Das Fenster zum Krieg geöffnet

Wikileaks_-logoWikileaks sprudelt wieder – und stellt alles bisherige in den Schatten. 90.000 Dokumente zum Afghanistankrieg schildern die Lage, wie sie wirklich ist. Und das ist offenbar ganz anders, als es die Regierungen so gerne optimistisch verkünden. Was auf der Kabuler Konferenz gefeiert wurde, ist entweder Selbsttäuschung oder schlicht gelogen. Auch in Berlin muss man sich fragen, ist die Mission überhaupt noch zu erfüllen, wenn die Dinge wirklich so stehen? Denn die Amerikaner haben ihren Partnern längst nicht die ganze Wahrheit erzählt. Und die Partner, wie Deutschland, wollten die ganze Wahrheit auch erst gar nicht hören.

Die Dokumente sind bei www.wikileaks.org im Original lesbar.

Gute Zusammenfassungen finden sich bei Spiegel, Zeit, New York Times und Guardian. Bei letzteren ist sogar ein kurzes Video angehängt, dass erklärt, wie die Daten in interaktiven Darstellungen aufbereitet worden sind. Eine schlichtweg großartige Arbeit, die zeigt, wozu investigativer Journalismus im Zusammenspiel mit dem Internet möglich ist.

Deshalb von mir nur ergänzend eine kurze Einschätzung:

Für das Pentagon ist die jüngste Wikileaks-Veröffentlichung der schlimmst anzunehmende Unfall – schlimmer als jeder KGB-Agent, schlimmer als jede Datenpanne in der Geschichte der Behörde. Denn auch wenn die Betreiber der Internetplattform betonen, dass keine aktuellen Aktionen und Truppenpositionen darin enthalten sind – allein aus der Fülle des Materials können Verfahrensmuster, Hintergründe, Stärken und vor allem Schwächen abgeleitet werden. Für die US-Regierung sind die Auswirkungen verheerend, denn das Verhältnis zu Gegner, Partner und Öffentlichkeit hat sich schlagartig verändert.

Vor allem den Taliban und ihren Unterstützern fallen kostenlos mehr Informationen in die Hände, als sie mit bezahlten Spitzeln jemals zusammentragen könnten. Und das die Taliban trotz aller Ideologie die neuen Medien perfekt zu nutzen wissen, haben sie immer wieder bewiesen. Sie werden diesen Vorteil propagandistisch, aber ebenso militärisch ausnutzen, wo sie nur können. Allein, dass US-Einheiten bei Ihren Aktionen nun für den Gegner ausrechenbar sind, ist ein großer Nachteil. Die USA sind gezwungen, auch erfolgreiche Konzepte umzustellen.

Auch die Isaf-Partner der USA dürften die zusätzlichen Informationen genau auswerten und dabei einige Überraschungen erleben. Denn in Afghanistan hat die mit Abstand größte Streitmacht die Partner oftmals als zweitklassige Helfer einer US-Mission behandelt und entsprechend nur mit ausgewählten Informationen versorgt. Die Allianz – aus der Kanadier und Niederländer bald ausscheiden werden – bringt der Keil „Wikileaks“ noch weiter auseinander. Kommandeur David Petraeus wird in den kommenden Wochen sehr viele Gespräche führen müssen. Und letztlich fördert es das untereinander Vertrauen nicht gerade, wenn geheime Akten plötzlich für alle Welt zugänglich sind. Zumal es nicht das erste Mal ist, dass bei den US-Streitkräften etwas durchsickert.

