Die Schlachten der Zukunft werden mit Datenmengen geschlagen

Wer im Gefecht den Überblick verliert, hat schnell schlechte Karten. Dem Zugführer dieser Patrouille kann dies nicht passieren: In seinem gepanzerten Führungsfahrzeug kann er auf dem Bildschirm alle relevanten Daten abrufen. Er weiß, dass der Gegner in dem kargen Gelände nicht lange gegen seinen Trupp durchhalten kann – die geografische Aufklärung macht ihn ortskundig, obwohl er noch nie hier war. Das auf der digitalen deutlich angezeigte Minenfeld warnt vor falschen Richtungsentscheidungen. Und letztlich spielt die Zeit für den Soldaten, weiß er doch um den Sandsturm, den ihm die Meteorologenfunktion angesagt hat. Und selbst wenn das Wetter nicht schnell genug zugunsten des angegriffenen Trupps eingreift, weiß der Zugführer genau um die Freundbewegungen in der Nähe, die Luftsicherung durch Helikopter und auch die Möglichkeit, mit einem Klick Hilfe zu holen, sollte einer seiner Männer verwundet werden. All das sagt ihm ein Gerät, über Breitband verbunden mit den Zentralen der internationalen Allianz, der seine Gruppe angehört. Ein großes Netz voller Daten, so auf die einzelnen Bedürfnisse der jeweiligen Einheiten im Einsatz zurechtgeschnitten, dass der „Info-Overkill“ nicht zur größten Gefahr für die eigenen Truppen wird.

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Von Deutschland aus sollen die Planungsstäbe via Satellit direkt mit den Einheiten im Einsatzgebiet verbunden werden. Und das sowohl per Sprachkommunikation als auch mit Zugriff auf alle relevanten Datenbanken. Illustration: IT-Amt BW

Klingt gut, klingt taktisch überlegen, klingt allerdings auch ebenso nach Zukunftsmusik. Denn derzeit ist derartige Vernetzung – häufig in einem Atemzug mit dem „Infanterist der Zukunft“ genannt – noch längst nicht möglich. Aber in den aktuellen asymmetrischen Konflikten ist alle klar, dass der Allianzsoldat dem Gegner technisch erheblich überlegen sein muss, um dessen Rücksichtslosigkeit und Guerillamethoden mindestens ausgleichen zu können.

Doch noch ist es nicht soweit, fehlen Ausrüstung und Umsetzung im Einsatzgebiet. Vor allem die nötige Bandbreite, um größere Datenmengen zu übertragen, bemängeln die Soldaten im Einsatz immer wieder. Denn alle Technik hilft nichts, wenn die Verbindungen im Einsatz zu langsam sind oder gar versagen. Wie es allerdings zumindest theoretisch klappen könnte, wird an diesem Donnerstag auf der „Koblenzer Fachtagung für Informationstechnik“ diskutiert. Das IT-Amt der Bundeswehr und der Verein Afcea (Anwenderforum für Fernmeldetechnik, Computer, Elektronik und Automatisierung Bonn e.V.), in dem unter anderem zahlreiche Hersteller mitwirken. Leitthema der fünften Tagung: „Joint Combined Operations – Moderne Informationssysteme im Einsatz.“

Zehn Vorträge von Experten sollen zur Diskussion anregen – darunter Vertreter aus dem Verteidigungsministerium sowie dem IT-Amt, der Streitkräfte und Polizei, aber vor allem der Industrie, die mit Impulsreferaten einen Ausblick auf die technischen Möglichkeiten der Sicherheitspolitik in wenigen Jahren geben wollen.

Eine kleine Auswahl:

  • Ministerialdirektor Alfred Hummel, Leiter der Abteilung Modernisierung im BMVG, wird die konsequente Ausrichtung auf die Einsätze und die damit verbundene technische Ausstattung skizzieren: Wie ist der aktuelle IT-Stand in den Streitkräften und wo müssen sie hin, damit sie im Einsatz technisch überlegen und mit den Verbündeten kompatibel sind? Dazu gehört zum Beispiel auch der Drohneneinsatz in Afghanistan.
  • Konteradmiral Andreas Krause, Leiter des Einsatzführungsstabes, ist auch für die strategische Planung zur Einsatzführung verantwortlich – ohne IT heute gar nicht mehr vorstellbar. Vor allem durch die Nutzung der Systeme wird seiner Ansicht nach eine zielgerichtete Weiterentwicklung möglich. Vor allem im Bezug auf die Umsetzung des multinationalen Afghan Mission Network (AMN) will der enge Mitarbeiter des Generalinspekteurs die strategischen Ziele darstellen.
  • Als einer der Herstellervertreter wird Peter Ladstätter (Esri Deutschland GmbH) über den Schwerpunkt „Geoinformationen“ sprechen: Denn hier sieht er noch eine Menge Standardisierungspotenzial, das zu Einsparungen bei Zeit und Ressourcen führen könnte. Allerdings spricht Ladstätter dabei nicht vom klassischen Landkartensystem, sondern vielmehr von „Rauminformationssystemen“ mit dem auch logistische Aufgaben schlanker gemanagt werden. Darin eingeschlossen: Nachrichtenwesen, Luftaufklärung, Führungsinformationssysteme sowie Waffeneinsatzsysteme. Ihm geht es letztlich um das sinnvolle Verweben verschiedener Informationsstränge zu einem tragfähigen Netz.

Die meisten Beiträge werden mit kurzer Zeitversetzung nach der Konferenz auf der Afcea-Seite abrufbar sein.

Entscheidend wird letztlich aber sein, was auf den neuen Zuschnitt der Bundeswehr und vor allem ihres Budgets passt. Denn nur knapp einen Kilometer Luftlinie vom Tagungsort entfernt sagte der Verteidigungsminister im Juli: „Nicht alles, was die Industrie anbietet, müssen wir auch kaufen.“

2 Gedanken zu “Die Schlachten der Zukunft werden mit Datenmengen geschlagen

  • 4. September 2010 um 12:05
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    Jede Beobachtung erzeugt systematisch Unbeobachtetes. Wir können uns sicher sein, dass gegenerische Kräfte das sehr schnell konkretisieren dürften. Aber lassen wir unseren Technikern mal ihre Kontrollillusionen.

  • 1. September 2010 um 16:39
    Permalink

    Nicht alles was die Industrie anbietet, müssen wir kaufen.

    Wie war.
    Aber: die bietet es ja auch der anderen Seite an!

    Und: bielleicht warten wir einfach 1 Jahr – und kaufen es dan zum halben Preis beim Chinesen? 😀

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