Abschreckungsdonner aus Kundus

10091254Hitzige Debatten hat es vor wenigen Monaten um den Einsatz des Kampfpanzers Leopard II gegeben. Von der abschreckenden Wirkung der Mündung seines Geschützrohres war die Rede. Nach vielem Hin und Her wurden letztlich doch keine Einheiten nach Afghanistan verlegt – auch wenn die Kanadier ihn geliehen einsetzen. Die Debatte hat dennoch für eine Verstärkung mit schweren Waffen gesorgt: der Haubitze 2000 (Kaliber 155mm) wurde nach Kundus verlegt.

Vor rund drei Wochen hat das 56-Tonnen-Geschütz erstmals aus dem Lager Kundus geschossen. Um das Geschütz auszurichten und auf die Gegebenheiten im afghanischen Hochland einzustellen, berichtet ein erfahrener Batterie-Kommandeur (Batterie = Kompanie bei der Artillerie). Nun hat der Koloss erstmals im Ernstfall geschossen. Hintergrund: Um die Bergung eines durch einen Sprengstoffanschlag beschädigten Fahrzeugs zu ermöglichen, wurden fünf Schuss abgefeuert. Dabei ist scharfe Munition verwendet worden, so das Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam.

DPA erklärt dazu: „Es war nach Einschätzung von Experten der erste Einsatz von schwerer Artillerie in der Geschichte der Bundeswehr überhaupt.“ Dem widersprechen allerdings Artilleristen der deutschen Streitkräfte und berichten im Gespräch vom Einsatz der Geschütze bereits während des Kosovo-Krieges 1999.

Die Bundeswehr kann so zumindest teilweise ein strukturelles Problem abfedern: Ohne Kampfhubschrauber und oder Flugzeuge die für die Absicherung der Infanterie (Im Nato-Jargon „CAS“ – Close Air Support, also nahe Luftunterstützung) ist die Haubitze derzeit das einzige Mittel aus der Entfernung schnell Macht zu demonstrieren, ohne zusätzliche Patrouillen rauszuschicken und damit auch zu gefährden. Die Haubitze schließt damit teilweise eine Lücke die bei CAS durch die Abschaffung des Alpha-Jets gerissen wurde und durch die Querelen um den Kampfhubschrauber Tiger noch immer nicht geschlossen ist. Rund 180 Stück wurden zwischen 1998 und 2002 an die Bundeswehr vom Hersteller Krauss-Maffei Wegmann ausgeliefert.

Technisch spricht vieles für den Einsatz der Haubitze 2000. Bei 40 Kilometer Schussreichweite trifft sie Ziele bis auf 20 Meter genau. Das Gerät ist zwar fahrtüchtig und mit 60 km/h auch nicht gerade langsam, wird derzeit aber allein aus dem Feldlager Kundus genutzt, um Einsätze in Kundus und der nahen Provinz Char Darrah abzusichern. Im Notfall, erklären Artilleristen, sind 3 Schuss in 10 Sekunden, bis zu zehn in einer Minute möglich. „Damit verschafft man sich schnell Respekt. Sowohl im Aufschlaggebiet als auch bei den Spähern um das Lager, die den Abschuss hören“, so ein Stabsoffizier. Psychologisch entscheidend ist dabei: Die Deutschen bluffen nicht. Allerdings räumt der Offizier ein: „Der erste Schuss dient immer nur dazu, das Rohr von Staub, Sand und Öl zu reinigen. Der zweite zum richten. Ab dem dritten ist das Gerät dann gefechtsbereit.“

18323901Allerdings wird damit nicht „wild in der Gegend rumgeballert“. Um zivile Opfer zu vermeiden, muss allein schon nach den Einsatzregeln („Rules auf Engagement“) Blickkontakt zum Ziel sichergestellt sein. Das geht zum einen über eine Patrouille, die das Ziel nicht nur ausspäht sondern auch mit einem Laser „markieren“ kann. Über die genauen GPS-Daten kann die fünfköpfige Haubitzencrew das Ziel dann auch über Dutzende Kilometer genau anvisieren. Allerdings ist auch das sogenannte Planschießen möglich, bei dem allein nach Planquadraten auf einer Karte anvisiert wird.

Und so absurd es klingt: Das Geschütz kann auch defensiv eingesetzt werden. Wie das? Weil neben explosiver Munition auch Nebel- und Leuchtgranaten geschossen werden können. Diese könnten beispielsweise eine bessere Aufklärung bei Nachtgefechten oder die nötige Rückzugsmöglichkeit bieten.

Unten anbei ein Video der niederländischen Streitkräfte, die die Haubitze seit 2006 im Süden Afghanistans im Einsatz haben. (Mit Dank an „Nasenstaub“ bzw. „Soldatenglück“)

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5 Gedanken zu “Abschreckungsdonner aus Kundus

  • 12. Juli 2010 um 18:46
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    Einsatzrelevant sind darüber hinaus fogende Daten: Das Geschütz kann mit unterschiedlicher Rohrerhöhung 3-8 Schuss nahezu zeitgleich ins Ziel bringen.(http://www.y-punkt.de/portal/a/ypunkt/mediabild?yw_contentURL=/02DB131000000001/W2863K4F450INFODE/content.jsp)Damit übersteigt die Feuerkraft eines Geschützes die Feuerkraft eines Geschützzuges der bisher verwendeten Geschütze.Damit erhält auch die verhältnismäßig geringe Anzahl der in Afghanistan eingesetzten Geschütze eine Erklärung.

  • 11. Juli 2010 um 21:55
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    Boahh ist das geil ey, son Riesendingens, hoi, hoi, hoi.

  • 11. Juli 2010 um 20:06
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    Na ja, kleine Korrektur: es war der erste Einsatz von HE (High Explosive) Munition im Einsatz der Bundeswehr. Zwar haben die Haubitzen der PzArtBttr KFOR auch im Kosovo geschossen, damals (2001) wurde aber nur Leuchtmunition eingesetzt. For what it is worth. Ob die Bundeswehr wirklich Excalibur einführt, wage ich zu bezweifeln. Ansonsten netter Artikel.

  • 11. Juli 2010 um 14:26
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    Sehr gut recheriert. Besonders die „Experten“ Behauptung schnell zu widerlegen spricht für sie.

    Ergänzung:
    Die Artillerie plant in Zukunft „Excalibur“ Munition einzuführen. Dann sind die Treffer auf unter 10 Meter genau.

    Zur Feuerleitung hat die Artillerie derzeit zusätzlich die KZO sowie JFST auf Fennek im Einsatz.

    pi

  • 11. Juli 2010 um 13:59
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    Schöner Artikel! Hoffen wir, dass die Einsätze nicht all zu oft erforderlich werden. Aber ich begrüße es, dass die Kameraden dort nun an Handlungsfähigkeit gewonnen haben.

    An die afghanische Bevölkerung ist es das richtige Zeichen: vorsichtiger, aber notwendiger Einsatz von schweren Waffen, die präzise die Attacken der INS kontern.

    Bleibt zu hoffen, dass die INS-Propaganda nun nicht durch geschickte Kommunikation (Analog zu den Checkpoint-Schüssen auf angeblich unschuldige Zivilisten)versucht, den Einsatz dieses Mittels zu hemmen.

    Dem BMVg sei aufgetragen, der deutschen Bevölkerung zu vermitteln, dass Waffengewalt besonnen und nur mit dem mindest-notwendigen Ansatz angewendet wird.

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