Den größten Druck dürften die Veröffentlichungen indes in den Gesellschaften der Isaf-Nationen erzeugen. Vor einer Woche noch haben deren Regierungen in Kabul noch „große Fortschritte“ gelobt. Vor dem Hintergrund der geheimen Berichte klingen diese Bekundungen allerdings nur noch realitätsfern und absurd. Es ist das verlustreichste Jahr für die Allianz, allein im Juni sind über 100 Soldaten gefallen – die meisten Amerikaner. Verfestigt sich in der Bevölkerung nun auch noch, dass sie bei den großen Opfern auch noch über den wahren Stand des Krieges belogen werden, könnte dies die Stimmung gegen Obama endgültig zum Kippen bringen. Für die Taliban könnte es keinen süßeren Sieg geben. Und auch in Deutschland würde dem Einsatz, der ohnehin kaum Rückhalt in der Bevölkerung genießt, endgültig der Boden unter den Füßen weggezogen.

Die fünf Schrauben, an denen Guttenberg bei der Bundswehrreform dreht

Foto: flickr / Bundeswehr

Es ist, als sollte ein Tanker eine Pirouette dreht – nie wurde die Bundeswehr so schnell, so radikal umgebaut. Erst wenige Wochen sind die Sparpläne bekannt, schon ist die entscheidende Phase erreicht. Kanzlerin Angela Merkel sind nun drei Modelle vorgestellt worden.

Laut Zeitplan sind die Beratungen über weitere Feinabstimmungen bereits in den kommenden Tagen abzuschließen. Dann wird Generalinspekteur Volker Wieker um den 20. August herum Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Bericht erstatten, damit dieser bis Ende August die Kanzlerin über die endgültige Reform informiert. Nachtschichten sind so garantiert.

Wehrpflicht: Eine entscheidende Frage wird sein: mit Wehrpflicht oder ohne? Denn die Kurzzeitrekruten binden Ausbilder und kosten Geld – ohne direkten Nutzen für die Einsätze. Doch rechnen Experten erst zum Jahresende mit einer endgültigen Entscheidung. Grund: Die Wehrpflicht ist politisch hoch aufgeladen, eine klare Entscheidung wird es wohl erst nach den Parteitagen im November geben. Fachleute sind sich jedoch einig, dass der „Dienst für sechs Monate“ keine Zukunft hat. Derzeit spekuliert man auf eine Übergangsphase, die mit einem Freiwilligenmodell ein Hintertürchen offen lässt.

Truppenstruktur: Da nach aktuellem Stand auch Zehntausende Zeit- und Berufssoldaten eingespart werden sollen, wird es auch innerhalb der Streitkräfte zu Umbauten kommen. Dabei könnten auch Einheiten zwischen den einzelnen Teilstreitkräften verschoben werden. Hintergrund: Das Einsatzführungskommando will möglichst homogen gewachsene Einheiten in den Einsatz schicken. Momentan müssen aber Beispielsweise Infanterie (Heer), Sprengstoffexperten (Streitkräftebasis) und Ärzte (Sanitätsdienst) für Patrouillen kombiniert werden.

Hinzu kommt, dass für die aktuellen Einsätze in einem asymmetrischen Krieg vor allem Infanteristen, also Fußsoldaten, entscheidend sind. Doch ausgerechnet die sind knapp, während es daneben Truppenteile wie die gerade aus Kostengründen stillgelegte Flugabwehr gibt, die derzeit ohne sinnvollen Nutzen sind.

Führungsstruktur: Immer wieder wird der Bundeswehr vorgeworfen, dass sie zu kopflastig ist, zu viele Häuptlinge statt Indianer hat und es öfter gleich mehrere Stäbe gibt, die den gleichen Aufgabenbereich haben. Auch am Verteidigungsministerium selbst wird Guttenberg das Messer ansetzen. So wollte er den Generalinspekteur (GI) als obersten Soldaten aufwerten und auf eine Ebene mit einem verbleibenden Staatssekretär direkt unter sich stellen. Doch die hausinternen (zivilen) Juristen blockten den Vorstoß mit Verweis auf die Gesetze vorerst ab. Diese legen – als Lehre aus der Rolle der Wehrmacht im Nationalsozialismus – eine klare Trennung zwischen militärischem und zivilen Teil sowie dessen Gewichtung im Ministerium fest.

