Der Doktor und die Gefallenen

 

Minister zu Guttenberg war erst kürzlich im OP North. Dort, wo jetzt der Anschlag verübt wurde, bei dem drei Soldaten starben. Foto: flickr / Bundeswehr

Am Ende dieses turbulenten Freitags muss eines klar sein: Die wichtigste und nachhaltigste Nachricht ist, dass in Afghanistan drei Menschen gestorben sind. Deutsche Soldaten, die im Einsatz getötet wurden, während zahlreiche ihrer Kameraden bei dem Anschlag schwere Verletzungen davontrugen. In diesen Wochen ist es manchmal nötig, auch das ausdrücklich zu betonen, was eigentlich selbstverständlich ist. Denn mittlerweile nehmen die Vorgänge um Verteidigungsminister zu Guttenberg, seine Amtsführung und seine Doktorarbeit geradezu hysterische Züge an.

Gemessen an den tragischen Ereignissen in Afghanistan, wirken die Diskussionen über mutmaßliche Plagiate oder Titelbetrug geradezu abstrakt und realitätsfern: Natürlich fordert die Opposition den Rücktritt Guttenbergs. Das gehört zum Tagesgeschäft einer Opposition. Aber wer will nach den vergangenen 16 Monaten der Ära Guttenberg im Verteidigungsministerium wirklich damit rechnen, dass der CSU-Politiker hinwirft? Es sind wohl eher die Auswirkungen dieser Hysterie, die den Blick auf das richtige Maß verschwimmen lassen.

Ob Guttenberg schludrig gearbeitet hat oder doch Flunkerei in verschärftem Maß vorliegt, muss die Universität Bayreuth prüfen. Bis dahin bleibt vieles Spekulation. Der aktuelle „Doktor in Wartestand“ hat sich zumindest wieder als taktisch versiert gezeigt, indem er den Druck rausgenommen und den demütigen, reuigen Doktoranden gegeben hat. Kleine Fehler einräumen, beschwichtigen, sich von der weichen Seite zeigen: Die Doktorarbeit „ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevoller Kleinstarbeit entstanden, und sie enthält fraglos Fehler“. Rührend, wenn schon in der Sache nicht befriedigend. Natürlich ist ein zeitweiliges Ablegen des Titels weder Fisch noch Fleisch. Es gibt nur konsequent richtig oder konsequent falsch.

Aber Guttenberg kann dabei auf seinen Instinkt vertrauen. Denn während er seine Wischi-Waschi-Erklärung abgibt, dreht sich das Hysteriekarussell schon wieder weiter. Weil er die Erklärung im Ministerium vor ausgewählten Journalisten machte, fühlte sich der Rest in der Bundespressekonferenz brüskiert. Das Empörungspotenzial wandert also recht schnell von den Fußnoten zur Kommunikationsstrategie. Das Haltbarkeitsdatum der Debatten um Guttenberg wird immer geringer. Dass der Anschlag in Afghanistan der Grund für Guttenbergs Verbleiben im Ministerium war, will ihm kaum jemand abnehmen. Die getöteten Soldaten werden damit de facto zum Randaspekt in der Doktor-Affäre degradiert. Das ist geradezu zynisch.

Richard Gutjahr: Risiko in Kairo wurde zu groß

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Nach der Mubarak-Rede heizte sich die Stimmung schlagartig auf. Journalist Richard Gutjahr entschied daraufhin, das Risiko nicht zu unterschätzen. Foto: Richard Gutjahr

In der vergangenen Woche hat Richard Gutjahr immer wieder aus dem Zentrum des ägyptischen Aufstands gegen das Mubarak-Regime berichtet – bis er am Mittwochabend die Reißleine ziehen musste. Ich habe eben mit ihm telefoniert und einen ziemlichen erschöpften Vollblutjournalisten erlebt, der an vielen Stellen emotional immer noch in Kairo ist. Und doch: So offen und ungeschminkt er über die Menschen in Kairo berichtet hat, so offen reflektiert er auch sein eigenes Tun- und das der deutschen Medien:

Was überwiegt: Die Erleichterung, der Gewalteskalation entkommen zu sein oder der Schmerz, nicht mehr im Zentrum des Aufstands zu stehen?

