Dexter Filkins zeigt Gesichter des Krieges

fall6Nach einigen Tagen Urlaub will ich zunächst mit einem Lektüre-Tipp einsteigen:

Kriegsreporter – das klingt in deutschen Ohren furchtbar. Nach Tod, nach brennenden Autowracks und zerstörten Häusern, nach jemandem, der dies freiwillig sucht, davon angezogen wird. Schnell ist man bei „embedded“ – einem Wort, das vor allem CNN im Irakkrieg 2003 weitgehend erfunden und zugleich verdorben hat. „Eingebettet“ waren die begeisterten Kriegsreporter des Senders, die ihre Splitterschutzweste anlegten, nachdem sie kritische und ausgewogene Berichterstattung abgelegt hatten. Ein gerüttelt Maß Misstrauen ist also angebracht, wenn sich Journalisten so nah ans Militär heranbegeben, dass sie darin aufzugehen drohen. Kriegsreporter – Kampfpartei mit anderen Mitteln?

Nur wenige beherrschen die schwierige Gratwanderung ganz nah am Geschehen dabei zu sein, das eigene Leben oft genug den beteiligten Soldaten anzuvertrauen und doch nicht die nötige Distanz zu ihrem Vorgehen zu verlieren. Einer von ihnen ist der Amerikaner Dexter Filkins, der seit vielen Jahren als Korrespondent der New York Times aus den Krisenregionen Irak, Afghanistan und Pakistan berichtet. Filkins war schon lange da, bevor die Soldaten kamen. Sein Blick gilt – journalistisch sauber – nicht nur den beiden beteiligten Konfliktparteien, sondern ebenso einer dritten Kraft, die im besten Fall genau dazwischen steht: den Journalisten. Viele seiner Erfahrungen hat er in einem beeindruckenden Buch zusammengestellt, dass nun auch in Deutschland unter dem Titel „Der ewige Krieg“ erhältlich ist.

Die Menschen: Filkins ist kein „Embedded“ und wenn doch, dann im Volk. Seine Methode hat sich bewährt: Mithilfe einheimischer Vertrauensmänner, die als Fahrer, Leibwächter und Fotografen auf ihn achten, kommt er näher an die Menschen in den Krisengebieten heran, als es die meisten Korrespondenten je könnten. Filkins trifft die verstörten Hinterbliebenen derer, die das Saddam-Regime ohne Grund und Klage verschleppte, bestialisch folterte, ermordete und schließlich irgendwo verscharrt. Im Schutz der Nacht trifft er die Hintermänner der Aufstände und Bombenbauer, interessiert sich aber genauso für die einfachen Menschen, die friedlich ihren Tee in einem Straßencafé trinken wollen. Dabei gelingt es ihm, dass die Personen nicht Statisten im großen Ganzen einer kriegerischen Zeit im Nahen Osten sind, sondern dass er ihnen ein Gesicht gibt, indem er ihre Geschichten erzählt von 1998 bis heute.

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Auch die andere Seite hat ein Gesicht, wird nicht auf Uniformen und Dienstränge reduziert: Da ist Captain Omohundro, die Verkörperung von Ruhe und Vertrauen, der selbst im Kessel von Falludscha die Nerven behält, als die meisten nicht mehr wissen, ob vor oder zurück der sichere Tod lauert. Filkins beschreibt das Leben der Soldaten die über Tage in den vermeintlich sicheren Kellergewölben halbzerstörter Häuser vegetieren, beschützt von den Scharfschützen auf dem Dach.

Doch es sind mehr als Momentaufnahmen: In vielen Details zeigt Filkins, wie sich das Image der Amerikaner vom Befreier zum Besatzer wandelt, wie sie die Strategie ändern und wie sie letztlich frustriert verzweifeln. Konkret zeigt das der Fall des US-Oberstleutnants Nathan Sassaman – charismatischer Truppenführer, Football-Held und toleranter Menschenfreund. Er will den Irakern die Demokratie bringen, sie selbst Verantwortung übernehmen lassen. Doch sein Idealismus erschöpft sich mit den Monaten im Zweistromland. Zunehmend lenkt der Frust seine Befehle, greift er zu härteren Methoden, lässt Dörfer aus Sicherheitsgründen abriegeln. Sein Abschied aus dem Irak ist letztlich unrühmlich. Seine Soldaten treiben zwei Iraker nachts in den Tigris – einer kommt mutmaßlich um, Sassaman muss die Verantwortung übernehmen.

FilkinsDoch Filkins spart auch seine eigene Zunft und deren Folgen nicht aus: So sterben US-Marines, weil sie Filkins und seinen Fotografen begleiten, damit diese Fotos bei einem Turm machen können. Selbstkritisch beschreibt der Korrespondent, wie er der Familie der Gefallenen begegnet. Bewegende Momente, sachlich erzählt, die über den Sinn und Unsinn des Berichterstatterhandwerks grübeln lassen.

Unten ist noch eine Lesung mit Filkins samt Austausch über das Buch zu sehen – leider nur auf Englisch.

Apropos Krieg: An diesem Dienstag wird die Rhein-Zeitung von Internet-Autor Sascha Lobo geführt. Er will unter anderem den Schwerpunkt „Vergessene Kriege“ setzen. Was dabei rauskommt, ist dann Mittwoch im Blatt zu lesen.

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3 Gedanken zu “Dexter Filkins zeigt Gesichter des Krieges

  • 18. Mai 2010 um 20:05
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    Der Vergleich passt sicher. Wobei Filkins sich auf Irak und Afghanistan konzentriert, während Nachtwey an mehreren Schausplätzen wie dem Balkan, Indonesien, Afrika und dem Kaukasus auftaucht. Aber es eines ist ganz klar: Eine kleine Kamera über dem Auslöser anzubringen, ist einfach toll.

  • 18. Mai 2010 um 19:59
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    Das erinnert mich stark an den Film „War Photographer“ von James Nachtwey. Mal sehn ob ich mir das Buch zu Gemüte führe. Vielen Dank für den Tipp.

  • 18. Mai 2010 um 07:48
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    „Filkins ist kein “Embedded” und wenn doch, dann im Volk. Seine Methode hat sich bewährt: Mithilfe einheimischer Vertrauensmänner, die als Fahrer, Leibwächter und Fotografen auf ihn achten, kommt er näher an die Menschen in den Krisengebieten heran, als es die meisten Korrespondenten je könnten. Filkins trifft die verstörten Hinterbliebenen derer, die das Saddam-Regime ohne Grund und Klage verschleppte, bestialisch folterte, ermordete und schließlich irgendwo verscharrt. Im Schutz der Nacht trifft er die Hintermänner der Aufstände und Bombenbauer, interessiert sich aber genauso für die einfachen Menschen, die friedlich ihren Tee in einem Straßencafé trinken wollen. Dabei gelingt es ihm, dass die Personen nicht Statisten im großen Ganzen einer kriegerischen Zeit im Nahen Osten sind, sondern dass er ihnen ein Gesicht gibt, indem er ihre Geschichten erzählt von 1998 bis heute.“

    Danke für den Buchtipp.
    Ich werd‘ das Buch in meinem (Juli-)Urlaub auch lesen.

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