Sicher scheint indes, dass die Ebene unter dem GI, die Inspekteure der Teilstreitkräfte, der Verschlankung des Ministeriums zum Opfer fallen und den Bendlerblock verlassen müssen. Entsprechend werden auch alle nachfolgenden Kommandoebenen auf den Prüfstand gestellt.

So wird immer wieder gefordert, die Ebene der fünf Divisionen aufzulösen und stattdessen auf die nächst kleinere Einheitsgröße, die Brigade, zu setzen – so, wie es die Franzosen und Niederländer seit geraumer Zeit tun. Allerdings gibt es in der Führung der Bundeswehr Zweifel, ob diese Variante wirklich moderner und flexibler ist oder am Ende doch einen weiteren Popanz erzeugt.

Ausrüstung: Die Bundeswehr hat Ausrüstungsmängel. Das gilt insbesondere für die Ausbildung vor dem Einsatz, weil fast das komplette Material direkt ins Einsatzgebiet geht. Folge: Die Einheiten in Deutschland verschieben ihr Material je nach Bedarf von Einheit zu Einheit. Eine drastische Reduzierung der Truppenstärke könnte dieses Problem teilweise entschärfen, von der Kostenersparnis ganz zu schweigen. Doch das Sparen hat auch eine Schattenseite: Werden statt der zunächst geplanten 80 Kampfhelikopter „Tiger“ nur rund die Hälfte angeschafft, reicht letztlich auch ein Stützpunkt statt der aktuellen zwei im hessischen Fritzlar und im fränkischen Roth. Zumindest einer könnte dann das Schicksal mit dem Flugplatz Mendig teilen: Schließung.

Standorte: Die heikelste Frage wartet zum Schluss: Wer muss dichtmachen? Experten gehen davon aus, dass der Aderlass heftig wird. Erste Diskussionen blockt der Minister ab: Erst die Strukturen festlegen, dann über Standorte entscheiden, betonte er jüngst in Koblenz. Doch spätestens ab kommendem Frühjahr wird der Kampf um die Kasernen beginnen. Dann muss Guttenberg entscheiden, welche Stützpunkte zu klein, zu unrentabel oder auch veraltet sind. Es folgen die berüchtigten Briefe an die Ministerpräsidenten.

Das ist dann der Auftakt zum großen Politgeschacher, bei dem um Truppenstärken und Generalssterne gestritten wird. Am Ende soll ein politischer Kompromiss stehen, der nicht immer den sachlichen Argumenten folgen muss. Gerade erst wird die Division Spezielle Operationen (DSO) von Regensburg ins hessische Stadtallendorf verlegt – eine Kompensationsleistung aus der vergangenen Reform 2004, weil in Kassel eine Jägerdivision aufgelöst wurde. Nicht wenige Sicherheitspolitiker kritisieren den Schritt: Nicht nur, dass die DSO aus einem Traditionsstandort abgezogen wurde. Am neuen Ort fehlt auch der gerade für diese Einheit wichtige Flugplatz. Auf die grüne Wiese wurde ein komplett neuer Stützpunkt gebaut. „Nicht nur ökonomisch ohne Sinn und Verstand“, urteilt ein Fachmann.

Licht am Ende des Isaf-Tunnels – kommt der Abzug bis 2014?

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Afghanistan, seine Provinzen und die Nato-Aufteilung (Zweimal auf die Karte klicken, um sie zu vergrößern) Quelle: Isaf

Hoffnung, aber auch Skepsis. Auf jeden Fall eine Menge von beidem. Das lösen die Zahlen für ein mögliches Ende des Afghanistaneinsatzes aus. Durchgesickert sind sie beim englischen „Independent“ („Exclusive: Official – Troops out of Afghanistan by 2014″), der ein Schreiben hat, das der Uno-Sondergesandte für Afghanistan, Staffan de Mistura, an westliche Diplomaten geschickt hatte. Danach soll die afghanische Armee die Kontrolle aller Provinzen bis 2014 übernehmen. Es wäre das Licht am Ende des Tunnels in einem Einsatz, der in diesem Monat so viele Nato-Soldaten wie noch nie seit 2001 das Leben gekostet hat und dessen ohnehin mäßiger Rückhalt in den Einsatzländern weiter schwindet.