Ich bin ganz ehrlich froh, dort raus zu sein. Die Stimmung ist mit der Rede Mubaraks gekippt und ich konnte nicht mehr sicher sein, dass ich dort heil heraus komme. Was vorher an positiver Stimmung und Energie auf dem Tahrir-Platz war, schlug zu schnell in Gewalt um, als dass ich noch länger hätte dort bleiben können. Ich hatte vorher so geplant, dass ich jederzeit ein Flugticket aus dem Land bekommen konnte und habe mich kurz vor Beginn der Sperrstunde dazu entschlossen, das Projekt abzubrechen. Es war mir zu riskant, auch nur eine Nacht länger zu warten. Als ich das Taxi zum Flughafen nahm und die Autos mit grölenden Mubarak-Anhängern an mir vorbei in die Stadt fuhren, hat sich dieses mulmige Gefühl nur noch verstärkt.

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Richard Gutjahr

Sie konnten die eigene Sicherheit nicht mehr garantieren?

Man muss auch wissen, wann man loslassen muss. Natürlich hat man als Journalist der Anspruch, dann zu berichten, wenn es andere nicht mehr können. Das war auch der eigentliche Anlass meiner Reise nach Ägypten. Die Lage hatte es am Sonntag erlaubt, ohne Risiko einzureisen und zu berichten. Aber ab Mittwoch hat sich alles komplett gedreht. Mit jeder Stunde verschlechterte sich die Lage.

Die Berichterstattung der etablierten Medien in Deutschland über Ägypten stand zuletzt stark in der Kritik. Verkürzt lautet der Vorwurf: Dort wird Weltgeschichte geschrieben und hier „Die Küchenschlacht“ gesendet. Wie bewerten Sie das?

Da ist schon was dran. Allerdings muss man differenzieren: Die Öffentlich-Rechtlichen haben auch eine Menge anderer Fernsehkanäle und Radiosender, auf denen auch viel berichtet wurde. Allerdings hätte es auf den quotenstarken Hauptsendern sicher mehr sein können.

Wie nehmen Sie – als jemand der die Innensicht in Kairo kennt – die Berichterstattung wahr?

Als ich es zum Flughafen geschafft und freies Internet hatte, konnte ich wieder die Bilder vom Tahrir-Platz sehen, wo ich vor einer Stunde noch selbst gewesen war. Und als ich sah, was dort vorging, hat mich eine tiefe Trauer erfasst. Sicher kommt da auch die Überanstrengung dazu – aber ich hätte einfach heulen können.

Welche Rolle hat die Aufmerksamkeit ausländischer Medien für die Menschen auf dem Tahrir-Platz gespielt?

Eine sehr große. Sobald dort Kameras auftauchten, formierten sich Gruppen und machten lautstark das Siegeszeichen. Ich mit Rucksack und Fünftagebart konnte hingegen ohne die Posen mit den Menschen reden. „Bitte sag den Menschen in Deutschland, was hier mit uns passiert“, war die immer wiederkehrende Bitte der Demonstranten.

Bei Regime-Anhängern war das sicher anders…

Natürlich, sie waren viel ruppiger und schrien mir ins Gesicht – ohne dass ich aber jemals handgreiflich angegangen wurde. Ihre Kernbotschaft war aber eindeutig: „Kümmert euch um euren eigenen Dreck. Wir Ägypter regeln unsere Sachen allein!“

Sie waren sehr nah dran an den Menschen. Manchmal auch zu nah?

Ich bin recht sensibel an die Sache herangegangen. Zumal mir gleich am zweiten Kontrollposten meine Taschenkamera abgenommen wurde. Ich war also gewarnt, denn ohne Handy hätte ich gar nichts mehr berichten können. Für mich war klar: Sei vorsichtig, auch wenn es dem Schein nach friedlich ist. Erst am Dienstag habe ich wieder meinen Notizblock offen herausgeholt und habe Vertrauen zu den Menschen auf dem Platz gefasst. Das ging so bis zur Rede Mubaraks. Dann hatte ich das Gefühl, dass es kippen könnte. Und so ist es dann auch gekommen.

