Wenn der Christbaum in Kundus steht

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Wenn Soldaten Weihnachten im Auslandseinsatz verbringen müssen, trägt viele die Kameradschaft. Andere indes ziehen an jenen Abenden die Einsamkeit vor. Foto: dpa

Weihnachten wollen die meisten bei Ihren Familien sein – doch einige Tausend können nicht, weil sie mit der Bundeswehr über die Festtage im Auslandseinsatz sind. Eine große Herausforderung für die Soldaten, aber mindestens ebenso für die Familien daheim. Im Weihnachtsjournal der Rhein-Zeitung hatten wir bereits einen ausführliche Geschichte darüber, wie Soldaten und Familien mit diesen Tagen umgehen, wie der Heiligabend am fernen Hindukusch verläuft und welche Rolle die Feldpost dabei spielt. (Der Beitrag im RZ-Weihnachtsjournal)

Kurz nachdem die Druckmaschinen angelaufen waren, erreichte mich die Antwort des evangelischen Militärseelsorgers in Kundus, des Koblenzer Militärdekans Karsten Wächter. Er erfüllt im deutschen Feldlager eine besonders schwere Aufgabe. Denn kein anderer Standort der Bundeswehr stand in diesem Jahr so im Fokus der Öffentlichkeit, kein Wiederaufbauteam (PRT) wurde so häufig angegriffen und musste so viele Verwundete und Gefallene verzeichnen wie Kundus.

Vor allem in der Weihnachtszeit sind die Seelsorger, aber auch die Kompaniechefs und -feldwebel („Spieße“) besonders gefordert. Karsten Wächter gibt einen direkten Einblick, was Weihnachten in Kundus bedeutet:

Wie ist die Stimmung in Kundus insgesamt derzeit?

Zur Stimmung insgesamt kann man schlecht etwas sagen, da sie von Soldat zu Soldat unterschiedlich ist. Je nach dem, wie sehr er an diesem Fest hängt und wie die Situation zuhause ist. Für diejenigen, die außerhalb des Feldlagers eingesetzt sind, ist es vor allem eine gute Verschnaufpause in einem körperlich und seelisch sehr fordernden Einsatz. Trotz der Sehnsucht nach Hause, bildet sich in den Einheiten teilweise auch eine Art Ersatzfamilie. Die Gemeinschaft unter den Soldaten hilft und trägt hindurch. Ich vermute eher, dass es für die Familien zu Hause noch etwas schwerer ist, ohne den Mann, Freund, Sohn, Bruder (bzw. Frau, Tochter, Schwester, Freundin)da zu sitzen. Besonders bei denjenigen, die kein großes soziales Netz haben. Da kommt dann besonders die Sorge hinzu, dass dem Soldaten etwas passieren könnte. Die aktuellen Bilder aus der Region Kundus machen das sicher nicht leichter.

Wie weihnachtlich sind die Feldlager ausgeschmückt?

Je nachdem: Es stehen überall Adventskränze und Tannenbäume, die auch geschmückt werden, auf den Tischen liegen kleine Gestecke mit Kerzen. Etwas bescheidener, manchmal auch sehr kreativ. Auf keinen Fall aber so überfrachtet wie in Deutschland.

Gibt es Veranstaltungen zur Ablenkung?

Wir bieten natürlich an Heiligabend Gottesdienste an, um 17 Uhr und um 23 Uhr. Dazu macht jede Einheit ein Weihnachtsessen, Kaffeetrinken, teilweise sogar eine Art Bescherung oder es wird sogar gewichtelt. Es kommen zahlreiche Pakete, und dann ziehen sich viele Soldaten auch zurück, um diese in Ruhe auszupacken.

Wird das Gespräch mit Ihnen häufiger gesucht, sind Gottesdienste besser besucht?

Die Gottesdienste sind gleichmäßig gut besucht, unsere kleine Kapelle mit 50 Plätzen ist eigentlich immer voll. Weihnachten ist es, wie in Deutschland auch, nochmal ein wenig voller. Aber wie viele dann zur Kirche kommen, ist vorher nicht abzusehen.

Sind einige Soldaten froh, wenn die Festtage vorüber sind und sie zu den gewohnten Mustern zurückkehren?