Noch in diesem Jahr sollen die ersten Provinzen übergeben werden. Die Bundeswehr will ihre erste 2011 an die Afghanische Nationalarmee (ANA) übertragen. Es wäre ein deutliches Zeichen, dass es voran geht in einem Einsatz, der fast ein Jahrzehnt läuft. Deutsche Politiker wie Militärs sprechen immer wieder davon, dass letztlich nur ein Zehntel der Provinzen wirklich als „Unruheregion“ zu bezeichnen sind. In wie weit dies nur der Theorie oder auch der Praxis entspricht, wird sich bald zeigen. Doch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat vor wenigen Tagen im Gespräch jedenfalls klargemacht, dass nur übergeben wird, wenn es die Sicherheitslage auch wirklich zulässt. „Auf Symbolik dürfen wir nicht bauen.“

Der ehrgeizige Plan, der am Dienstag auf der Afghanistankonferenz in Kabul vorgestellt werden soll, bedeutet aber auch: Bis dahin müssen die Nato-Staaten ihren Einsatz verstärken und auch mehr Geld muss fließen, damit Ausbildungs- und Reintegrationsprogramme auch wirklich greifen. Das Partnering-Programm, das in diesen Tagen anläuft, wird im Zweifel mehr Opfer – konkret: Menschenleben – kosten. Alternativen sind allerdings kaum vorhanden. Entscheidend ist letztlich, dass es eine klare Perspektive für den Abzug gibt. Die Briten beispielsweise wollen bis 2014 komplett abgezogen sein. Die Bundeswehr – beziehungsweise ihr Auftraggeber, der Bundestag – sollte das gleiche Ziel haben. Es wird hoffentlich ein Ende ohne allzugroßen Schrecken, als der Schrecken ohne Ende zu bleiben.

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Männer wie dieser ANA-Oberstleutnant sollen ab 2014 ihr Land eigenständig gegen innere und äußere Feinde verteidigen. Foto: Lausmann

Entscheidend bei diesem Plan bleibt aber leider auch, in welchem Maß Afghanistans umstrittener Präsident Hamid Karsai Korruption sowie Drogenhandel und-konsum bekämpft. Noch viel stärker als vor einigen Jahren muss man an seinen Absichten zweifeln. Dass es bereits wenige Tage nach Ankunft des neuen Isaf-Kommandeurs, David Petraeus, zu Spannungen kam, verstärkt dieses ungute Gefühl nur noch zusätzlich.

Die Afghanistankonferenz muss deshalb auch erneut dazu dienen, realistische Ziele zu definieren. „Ohne Denkverbote“, wie es derzeit  in BMVG und Kanzleramt immer wieder so schön heißt. Vielleicht kommt man dabei auch zu dem Schluss, dass ein „verantwortungsbewusster Egoismus“ das Gebot der Stunde ist. Der definiert sich so: Kein überhasteter Abzug, der alles einreißt. Aber zugleich ein viel kleinerer gemeinsamer Nenner beim Ziel der Sicherheit. Man hat Jahre gebraucht, um anzuerkennen, dass aus Afghanistan keine Demokratie nach westlichem Vorbild wird. Nun sollte man sich schneller eingestehen, dass es auch keinen starken Zentralstaat geben wird, der rechtsstaatlich von Kabul aus regiert.

Verteidigungsminister zu Guttenberg im Interview: Man muss auch Nein sagen

19675942Das Begriff Sommerreise klingt zunächst nach Muße, schmackhaften Getränken und Speisen der Region und ein wenig Verweilen im Schatten – oft mit Blick auf schöne (nein, diesmal nicht „malerische“) Landschaft. Karl-Theodor zu Guttenberg ist seit Montag auch auf einer Sommerreise, doch seine Fahrt hat so gar nichts mit dem eben beschriebenen Klischee zu tun.