Sie haben die These aufgestellt, dass sich in Ägypten eine Internetrevolution abspielt. Lässt sich die These nach dieser Woche noch halten?

Jein. Die Probleme des Landes haben mit dem Internet überhaupt nichts zu tun. Das Netz diente aber als eine Art Brandbeschleuniger für den Unmut der Menschen nach 30 Jahren Polizeiregime. Die Proteste wären so oder so gekommen. Das Internet, Facebook und vor allem die Berichterstattung durch El Dschasira haben nur das Tempo erhöht.

Wie waren die Menschen auf dem Tahrir-Platz technisch ausgestattet?

Nahezu jeder dort hat ein Handy – allerdings auf klassischer Foto- und SMS-Basis. Auch die gläubigsten Muslims haben unter ihrem Gewand ein Telefon und machen davon rege Gebrauch. Smartphones findet man aber noch eher selten. Aber ich habe noch nie so viele Handys wie auf diesem Platz gesehen.

Sie haben in Ihren letzten Tweets immer wieder die Arbeit von Spiegel-Online-Korrespondent Matthias Gebauer empfohlen. Welche einheimischen Blogger würden sie außerdem empfehlen?

Dazu kann ich leider gar nichts sagen. Wegen der hohen Roaming-Gebühren hatte ich das Netz nur dann an, wenn ich selbst Fotos und Nachrichten aussenden wollte. Daher hatte ich nie die Gelegenheit, die Berichte der anderen zu lesen. Ich habe von Beginn an für mich festgelegt: Fotos, Twitter, Blog – das muss reichen.

Die vielen Gesichter eines Aufstands

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Quelle: http://www.flickr.com/photos/gutjahr/

Im Bereich der deutschen Streitkräfte gibt es derzeit sicherlich genug zu schreiben. Aber wen lassen die sich täglich ändernden Hoffnungen und Enttäuschungen in Ägypten daneben kalt? Mich nicht. Seit Tagen beobachte ich nicht nur beruflich, sondern auch privat, wie sich die Proteste langsam aufschaukelten, wie alles am Dienstag kulminierte und wie die Lage nun offenbar chaotischer denn je ist.

Mubarak tritt zurück, aber nicht wirklich. Zumindest nicht jetzt. Und was in ein paar Monaten ist, weiß heute noch keiner. Seine Verkündung ist weder Fisch noch Fleisch – und das Brot geht den Menschen in Ägypten bereits seit einigen Tagen aus.
Um so bewunderswerter ist, was Richard Gutjahr aus der Mitte der Proteste vom Tahrir-Platz in der Hautpstadt Kairo schreibt: „Die ganze Veranstaltung ist besser organisiert, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.“ Die Menschen protestieren nicht nur, so kümmern sich auch um einander. Ärzte helfen gegen die Strapazen der tagelangen Demonstrationen, andere sammeln den Müll der Hundertausend auf, damit sie nicht darin ersticken. Zugleich sorgen die Protestler innerhalb des Militärrings auch selbst für Ordnung. Gutjahr: „Man muss sich das einmal vorstellen: 1-2 Millionen Menschen, dicht gedrängt auf einem Haufen und es kommt zu keinerlei nennenswerten Ausschreitungen – was für eine Bilanz!“

Aber Gutjahr hat im Lauf des Tages auch ein Gespür dafür, dass die Stimmung kippen kann. Die Ratlosigkeit über das weitere Vorgehen nach dem vermeintlichen Einlenken Mubaraks sorgt für Verunsicherung, während die Anhängerchor des Regimes immer lauter wird.  Gutjahr zeigt seine Sympathie, ohne dabei Partei zu ergreifen. Und auch sein Handeln sagt viel über die Lage in Kairo aus: Dann, wenn er aus Vorsicht, das Zentrum meidet und die Szene aus sicherer Entfernung beobachtet.

An dieser Stelle würde ich Gutjahrs Bilder aber lieber für sich selbst sprechen lassen!

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