dazwischen, an der die neuen Berliner Pläne scheitern könnten, müssen nun auch im deutschen Sektor wieder die Amerikaner füllen. Dem ist nichts hinzuzufügen.

P.S.: Parallel läuft gerade eine Diskussion zwischen Guttenberg und US-Sonderbeauftragtem Holbrooke. Wird aber Mittwoch ab 10 Uhr auf Phoenix wiederholt. Danke für den Service an Boris Barschow (Afghanistanblog).

P.S.S.: Gerade gesehen. Sicherheitsblog-Nestor Thomas Wiegold lässt sein Blog vorerst ruhen. Hoffe auf schnelle Rückkehr. Bis dahin alles Gute.

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11 Gedanken zu “Stratego

  • 30. Januar 2010 um 10:48
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    @PI Kann man nicht nur so sehen, sollte man auch und werde ich künftig so umsetzen. Am allerletzten Ende ging gegen 23 Uhr einfach die Konzentration flöten. Danke für den Hinweis.

  • 29. Januar 2010 um 11:36
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    @Peter

    heißt es nicht p.p.s???

    pi

  • 28. Januar 2010 um 06:51
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    @admin:
    War vielleicht etwas Ellenbogen – aber Carsten hat sich nun auch wieder um sein eigenes Blog gekümmert. Wo gehobelt wird fallen Späne – ich versuch’s aber beim nächsten Mal etwas sanfter.

  • 27. Januar 2010 um 22:58
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    Die finanziellen Hilfen der USA übersteigen bei Weitem das, was alle Europäer zusammengenommen aufbringen. Vor diesem Hintergrund finde ich es ohnehin irritierend, wie wichtig sich Deutschland nimmt, wenn es aus seiner Perspektive natürlich kräftig drauflegt. Gleiches gilt für die Truppen. Das Schicksal der Afghanen entscheiden die USA!

  • 27. Januar 2010 um 18:33
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    Hallo Peter, aberwitzig ist doch auch, dass bereits jetzt die bewilligten Gelder für den zivilen Wiederaufbau nicht abfließen. Wir brauchen nicht zusätzliche Millionen; wir brauchen halbwegs funktionierende Strukturen in Afghanistan. Nur diese Seite des Aufbaus ist mühselig und lässt sich medial schlechter vermarkten. Dabei ist genau das der springende Punkt. Gelder helfen nicht, wenn sie nicht ankommen…

  • Pingback: Tweets die blog.rhein-zeitung.de » Blog Archive » Stratego erwähnt -- Topsy.com

  • 27. Januar 2010 um 13:26
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    Entsetzlich, die deutsche Afghanistan-Politik, ein einziges Desaster! Von einem Extrem in andere.Während die deutsche Politik gestern noch Frieden, Freiheit und Menschenrechte für den Hindukusch forderte, will man heute nur noch „Abzugsperspektiven schaffen“ und glaubt an eine pekuniäre Zerschlagung der Taliban. Und die Soldaten? Fünfhundert mehr für die Ausbildung in der Fläche, nicht offensiv und auch nicht ohne Risiko, dafür aber den Abzug fest im Auge. Jetzt werden die Amerikaner im deutschen Verantwortungsbereich das Kämpfen für die Deutschen übernehmen. Angeblich unter dem Kommando der Deutschen. Dann kämpfen amerikanische Soldaten unter dem Kommando des Landes, das den Kampf mit eigenen Soldaten verweigert. Bündnissolidarität mal auf Gutmenschenart, oder wie soll man diese politische Verirrung bezeichnen?

  • 27. Januar 2010 um 08:32
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    Endlich mal wieder ein Blog, das man lesen kann; danke!

    Das sieht wohl auch Ihr Kollege Luther so, der sich zur Zeit auch nicht traut über sein letztes Blog noch zu reden …

    Beide weitermachen!

  • 27. Januar 2010 um 00:04
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    Dass eine (durchaus mehr als kleine) Lücke zwischen dem, was notwendig wäre, und dem, was jetzt Strategie wird, klafft, heißt doch vor allem eines: Die Sicherheit, für die man die Verantwortung irgendwann in den nächsten Jahren an die Afghanen abgeben will, wird man vorher nicht wirklich hergestellt haben.

  • 26. Januar 2010 um 22:37
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    bitte bitte…:-) dafür sind wir ja alle da…jetzt, nachdem einige blogs weg vom fenster sind, müssen wir mehr stemmen…

Kommentare sind geschlossen.