Sicher, er kommt viel rum: Montag das sächsische Frankenberg, dann das bayerische Amberg, nun Koblenz. Doch viel Zeit zum Reisen im klassischen Sinn bleibt nicht. Dafür drückt der Sommer mit Macht und weit mehr als 30 Grad. Entsprechend durchnässt sind die Gastgeber im Zentrum Innere Führung und beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung nicht ob das hohen Besuches. Und eines wird vor allem in Koblenz mit seinen vielen Dienststellen bewusst: Bei allem haben Minister und Stab die Uhr im Nacken, müssen die Vortragenden bei den Dienststellen ihre Vorträge nicht nur kurzfristig eindampfen, sondern auch noch hastig darlegen. Und das Spektrum war bereits beim Zentrum für Innere Führung nicht gering: Von den Prinzipien der Inneren Führung, ihrer kulturellen Vorbereitung auf die Einsätze in anderen Kulturbereichen (Nur ein Beispiel: Dem Afghanen nie den erhobenen Daumen zeigen – dann ist nämlich gar nichts mehr top) und der Integration von „Soldaten mit Migrationshintergrund“ bis hinzum Gespräch über die Anstehenden Reformen.

Beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (Entwicklung, Erprobung, Anschaffung) schockten derweil Fotos von Wehrmaterial, dass bereits nach 4000 Kilometern Testlauf auseinanderbricht. Tenor: Alle Fehler, die hier aufgedeckt werden, werden nicht im Einsatz zur Gefahr für die eigenen Truppen. (Für den Herbst ist übrigens eine Geschichte über die Testmethoden geplant. Termin steht aber noch nicht fest.)

Guttenberg hat nach sechs Stunden immer noch keine Schweißperle vergossen, dafür aber oft die jeweiligen Vorträge unterbrochen und nachgefragt. Allerdings nicht nur nach Sparpotenzial, sondern auch nach sinnvollen Erweiterungen. „Da weht schon ein anderer Wind“, analysiert ein Oberst, „aber man muss auch auf Zack sein.“

Trotz Zeitdruck hat Karl-Theodor zu Guttenberg sich aber doch die Zeit für ein kurzes Interview zum gewaltigen Sparprogramm (8 Milliarden Euro bis 2014) genommen, das so heute in der Rhein-Zeitung erschienen ist:

Auch in Rheinland-Pfalz befürchten viele Bürger, dass Bundeswehrstandorte in ihrer Gemeinde bald schließen müssen. Sind die Sorgen berechtigt?

Wichtig bleibt, dass wir weiter mit der Bundeswehr auch eine Präsenz in der Fläche haben. Kleinere Standorte müssen nicht zwingend verschwinden, sie können aber weiter schrumpfen. Zunächst muss über die grundlegende Struktur der Bundeswehr entschieden werden. Vor Mitte 2011 wird es sicher keine Entscheidung über Standorte geben.

Sie erwähnten nun, dass Sie sechs bis acht Jahre für die komplette Umsetzung der Reform ansetzen. Oder geht es am Ende doch schneller?

Manche Stimmen haben gefordert, dass ich doch binnen ein oder zwei Jahren auf mehrere Zehntausend Soldaten verzichten soll. Würde man das so machen, ohne einen sauberen und klar strukturierten Reformansatz, würde man die Axt an die Bundeswehr anlegen. Deshalb gilt es, kluge, aber nicht überhastete, Entscheidungen zu fällen. Allerdings müssen diese bald fallen, weil wir die Planungssicherheit brauchen.

Wo sehen Sie bei Verträgen mit der Rüstungsindustrie schnelles Sparpotenzial?

