Das Fenster zum Krieg geöffnet

Wikileaks_-logoWikileaks sprudelt wieder – und stellt alles bisherige in den Schatten. 90.000 Dokumente zum Afghanistankrieg schildern die Lage, wie sie wirklich ist. Und das ist offenbar ganz anders, als es die Regierungen so gerne optimistisch verkünden. Was auf der Kabuler Konferenz gefeiert wurde, ist entweder Selbsttäuschung oder schlicht gelogen. Auch in Berlin muss man sich fragen, ist die Mission überhaupt noch zu erfüllen, wenn die Dinge wirklich so stehen? Denn die Amerikaner haben ihren Partnern längst nicht die ganze Wahrheit erzählt. Und die Partner, wie Deutschland, wollten die ganze Wahrheit auch erst gar nicht hören.

Die Dokumente sind bei www.wikileaks.org im Original lesbar.

Gute Zusammenfassungen finden sich bei Spiegel, Zeit, New York Times und Guardian. Bei letzteren ist sogar ein kurzes Video angehängt, dass erklärt, wie die Daten in interaktiven Darstellungen aufbereitet worden sind. Eine schlichtweg großartige Arbeit, die zeigt, wozu investigativer Journalismus im Zusammenspiel mit dem Internet möglich ist.

Deshalb von mir nur ergänzend eine kurze Einschätzung:

Für das Pentagon ist die jüngste Wikileaks-Veröffentlichung der schlimmst anzunehmende Unfall – schlimmer als jeder KGB-Agent, schlimmer als jede Datenpanne in der Geschichte der Behörde. Denn auch wenn die Betreiber der Internetplattform betonen, dass keine aktuellen Aktionen und Truppenpositionen darin enthalten sind – allein aus der Fülle des Materials können Verfahrensmuster, Hintergründe, Stärken und vor allem Schwächen abgeleitet werden. Für die US-Regierung sind die Auswirkungen verheerend, denn das Verhältnis zu Gegner, Partner und Öffentlichkeit hat sich schlagartig verändert.

Vor allem den Taliban und ihren Unterstützern fallen kostenlos mehr Informationen in die Hände, als sie mit bezahlten Spitzeln jemals zusammentragen könnten. Und das die Taliban trotz aller Ideologie die neuen Medien perfekt zu nutzen wissen, haben sie immer wieder bewiesen. Sie werden diesen Vorteil propagandistisch, aber ebenso militärisch ausnutzen, wo sie nur können. Allein, dass US-Einheiten bei Ihren Aktionen nun für den Gegner ausrechenbar sind, ist ein großer Nachteil. Die USA sind gezwungen, auch erfolgreiche Konzepte umzustellen.

Auch die Isaf-Partner der USA dürften die zusätzlichen Informationen genau auswerten und dabei einige Überraschungen erleben. Denn in Afghanistan hat die mit Abstand größte Streitmacht die Partner oftmals als zweitklassige Helfer einer US-Mission behandelt und entsprechend nur mit ausgewählten Informationen versorgt. Die Allianz – aus der Kanadier und Niederländer bald ausscheiden werden – bringt der Keil „Wikileaks“ noch weiter auseinander. Kommandeur David Petraeus wird in den kommenden Wochen sehr viele Gespräche führen müssen. Und letztlich fördert es das untereinander Vertrauen nicht gerade, wenn geheime Akten plötzlich für alle Welt zugänglich sind. Zumal es nicht das erste Mal ist, dass bei den US-Streitkräften etwas durchsickert.

Den größten Druck dürften die Veröffentlichungen indes in den Gesellschaften der Isaf-Nationen erzeugen. Vor einer Woche noch haben deren Regierungen in Kabul noch „große Fortschritte“ gelobt. Vor dem Hintergrund der geheimen Berichte klingen diese Bekundungen allerdings nur noch realitätsfern und absurd. Es ist das verlustreichste Jahr für die Allianz, allein im Juni sind über 100 Soldaten gefallen – die meisten Amerikaner. Verfestigt sich in der Bevölkerung nun auch noch, dass sie bei den großen Opfern auch noch über den wahren Stand des Krieges belogen werden, könnte dies die Stimmung gegen Obama endgültig zum Kippen bringen. Für die Taliban könnte es keinen süßeren Sieg geben. Und auch in Deutschland würde dem Einsatz, der ohnehin kaum Rückhalt in der Bevölkerung genießt, endgültig der Boden unter den Füßen weggezogen.

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8 Gedanken zu “Das Fenster zum Krieg geöffnet

  • 31. Juli 2010 um 19:26
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    Super Beitrag zum Thema… Die bösen, bösen Amerikaner… Gähn!!

