McChrystal außer Rand und (auf) Band

McChrystal auf einer seiner letzten Touren als Isaf-Chef. Foto: Rolling Stone Magazine

Richard Holbrook, der Sonderbeauftragte für Afghanistan und Pakistan? „Ein Wichtigtuer, dessen zahllose E-Mails nichts als lästig sind.“

James Jones, Obamas Sicherheitsberater? „Ein „Clown“, dessen Weltsicht zum Jahr 1985 passt.“

Vizepräsident Joe Biden? „Bite me“ (Auf Deutsch: „Leck mich“)

Und Barack Obama selbst? „Uninteressiert“, „Uninformiert“ – das erste gemeinsame Treffen zwischen dem Afghanistan-Kommandeur und seinem Oberbefehlshaber.

Was ist denn das? Ein General außer Rand und Band. Stanley McChrystals Rundumschlag im Magazin „Rolling Stone“ ist ein verbaler Amoklauf. Was der nun gefeuerte Isaf-Kommandeur seinen Mitstreitern und Vorgesetzten an den Kopf wirft, ist harter Tobak. Ausgerechnet der zähe Ausdauersportler, der loyale Feldkommandeur Obamas sorgt für einen handfesten politischen Skandal. Von einem Versehen oder einem einmaligen Ausrutscher ist wohl kaum auszugehen. Wie tief mussten also die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Politik in Washington und der Armeeführung in Kabul sein, dass ein Vier-Sterne-General diesen Weg wählt, um auf den Bruch aufmerksam zu machen? Und vor allem: Was sagt uns das über den Zustand der Mission in Afghanistan?

Denn eines steht fest: McChrystal wusste, dass seine Aussagen veröffentlicht würden. Der Journalist Michael Hastings hatte das Tonband immer offen dabei. „McChrystal ist bekannt dafür, dass er Risiken eingeht“, sagt Hastings. „Mich in seinem engsten Umkreis zu empfangen, war ein solches Risiko – er wusste das.“ Die journalistische Regel, sich an Absprachen über Vertraulichkeit zu halten, respektiere Hastings: „Was McChrystal in der Zeitung nicht lesen wollte, habe ich nicht verwendet.“, heißt es dazu in der Süddeutschen Zeitung.

Halten wir also fest: McChrystal musste wissen, was er tat. Bleibt die Frage nach der Intention. Entweder er wollte damit eine klare Botschaft rüberbringen, dann ist diese Form mehr als fraglich. Nach dem Codex der US-Armee ist es geradezu schändlich. Oder aber, der Frust über die Führung in Washington war so groß, dass er ihn auch bei vollem Bewusstsein nicht mehr unterdrücken kann.

Davon ist jetzt offiziell natürlich keine Rede: Nun bemühen sich alle Seiten wieder Einheit zu zeigen. Auch der Entlassene: Öffentlich betont er seine volle Loyalität zu Obama – auch wenn sich das im Rolling Stone noch ganz anders liest. Entsprechend stuft McChrystal diese Äußerungen heute als „Fehler“ ein. Es scheint, als hätte der Feldherr sein Gespür für Taktik wiederentdeckt. Auch Obama glättet die Front „Dies ist ein Personalwechsel, kein Strategiewechsel.“ Also kein innerer Zwist über den Krieg in Afghanistan? „Wir stimmen voll über die Strategie überein.“ Aha, typisch amerikanisch blickt man nach vorn. Und doch bleibt ein fader Nachgeschmack.

Den soll der binnen Minuten vorgestellte Nachfolger, David Petraeus, schnell überdecken. Obama hatte ihn als Trumpf im Ärmel behalten, sodass seine wichtigste Figur vom Spielbrett nehmen kann und trotzdem nicht kopflos dasteht. Petraeus hat sich im Irak mit seiner Strategie Lorbeeren erarbeitet. Entsprechend groß werden jetzt auch die Erwartungen in Afghanistan sein. Vor allem Obamas, denn noch ist nicht klar, wie viel von der Affäre an ihm hängen bleibt. Denn: Die Wurzeln für McChrystals Unmut können immer noch den Stamm vergiften.

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2 Gedanken zu “McChrystal außer Rand und (auf) Band

  • 29. Juni 2010 um 11:40
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    Der Loyalitätsbruch ist nicht von McChrystal ausgegangen, sondern von Obamas eigenem Stab. Biden, Eikenberry, Holbrooke und Jones verfolgen ihre eigenen Ziele und untergraben die vom US-Präsidenten genehmigte Afghanistan-Strategie. Hier liegt der wahre Loyalitätsbruch und nicht bei McChrystal, der die Strategie loyal umgesetzt hat. Und dann geht es da noch um Machterhalt. Dabei stört Afghanistan. Es stehen Senatswahlen an, was die Demokraten wegen schlechter Umfragewerte beunruhigt. Und, nicht zu vergessen, ab 2011 die Vorbereitungen auf die Wahlen zur zweiten Amtszeit Obamas. Und dieser ganze politische „Bullshit“ wird auf dem Rücken der Soldaten ausgetragen. Aber wir können ganz beruhigt sein, bei uns würde das kein General wagen. Wir sind über Jahre von der Politik darüber getäuscht worden, dass sich eine Stabilisierungsoperation längst zu einem Krieg entwickelt hatte, ohne dass auch nur ein deutscher General aufgestanden wäre, um auf dieses schändliche Treiben zu verweisen. Beunruhigend ist, dass die hiesige Presse sich weitgehend instrumentalisieren lässt und die Mär vom „aufmüpfigen General“ verbreitet, der die Vorrangstellung der Politik bedroht. Lächerlich!

  • 24. Juni 2010 um 14:58
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    Hallo, habe zur Zeit keine Zeit …

    Aber wenigstens „oberflächlich“ etwas Gedachtes:
    Ich glaube das „Militär“ hat es nicht gern, dass sich „Demokraten“ einmischen.

    Natürlich sind große Ideale oft weit entfernt von der Wirklichkeit. Guantanamo passt zum Beispiel zum westlichen Rechtstaat überhaupt nicht.

    Bei Unrecht wegschauen ist so wenig Ideal wie nur den „Friedemann“ militärisch geben.

    Über die „Gratwanderung“ muss neu nachgedacht werden.

    Ist im Prinzip ähnlich wie bei „demokratischer Folterandrohung“ um Leben zu retten?

    Bis die Tage, Stefan

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