Die Trauer im Gepäck

Der Westen war angetreten, um Afghanistan zu verändern: Wahlen, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit. Doch in diesen Monaten drängt sich manchmal der Eindruck auf, dass es eher Afghanistan war, das unser Leben und unsere Gesellschaft verändert hat. Das wird an einem Punkt besonders deutlich: Trauer. Öffentliche Anerkennung und Trauer für gefallene Soldaten? Beistand für die Familien? Gottesdienste, zu denen auch die Regierungschefin und der Verteidigungsminister kommen? Das war bis vor zwei Jahren undenkbar. Getötete Bundeswehr-Soldaten wie in Bosnien oder dem Kosovo wurden gar nicht erst wahrgenommen. In Afghanistan war es zunächst immer ein Unfall, schließlich befanden sich die deutschen Streitkräfte in einem Stabilisierungseinsatz und nicht in einem Krieg. Doch nach den sieben Gefallenen um Ostern war auch hier erstmals öffentliche Aufmerksamkeit. Vorübergehend?

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US-Präsident Obama nimmt in Dover die Särge gefallener US-Soldaten in Empfang. Foto: dpa

Auch in den USA hat es lange gedauert, bis sich die Nation trotz Hunderter Toter im Irak und in Afghanistan der Auseinandersetzung gestellt hat. Ex-Präsident George W. Bush hat es konsequent vermieden, mit den Särgen der Gefallenen in Kontakt zu geraten. Es passt auch nicht ins Bild: Schließlich sendete der republikanische Haussender Fox-News permanent Erfolgsmeldungen brachte und Kritik wurde als unpatriotisch gebrandmarkt. Nach „Mission Accomplished“ sollte es keine Niederlagen mehr geben. Und doch wussten die meisten, dass es anders war. Erst Barack Obama hat sich getraut, den Weg nach Dover im US-Staat Delaware zu machen. Dorthin, wo alle getöteten Soldaten zuerst landen. Ein Präsident, der für die Opfer salutiert, war eine neue Erfahrung. Sie erlaubt, die Trauer um den Verlust auch öffentlich zu zeigen. Die Zweifel an den Kriegen offen zu äußern.

Dass damit auch ein neuer Geist in die US-Gesellschaft gekommen ist, zeigt ein amerikanischer Film, der nun auch in deutsche Kinos kommen wird: The Messenger – Der Bote. Es geht um einen Soldaten, der nach schweren Kämpfen im Irak wieder in der Heimat ist und einen Spezialauftrag erhält. Zusammen mit einem erfahrenen Offizier soll er den Familien die Nachricht vom Tod ihres Sohnes oder der Tochter, des Ehemanns oder der Ehefrau überbringen. Eine Aufgabe, so ganz anders als die Erfahrungen im Irak, die er selbst nicht verarbeitet hat. Schmerzlich intensiv zeigt der Film, wie Menschen auf die schlimmste Nachricht ihres Lebens reagieren und wie sich die Boten dabei fühlen, dass sie in einer strikt festgelegten Rolle gefangen sind: Es ist der immer gleiche Satz, der die Distanz wahrt, anstatt eine Schulter zum Anlehnen zu bieten. Sie sind die Vertreter des Staates, der Korrektheit und Stärke zeigen muss. „The Messenger“ ist ein guter Film, weil er ein verstörender Film ist. Nicht umsonst ist er auf mehreren Festivals ausgezeichnet worden und hat zwei Oscar-Nominierungen erhalten.

Aber „The Messenger“ ist kein Massenkino – auch hier in Deutschland werden viele das Thema Krieg und Trauer lieber umgehen, weshalb Lichtspielhäuser den Streifen gar nicht erst ins Programm nehmen werden. Als Alternative zum Kinobesuch bietet sich daher auch ein Text von Spiegel-Autor Klaus Brinkbäumer an, der Anfang des Jahres das reale Gegenbild zum „Messenger“ begleitet hat. Der Text als pdf: SPIEGEL Bote aus dem Jenseits.

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In Seedorf waren die drei Soldaten stationiert, die am Karfreitag in Afghanistan getötet wurden. Foto: dpa

In Deutschland gehört es für die Bundeswehr zum Glück nicht zum täglichen Job, Todesnachrichten zu überbringen, weshalb es auch keine direkten Spezialisten für diese schwierige Aufgabe gibt. Dennoch sind die Stammeinheiten der Einsatzsoldaten auf den schlimmsten aller Fälle vorbereitet. Denn auch hier gilt: Sie müssen die Ersten bei den Familien sein. Die Angehörigen sollen es nicht zuerst von Dritten erfahren.

Deshalb ist der Ablauf klar geregelt: Die Nachricht vom Tod eines deutschen Soldaten trifft zuerst beim Einsatzführungskommando in Potsdam ein. Von dort werden der Verteidigungsminister, der Generalinspekteur und die Heimatkaserne des Gefallenen informiert. Umgehend macht sich dann der Bataillonskommandeur oder der Kompaniechef auf den Weg zur Familie oder der Person, die der Soldat vor seinem Einsatz schriftlich bestimmt hat. Der Offizier geht allerdings nicht allein, sondern nimmt immer einen Truppenpsychologen oder Pfarrer mit. Oft kennen die Vorgesetzten auch die Familien. Falls nicht, wird immer versucht, „ein bekanntes Gesicht“ mitzunehmen. Entsprechend kontaktieren die Soldaten auch Seelsorger im jeweiligen Heimatort. Sollte die Familie allerdings weit vom Standort entfernt und auch nicht in angemessener Zeit mit dem Helikopter erreichbar sein, wird ein ebenso ausgebildeter Offizier gleicher Rangstufe mit dem Auftrag betraut. Entscheidend ist, dass die Nachricht persönlich und so schnell wie möglich überbracht wird.

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Ein Gedanke zu “Die Trauer im Gepäck

  • 9. Juni 2010 um 07:38
    Permalink

    Danke für dieses etwas andere Blog!

    Mehr die Tage wenn ich wieder mehr Zeit habe und andere im Fussballrausch sind.

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