Türkisches Schach – was Erdogan wirklich will

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Die Türkei hätte ganz andere Möglichkeiten gehabt. Mit mehr als 700 000 aktiven Soldaten verfügt Ankara in der Nato über die größten Streitkräfte nach den USA. Binnen kürzester Zeit kann Anakara die Zahl der Aktiven auf weit über eine Million Soldaten ansteigen lassen. Dass die Erdogan-Regierung  nicht zögert, diese militärische Karte auch auszuspielen, zeigen die Kämpfe gegen die Kurden. Da wagt sich die Türkei bei einzelnen Operationen auch weit ins Hocheitsgebiet des Iraks hinein. Die Soldaten sind vom Westen modern ausgerüstet und gut trainiert. Doch nach dem Abschuss eines Jets vor Syrien und dem mutmaßlichen Angriff auf einen zweiten entscheidet sich die Türkei gegen einen militärischen Alleingang und für die Disziplin im Bündnis der Nato. Warum?

Es scheint der Weg der Vernunft – aber er ist nicht selbstverständlich. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Türkei in der Zeit der AKP-Regierung sehr heißblütig reagiert, sobald es gegen die Nation, deren Stolz oder das Türkentum geht. Doch Ankara hält sich zurück und setzt auf Gespräche mit den Natopartnern. Damit will Erdogan die Deutungshoheit darüber gewinnen, wer in der Abschussaffäre der Gute und wer der Böse ist. Ungeschickt ist das nicht. Zeigt er dem Westen doch, dass sich die Türkei trotz Provokation zivilisiert und berechenbar verhält.

Doch dahinter verfolgt Erdogan eine ganz andere Agenda. Seit Jahren versucht die Türkei ihren Einfluss im Nahen Osten auszubauen. Mit dem Antritt des Außenministers Ahmet Davutoglu im Jahr 2009 ist das Bestreben sogar noch stärker geworden. Größter Gegner im Kampf um den Einfluss ist der Iran, der seine Marionette Syrien unterstützt. Die Türkei hat also großes Interesse an einem schwachen und isolierten Syrien. Doch statt den direkten Angriff zu wagen, spielt Erdogan über Bande. Strategisches Ein-mal-eins.

Und vor wenigen Minuten hat Erdogan die zweite Runde in seinem Spiel eingeleitet: Nun, da er klar gemacht hat, dass er nicht mit dem militärischen Feuer spielt, lässt er verbal aus allen Rohren feuern: Das eint die Nation hinter dem Premierminister und erhöht den Druck auf Syrien. Zugleich wird den Staaten im Nahen Osten (Ausnahme Israel) klar: Wer nicht in den Bannkreis des Irans geraten will, muss sich mit der Türkei arrangieren. Vor allem nachdem Ägypten als Regionalmacht ausgeschieden ist und Saudi Arabien ziemlich wackelt.