Man muss aufpassen, wenn man sich beim Sparen allein euphorisch auf die Rüstungsvorhaben stürzt. Das, was man ursprünglich glaubt, an Milliarden Euro einsparen zu können, hat auch seine Grenzen. Es gibt Verträge, die teilweise durch Strafzahlungen eine gewisse Bindekraft entfalten können. Man muss hier sehr überlegt herangehen und auch dabei von den sicherheitspolitischen Anforderungen der Zukunft ausgehen. Darüber muss der Schlüssel gefunden werden, mit dem man sinnvoll Kosten einspart, aber auch an den richtigen Stellen investiert.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass am Schutz der Soldaten gespart wird“, hat sich ein deutscher Rüstungsmanager zuletzt sehr selbstsicher zu Kürzungen geäußert. Zu sicher, aus Ihrer Sicht?

An der Sicherheit unserer Soldaten dürfen wir nicht sparen, aber wir müssen auch künftige Einsatzszenarien abbilden – und bei dem ein oder anderen Szenario auch Nein sagen. Es gibt Grenzen für die Bundeswehr. Dass wir das Beste für unsere Soldaten wollen, steht außer Frage. Dass wir aber nicht alles haben können, was die Industrie anbietet, ebenso.

Airbus hat beim A 400 Nachzahlungen herausgeschlagen. Ist das eine Einbahnstraße oder werden Sie nun auch nachverhandeln?

Mir fehlt ab einem gewissen Punkt völlig das Verständnis, wenn Zeitpläne nicht mehr eingehalten werden, sich Preissteigerungen ins Exorbitante bewegen und dann auch noch versucht wird, das einer Seite zuzuschieben. Da müssen wir mit einer klaren Linie herangehen – aber ohne Schuldzuweisungen.

Manche Rüstungsprojekte erwecken den Eindruck, als wären sie auf die Gefahrenlage des Kalten Krieges abgestimmt. Warum dauert ein Umschwenken so lange?

Wir müssen in einigen Bereichen tatsächlich schneller werden, und die Perspektiven dürfen sich nicht immer vom einen auf den anderen Tag verschieben. Bei manchen Planungen gibt es internationale Versäumnisse. Die gilt es nun klar anzusprechen.

Während die Bundeswehr umgebaut wird, weiten die USA ihre Offensive in Nordafghanistan aus. Kann die Bundeswehr so überhaupt mithalten?

Der Umbau muss dem Einsatz nicht automatisch zuwiderlaufen. Mir ist es wichtig, nicht alles binnen eines Jahres übers Knie zu brechen, sondern das Einsatzziel gleichzeitig halten zu können.

Im kommenden Jahr soll die Bundeswehr die erste Provinz an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben: Erlaubt das die Sicherheitslage oder steckt mehr Symbolik dahinter?

Auf Symbolik dürfen wir nicht bauen, sondern nur auf das Erreichen von realistischen Zielen. Wenn es die Sicherheitslage in Afghanistan im kommenden Jahr erlaubt, werden wir übergeben. Aber die Entscheidung muss an klare Kriterien gebunden sein und nicht an einen Wunsch.

Abschreckungsdonner aus Kundus

10091254Hitzige Debatten hat es vor wenigen Monaten um den Einsatz des Kampfpanzers Leopard II gegeben. Von der abschreckenden Wirkung der Mündung seines Geschützrohres war die Rede. Nach vielem Hin und Her wurden letztlich doch keine Einheiten nach Afghanistan verlegt – auch wenn die Kanadier ihn geliehen einsetzen. Die Debatte hat dennoch für eine Verstärkung mit schweren Waffen gesorgt: der Haubitze 2000 (Kaliber 155mm) wurde nach Kundus verlegt.

