Wem kann man noch trauen?

Die Manipulationsaffäre um den ADAC rüttelt an den Grundfesten der deutschen Gesellschaft. Warum eigentlich?

Wem kann man noch glauben? Tausende Eindrücke, Anfragen, Informationen prasseln auf die Menschen in der modernen Welt ein. Sie zu verarbeiten fällt immer schwerer. Insbesondere deshalb, weil vieles davon gewerblich und Misstrauen angebracht ist. Entsprechend groß ist auf der Kehrseite der Medaille der Wunsch nach Orientierung, nach absoluter Verlässlichkeit. Schlicht: nach der Wahrheit. Am besten nach einer, die schnell greifbar und begreifbar ist, verpackt in Schulnoten, Ranglisten und farbige Symbole.

Organisationen, die diese Sehnsüchte der Menschen in Deutschland mustergültig bedienten, hatten über Jahrzehnte großen Erfolg damit und erwarben sich ein nahezu absolutes Vertrauen. Doch ausgerechnet am Denkmal der populärsten unter ihnen – ADAC, Stiftung Warentest und TÜV – zeigen sich nun große Risse: Manipulierte Umfragedaten, verlorene Prozesse mit geprüften Unternehmen wie Ritter Sport und Schadensersatzklagen zu fehlerhaften Brustimplantaten – der Nimbus der Unfehlbarkeit ist dahin.

Es ist das letzte Kapitel einer Vertrauenserosion, die vor Jahrzehnten bei den Kirchen begann und sich quer durch die Gesellschaft fraß. Zuletzt erwischte es Lebensversicherer, die den Traum vom Alter in Wohlstand nicht mehr erfüllen können, und vor allem Banken. Der Anlageberater galt vielen fast als Freund der Familie. Doch den Lebensbegleiter, dem man das hart erarbeitete Geld anvertraut, gibt es für die meisten nur noch in der Werbung. Dafür haben Gier, fehlerhafte Beratungen und die Finanzkrise gesorgt.

Die Erschütterungen gehen in alle Bereiche. Selbst die Kultur bleibt nicht verschont: Günter Grass, Nobelpreisträger und lange eine moralische Instanz, demontierte sich selbst, indem er im hohen Alter einräumte, dass er zum Ende des Zweiten Weltkrieges Mitglied der hochideologisierten Waffen-SS war. Vor wenigen Tagen wurde Theo Sommer, Ex-Chefredakteur der „Zeit“ und Erklärer von Staat und Gesellschaft, wegen Steuerbetrugs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Ist denn selbst Experten nicht mehr zu trauen?

„Wir sind auf Expertenwissen angewiesen.“

Gerhard Schurz, Philosophie-Professor

Das wäre fatal. Denn: „Wir sind dringend auf Experten und deren Wissen angewiesen“, sagt Professor Gerhard Schurz, Professor für Theoretische Philosophie an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. Das reiche von Meinungsumfragen bis zu Konjunkturprognosen. Allerdings entstehe Expertenwissen nur, wenn wissenschaftliche Regeln eingehalten würden. Nur wenn sich das Wissen mit der Realität decke, entstünde auch Vertrauen. Jedoch, zieht Schurz die Verbindung zum ADAC-Skandal, kosten seriöse Befragungen Aufwand und Geld. Manche würden unter diesem Druck in Versuchung geraten, Methoden zu verwässern und Ergebnisse zu manipulieren.

„Die Experten müssen sich deshalb von den Scharlatanen deutlich abgrenzen“, rät Schurz, „durch Transparenz und Methoden, die wissenschaftlich stichhaltig sind.“ Wenn Ergebnisse unklar seien, dann gehöre es zur Seriosität dazu, das auch so zu sagen. „Nur so kann das Vertrauen in die Experten erhalten beziehungsweise wiederhergestellt werden“, so Schurz.

Die Vorstellung, dass eine Gesellschaft von Misstrauen geprägt sein könnte, wäre beängstigend: „Die Gesellschaft wäre zutiefst verunsichert.“ Wenn sich niemand mehr auf die Leistung zum Beispiel eines Amtes verlassen könne, käme es zwangsläufig zu Korruption. Die Leistung, an die man nicht glaube, versuche man sich dann zu erkaufen. „Vertrauen ist ein wichtiges Mittel, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten“, bilanziert Schurz.

Vertrauen und Zuflucht suchen die Menschen derweil ausgerechnet bei Politikern. Prominentestes Beispiel: Helmut Schmidt, 95-jähriger Altkanzler und von vielen Medien zum Orakel von Hamburg stilisiert. Egal, ob er Orkan „Xaver“ kurzerhand absagt oder provokante Kommentare zur Weltpolitik abgibt, sein Wort ist Gesetz, Kritik unerwünscht. Nichts soll das Vertrauen stören.

Wenn es um Vertrauen geht, spielt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei den Deutschen eine Sonderrolle: Egal, wie das Ansehen der Politik oder Regierung im Allgemeinen in Umfragen bewertet wird – sie ist immer obenauf. Folge: Ihr Spitzname in der Union geht mittlerweile zunehmend in den alltäglichen Sprachgebrauch über – „Mutti“. Mehr Vertrauen geht nicht.

Erfolge ohne Bestand

Von den demokratischen Verhältnissen, die man einst anvisiert hatte, ist Afghanistan weit entfernt. Auch die selbsttragende Sicherheit, das Ziel der vergangenen Jahre, steht auf tönernen Füßen. Steinmeier hat recht, dass es an vielen Orten Verbesserungen zugunsten der Menschen gibt. Aber nicht nachhaltig.

Je mehr sich die Isaf zurückzieht, desto stärker flammen regionale Konflikte auf – vor allem in Gebieten, die von der Isaf als sicher in die Verantwortung der Afghanen übergeben wurden.

Drogenbarone und Islamisten terrorisieren die Bevölkerung erneut. Polizei und Armee sind überfordert. Die Bundeswehr ist noch nicht abgezogen, da zeigt sich, dass ihre Erfolge nur auf Zeit waren.

Mein Kommentar aus der Westdeutschen Zeitung vom 9. Februar