Der Minenräumer ist da, aber nicht bereit

MineHätte bessere Ausrüstung am Himmelfahrtstag den Tod eines Soldaten verhindern können? Der Wehrbeauftragte lenkt die Debatte nach der Anschlagsserie erneut in diese Richtung. Fakt ist: Die Amerikaner haben das „Road Clearing Package“, das eingegrabene Sprengfallen finden und entschärfen kann. Die Deutschen haben so etwas theoretisch auch. Theoretisch. Denn noch steckt der „Minenwolf“ in der Erprobung. Als „Einsatzbedingter Sofortbedarf“ soll er zwar Vorrang vor anderen Projekten haben. Doch nach wie vor steht das Gerät nicht zur Verfügung.

Anbei ein Text aus dem März, der sich mit Vor- und Nachteilen des Minenwolfs auseinandersetzt. Leider ist das Thema nun wieder aktueller denn je.

Minenwolf gegen Sprengfallen

Koblenz. Rein statistisch gesehen, sind schießende Taliban nicht das Hauptproblem der Isaf-Soldaten in Afghanistan. Der häufigste Grund für Gefallene ist eine viel heimtückischere Waffe: die improvisierte Bombe – im Nato-Sprech nur IED genannt. Im Januar kamen in Afghanistan allein in einer Woche fünf Soldaten durch IED-Anschläge ums Leben.

Mit den Jahren des Konflikts haben die Taliban aufgerüstet: Statt Autobomben oder Selbstmordattentätern setzen sie mittlerweile auf die bis zu einem Meter unter der Oberfläche vergrabenen Sprengfallen (oft mit mehr als 60 Kilo Sprengstoff), die ferngesteuert oder durch eine Kontaktplatte ausgelöst werden. Selbst gepanzerte Fahrzeuge und ihre Insassen haben dagegen kaum eine Chance.

Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) testet in Koblenz derzeit ein mögliches Gegenmittel auf seine Einsatztauglichkeit: den MiniMineWolf der deutsch-schweizerischen MineWolf AG. Anders als die Minenwölfe, die bisher in der humanitären Räumung von Landminen an der Erdoberfläche eingesetzt wurden, kann das neue System erkennen, ausgraben und kontrolliert sprengen. Dass es erst im zehnten Jahr des Afghanistan-Krieges entwickelt wird, führt Pionier-Oberst Jörg Busch darauf zurück, dass die deutschen Truppen im Norden bis vor wenigen Jahren von der Bedrohung durch IEDs verschont geblieben sind.

Für die zivilen Prüfer des BWB ist die entscheidende Innovation, dass der MiniMineWolf über Ton und Video aus mehreren Hundert Metern ferngesteuert werden kann. Deshalb gehören letztlich drei Fahrzeuge zu einem Minen-Trupp: Ein Detektorfahrzeug, das die Bombe ortet, der einem Bagger ähnliche „Manipulator“, der die Bombe ausgräbt und unschädlich macht, und letztlich ein Kommandofahrzeug vom Typ „Fuchs“, von dem aus alles gesteuert wird. Sollte bei der Bergung etwas schiefgehen, könnte der Minenwolf durch seinen rund sieben Meter langen Ausleger ohne größere Schäden davonkommen. Nur die austauschbaren Werkzeuge am Ende des Auslegers würden beschädigt. Derzeit ist allerdings noch unklar, wie effektiv der Detektor die in der Erde vergrabenen Sprengkörper aufspüren kann.

Doch auch der Einsatz des Minenwolfs ist nicht frei von Gefahr. Die drei Fahrzeuge müssen während ihrer teils langwierigen Arbeit durch weitere Truppen geschützt werden. Das Räumen eines einzelnen IED wird so zur militärischen Operation. Zudem müssen die eigenen Jammer – Geräte, mit denen die Funkzündungen der Taliban verhindert werden – während der Operation ausgeschaltet werden, um die eigene Videofunkverbindung nicht zu stören. Letztlich hängt alles von effektiver Aufklärung ab, damit der Minenwolf-Trupp nicht in einen Hinterhalt gerät.

Bis zum Spätsommer sollen die Tests in der Wehrtechnischen Dienststelle (WTD) 51 in Koblenz-Rübenach abgeschlossen sein. Dann ist die Anschaffung von insgesamt sieben Systemen geplant – vier für den Einsatz in Afghanistan, drei für die vorangehende Ausbildung der Fachleute in Deutschland. Die Minenwölfe gelten als „einsatzbedingter Sofortbedarf“, also so schnell wie möglich. Wie dringend, wird vielen Mitarbeitern der WTD 51 täglich auf dem Weg zur Arbeit vor Augen geführt: Im wenigen Kilometer entfernten Bundeswehrzentralkrankenhaus liegen die Opfer der Taliban-Sprengfallen.

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4 Gedanken zu “Der Minenräumer ist da, aber nicht bereit

  • 7. Juni 2011 um 14:07
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    Eigentlich ein Witz. Warum muss das (MinenRäum)-Rad nochmal neu erfunden werden? Warum wird das nicht einfach bei denen gekauft/geleast die es haben? Kriegführen kostet halt Geld. Und die Sicherheit der Soldaten auch. Oder ist die nicht soviel wert?

  • 5. Juni 2011 um 16:11
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    … bis vor wenigen Jahren verschont…

    Ob die Bundeswehrführung auch jedes Jahr auf’s Neue von Weihnachten überrascht wird?

    Die Amerikaner erhalten regelmäßig Auszeichnungen für die Evakuierung von verletzten deutschen Soldaten aus dem Gefecht. Warum? Weil wir Deutschen dazu nicht entsprechend ausgerüstet sind.

    Aber warum ist man nicht konsequent und „leiht“ sich die Fähigkeit Mine-Clearing oder ein entsprechendes System ?

    Warum wollen Poltik und BWB nicht begreifen, dass hier kein Raum für langwierige Entwicklugen ist? Die Antwort liegt in den Forderungen des Finanzministers : offenbar alles zu teuer und es muss gespart werden.

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  • 4. Juni 2011 um 10:23
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    Danke für den Prüfbericht.

    Ein Kraftwerk (z.B.) darf erst laufen, wenn die Systeme freigegeben wurden.

    Warum lässt man Soldaten (seit Jahren!) ohne System laufen???
    Wohl noch kein Politikersohn umgekommen.

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