  • 31. Juli 2010 um 13:48
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    Die Eigentümer der Vereinigten Staaten müssen Kriege führen, sonst bekommen sie nicht das Geld für das Pentagon, Summen die dann an Lockheed und Boeing weiter gereicht werden. Es ist also sehr wichtig, dass wir Feinde haben. Deswegen erschaffen wir immer wieder neue. Das amerikanische Volk weiß dagegen nicht einmal, wo die entsprechenden Länder auf der Landkarte liegen. Wir haben ja kein öffentliches Bildungssystem, der Durchschnittsamerikaner hat fast überhaupt keine Bildung.
    ………. Nur weil wir unsere Gegner dämonisieren, können wir all diese Kriege führen – seit 1945 sind es rund dreihundert. Seit Pearl Harbor hat uns kein Staat überfallen. Wir haben gegen andere Länder immer als erste losgeschlagen. Und wir haben immer eine Entschuldigung dafür parat.
    ……. Mit solchen Argumenten hat Clinton eine Aspirinfabrik im Sudan bombardiert.

    Wir haben in Amerika eine Viertelmilliarde Menschen, von denen mehr als die Hälfte funktionale Analphabeten sind. ……. Nur ein Prozent der Amerikaner liest überhaupt Bücher.

    Gore Vidal, Schriftsteller, Publizist und früherer Präsidentenberater in einem Interview am 17. Oktober 2001

    Deutschland muß auch immer dabei sein – Großmachtgelüste

  • 29. Juli 2010 um 10:46
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    @mietsch

    Das seh ich auch so. Die Chinesen werden sich hüten hier militärisch tätig zu werden. Haben ja schon genug Ärger mit ihren rebellierenden Provinzen.

  • 27. Juli 2010 um 13:27
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    Wie das Verhältnis der USA zu ihren Verbündeten ist war schon bei Marc Lindemann nachzulesen. Also wirklich nichts neues.
    Sicherlich ist die Lage in AFG auch sehr bescheiden. Bei der Ursachenforschung stoßen wir aber auch sehr schnell auf das Problem des mangelnden politischen Willens. Dazu erinnere ich nur an das Theater mit schweren Waffen, sprich Kettenfahrzeugen, und das Drama nach dem Bombenangriff in Kunduz. Es ist nicht so, dass wir nicht gewinnen könnten, die Regierung will einfach nicht. Der Vergleich mit Vietnam hinkt für uns auch. Besser wäre einer mit Jena und Auerstedt. Dort tat die preußische Armee auch alles in ihrer Macht stehende um die Schlacht zu verlieren. Vielleicht brauchen wir ja auch wieder so eine Niederlage mit allen bitteren Konsequenzen um mal wieder auf den neuesten Stand zu kommen.

  • 27. Juli 2010 um 12:00
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    Völlig unrealistisch aus meiner Sicht. Als ob die Taliban darauf warten würden, anstatt vom Westen dann vom Osten „unterjocht“ zu werden. Die Chinesen werden bestenfalls versuchen, irgendwelche ect. doch vorhandenen Bodenschätze bei minimalem eigenen Risiko abzugreifen und das war’s.

  • 27. Juli 2010 um 11:31
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    @Lausmann: einverstanden – dass auch die Chinesen nicht selbstlos Entwicklungsdienst tun. Ich dachte mehr an die Art wie sie helfen sollen – also z.B. den Leuten vor Ort Arbeit geben und nicht nur teure Maschinen.

    Wünsche Ihnen einen schönen dienstfreien Tag, Stefan

  • 27. Juli 2010 um 09:16
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    Nur kurz, da heute nicht im Dienst.
    @stefan Stichwort Chinesen: Zwischen Entwicklungshilfe und Ausbeutung zwecks Monopolstellung bei strategisch wichtigen Rohstoffen würde ich noch eine Trennlinie ziehen.

  • 27. Juli 2010 um 07:29
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    Schöne kurze Zusammenfassung! Viele von uns haben ja nicht die Zeit für Details.

    Wir sollten von unseren Wahlkreisabgeordneten (auch jetzt in ihrer 8wöchigen Sommerpause!) ruhig konkret eine Stellungnahme einfordern (Motto: „Sind Sie immer noch für diesen Afghanistaneinsatz“?).

    Vietnam 1975 und Afghanistan 2014 – es wird wohl gneauso laufen. Aber müssen wir noch 3 Jahre tausende Kollateralschäden verursachen und hunderte Eigenopfer?

    Und wie wäre es, wenn wir das Militär total abziehen – und nur „Basis-Entwicklungshilfe“ geben würden – vielleicht sogar unter Federführung der Chinesen, die das ja offenbar ganz gut können?

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