Vor rund drei Wochen hat das 56-Tonnen-Geschütz erstmals aus dem Lager Kundus geschossen. Um das Geschütz auszurichten und auf die Gegebenheiten im afghanischen Hochland einzustellen, berichtet ein erfahrener Batterie-Kommandeur (Batterie = Kompanie bei der Artillerie). Nun hat der Koloss erstmals im Ernstfall geschossen. Hintergrund: Um die Bergung eines durch einen Sprengstoffanschlag beschädigten Fahrzeugs zu ermöglichen, wurden fünf Schuss abgefeuert. Dabei ist scharfe Munition verwendet worden, so das Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam.

DPA erklärt dazu: „Es war nach Einschätzung von Experten der erste Einsatz von schwerer Artillerie in der Geschichte der Bundeswehr überhaupt.“ Dem widersprechen allerdings Artilleristen der deutschen Streitkräfte und berichten im Gespräch vom Einsatz der Geschütze bereits während des Kosovo-Krieges 1999.

Die Bundeswehr kann so zumindest teilweise ein strukturelles Problem abfedern: Ohne Kampfhubschrauber und oder Flugzeuge die für die Absicherung der Infanterie (Im Nato-Jargon „CAS“ – Close Air Support, also nahe Luftunterstützung) ist die Haubitze derzeit das einzige Mittel aus der Entfernung schnell Macht zu demonstrieren, ohne zusätzliche Patrouillen rauszuschicken und damit auch zu gefährden. Die Haubitze schließt damit teilweise eine Lücke die bei CAS durch die Abschaffung des Alpha-Jets gerissen wurde und durch die Querelen um den Kampfhubschrauber Tiger noch immer nicht geschlossen ist. Rund 180 Stück wurden zwischen 1998 und 2002 an die Bundeswehr vom Hersteller Krauss-Maffei Wegmann ausgeliefert.

Technisch spricht vieles für den Einsatz der Haubitze 2000. Bei 40 Kilometer Schussreichweite trifft sie Ziele bis auf 20 Meter genau. Das Gerät ist zwar fahrtüchtig und mit 60 km/h auch nicht gerade langsam, wird derzeit aber allein aus dem Feldlager Kundus genutzt, um Einsätze in Kundus und der nahen Provinz Char Darrah abzusichern. Im Notfall, erklären Artilleristen, sind 3 Schuss in 10 Sekunden, bis zu zehn in einer Minute möglich. „Damit verschafft man sich schnell Respekt. Sowohl im Aufschlaggebiet als auch bei den Spähern um das Lager, die den Abschuss hören“, so ein Stabsoffizier. Psychologisch entscheidend ist dabei: Die Deutschen bluffen nicht. Allerdings räumt der Offizier ein: „Der erste Schuss dient immer nur dazu, das Rohr von Staub, Sand und Öl zu reinigen. Der zweite zum richten. Ab dem dritten ist das Gerät dann gefechtsbereit.“

18323901Allerdings wird damit nicht „wild in der Gegend rumgeballert“. Um zivile Opfer zu vermeiden, muss allein schon nach den Einsatzregeln („Rules auf Engagement“) Blickkontakt zum Ziel sichergestellt sein. Das geht zum einen über eine Patrouille, die das Ziel nicht nur ausspäht sondern auch mit einem Laser „markieren“ kann. Über die genauen GPS-Daten kann die fünfköpfige Haubitzencrew das Ziel dann auch über Dutzende Kilometer genau anvisieren. Allerdings ist auch das sogenannte Planschießen möglich, bei dem allein nach Planquadraten auf einer Karte anvisiert wird.

Und so absurd es klingt: Das Geschütz kann auch defensiv eingesetzt werden. Wie das? Weil neben explosiver Munition auch Nebel- und Leuchtgranaten geschossen werden können. Diese könnten beispielsweise eine bessere Aufklärung bei Nachtgefechten oder die nötige Rückzugsmöglichkeit bieten.

Unten anbei ein Video der niederländischen Streitkräfte, die die Haubitze seit 2006 im Süden Afghanistans im Einsatz haben. (Mit Dank an „Nasenstaub“ bzw. „Soldatenglück“)