Das asiatische Jahrhundert läuft, und Europa steht am Rande

Indien springt mit dem erfolgreichen Test einer Langstreckenrakete auf eine neue Stufe als Atommacht. Auch wenn die Rakete damit potenziell Nuklearsprengköpfe bis ins Gebiet der EU tragen könnte, muss das Deutsche und Europäer nicht umgehend in Angst und Schrecken versetzen. Indien ist nicht der Iran. Auch wenn man das Etikett Indiens als bevölkerungsstärkste Demokratie der Welt sicherlich kritisch hinterfragen darf, so hat sich das Land doch bisher immer als berechenbarer und verantwortungsvoller Staat erwiesen. Zwischen Europa und Indien bestehen stabile Handelsbeziehungen – auch im Rüstungsbereich.

Dennoch ist der Raketentest ein Weckruf für die Europäer. Denn er erinnert an das, was man in Europa nur allzu gern verdrängt: Das 21. Jahrhundert wird ein asiatisches Jahrhundert. Und es ist bereits voll im Gang. Während sich Europa – in mancher Hinsicht nicht umsonst einst von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als „alter Kontinent“ bezeichnet – vornehmlich auf die Schuldenkrise und den Abzug aus Afghanistan konzentriert, werden weiter östlich weitgehend unbeachtet die Karten neu gemischt und Machtverhältnisse neu geordnet.

Gegen wen richtet sich also die militärisch-technische Machtdemonstration Neu Delhis? Automatisch natürlich gegen den Erzfeind, die islamische Atommacht Pakistan. Angesichts der Reichweite der Rakete rückt aber auch die Regionalmacht China in das Abschreckungsfeld Indiens. Seit Jahren rüstet die Volksrepublik massiv auf und ergänzt damit ihren wirtschaftlichen Einfluss weltweit. Dabei geht es nicht allein um die Streitregion Kaschmir, die zwischen Indien, Pakistan und China immer wieder für Spannungen sorgt. Salopp gesagt: Indien und China geht es schon lange um das große Spiel. Und das wird aus einer Kombination von Bevölkerung, Wirtschaft und Militär geführt. Dazu gehört die Abschreckung durch Atomwaffen, aber auch der Einfluss durch wirtschaftliche Beteiligungen, durch Manipulation von Währungskursen und durch die Dominanz von Exportmärkten und den exklusiven Zugriff auf seltene Rohstoffe.

War die vergangenen 100 Jahre Europas Mitte geopolitisch umkämpft, so sind es seit einiger Zeit die Handelsrouten der globalisierten Welt. Vor allem der Indische Ozean ist die sensible Ader, auf der die sogenannten Seltenen Erden und Erze von Afrika in die Fabriken Chinas gelangen, um von dort in alle Welt verschifft zu werden. Peking hat dies bereits vor Jahren erkannt und seinen Einfluss in der Diktatur Myanmar dazu benutzt, Häfen zu bauen und den Transport auf dem Landweg sicherzustellen. Der Vorteil: China umgeht das nautische Nadelöhr bei Singapur. Im Umkehrschluss positioniert es sich aber auch im indischen Hinterhof. Und darauf reagiert Neu Delhi jetzt auch atomar, nachdem es sich über Jahre ein konventionelles Seewettrüsten mit China geliefert hat.

Die USA haben – gebunden durch zehn Jahre Krieg in Afghanistan und im Irak – das Ruder gerade erst herumgerissen und ihren strategischen Schwerpunkt von Europa auf den Pazifik verlagert. Getreu dem Leitsatz „Willst du das Meer beherrschen, musst du die gegenüberliegende Küste kontrollieren“ verstärken sie ihren Einfluss auf Japan, Südkorea und Taiwan. Doch viele US-Analysten befürchten, dass die letzte Supermacht bereits zu spät kommt und damit mittelfristig auch ihre Sonderstellung einbüßen wird.

 

Und Europa? Der „alte Kontinent“ wird künftig außen vor sein. Weil er sich nach 1989 ausschließlich mit sich selbst befasst und in Details verloren hat. Der EU ist es nicht gelungen, eine klare gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik zu etablieren. Am Ende steht jeder Mitgliedstaat für sich. Das gilt vor allem für Deutschland, das sich auch aufgrund seiner Geschichte nie zu einer klaren außenpolitischen und 
-wirtschaftlichen Strategie durchringen konnte. Die Angst vor den Vorwürfen wie „moderner Kolonialismus“, „Ausbeutung“ oder gar „Lebensraumpolitik“ war schlicht zu groß. Dabei wäre es möglich gewesen, eine Strategie zu finden, die diese Befürchtungen widerlegt hätte. Ein Beispiel: Am Technik- und Innovationsstandort Deutschland wäre eine ideologiefreie Debatte über einen fairen Handel mit wichtigen Rohstoffen nötig gewesen. Die daraus erwachsenen Leitlinien hätten auch Signalwirkung für andere Staaten haben können. Stattdessen hat Berlin das heiße Eisen lieber liegen lassen und nun gar keine Position – die denkbar schlechteste Variante. Denn so muss man nun zusehen, wie andere die Zukunft gestalten – und das vor allem zum eigenen Nutzen.

ANGEHÄNGT EIN VIDEO ÜBER INDIEN ALS GROSSMACHT:

Video Großmacht Indien

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2 Gedanken zu “Das asiatische Jahrhundert läuft, und Europa steht am Rande

  • 22. April 2012 um 11:37
    Permalink

    Superbeitrag – danke!

  • 20. April 2012 um 12:03
    Permalink

    Vorzüglicher, kenntnisreicher und von fundiertem Urteil getragener Kommentar!

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