Wie gesagt, für die, die durch ihre Aufträge viel draußen sind, wird es eine willkommene Pause sein. Aber ich glaube auch, dass es für die anderen eine willkommene Abwechslung vom Dienstbetrieb ist. Es ist sicherlich ein Moment, wo man auch deutlicher als sonst spürt, wie schön es ist, dass jemand oder sogar ganz viele Menschen an einen denken. Zugleich versuchen die Soldaten das Ganze mit Humor zu nehmen: Hier haben wir ja nicht die „Härten“, die man von zuhause kennt: Geschenke- und Kaufzwang, Besuchsmarathon usw. Und man muss ja auch nicht so lange feiern. Die, die mit Weihnachten ohnehin nichts anfangen können, haben deshalb auch nicht so viel Mühe, dem wenigen, was man hier in Afghanistan hat, aus dem Weg zu gehen.

Wieker – der Mann für die Armee im Einsatz

Blog ist manchmal Roulette: Gestern noch gedacht (und geschrieben), dass es mit dem neuen Generalinspekteur (GI) aus taktischen Gründen erstmal nichts wird, bin ich heute schon wieder als Verlierer entlarvt. Aber Roulette ist vielleicht auch ein versöhnliches Stichwort: Jüngst hatte ich unter dem Titel “ Roulette der Generäle: Auf wen setzt zu Guttenberg?“ einigeVarianten für die Schneiderhan-Nachfolge durchgespielt. Volker Wieker, der es jetzt geworden ist, hatte damals nicht nur die meisten Pluspunkte auf seiner Seite, sondern passte gleich in mehrere Modelle. Wir rechnen zusammen: falscher Zeitpunkt, aber richtiger Kopf. Bilanz: immerhin eine schwarze Null.

Doch zur Person – und dafür ist es hilfreich, wenn man den Luftangriff von Kundus und alle seine Verwicklungen einmal für eine kurze Zeit ausblendet. Denn der Übergang von Schneiderhan zu Wieker ist auch der Übergang zu einer neuen Ära: Denn mit Schneiderhan geht ein politischer General, der die Reform der Bundeswehr von der Verteidigungsarmee des Kalten Krieges zur flexiblen Einsatzarmee so konsequent und geräuschlos umsetzte, wie es wohl kaum andere gekonnt hätten. Vier völlig unterschiedliche Minister, stetig wachsende Herausforderungen sowie ein völlig verändertes Selbstbild der Bundeswehr fallen in die siebeneinhalb Jahre der Ära Schneiderhan. Trotz ihrer Länge eine Zeit des strukturellen Übergangs: Als Schneiderhan antrat, dienten noch rund 310.600 Soldaten in den Streitkräften, nun sind es knapp mehr als 250.000. Andere Anforderung, andere Ziele, Straffung der Kasernen Struktur. Wäre ihm Kundus nicht dazwischengekommen, hätte Schneiderhan im kommenden Sommer die perfekte Soldatenlaufbahn abgeliefert – die Transformation der Bundeswehr sein Lebenswerk.

Diese ist nun abgeschlossen, die Bundeswehr hat sich komplett gedreht: „Wir denken jetzt vom Einsatz her“, stellt der für die Ausbildung verantwortliche Chef des Feldheeres, ***-General Carl-Hubertus von Butler, klar. Und im Gegensatz zum politischen Reformer Schneiderhan ist sein Nachfolger Wieker ein absoluter Mann des Einsatzes und der internationalen Vernetzung: Bosnien, Kosovo und jetzt dritthöchster Nato-Soldat in Afghanistan (ausführlicher Lebenslauf hängt unten dran). Dazu kommt die Stabsausbildung in den USA und als Chef des Deutsch-Niederländischen Korps die enge Verbindung zu einer Nation, die seit Jahren unter schweren Verlusten im Süden Afghanistans kämpft. In der aktuellen Lage beste Voraussetzungen, verfügt sein Minister zu Guttenberg doch über keine dieser Erfahrungen. Denn mit diesen Qualitäten kann Wieker auch auf den Rückhalt in der Truppe zählen – er verfügt damit über so viel „Stallgeruch“ wie wenige andere. Als Ausnahme sei an dieser Stelle auch nochmal ***-General Hans-Lothar Domröse (bekleidete 2008 zwölf Monate lang den Isaf-Posten, den Wieker bislang innehatte) erwähnt, den ich zuletzt fälschlicherweise zum Chef der Deutsch-Französischen Brigade statt des Eurokorps machte – was ihm praktisch zwei Sterne nimmt. Lieber Herr General Domröse, das ist mir besonders peinlich, da sie im September 2008 in Kabul ein sehr interessanter Gesprächspartner und großzügiger Gastgeber waren. Sorry.

Doch zurück zu Volker Wieker: Dieser wird nun in Kabul ersetzt werden, doch die bisherige Zusammenarbeit mit Isaf-Kommandeur, US-General Stanley McChrystal, wird ihm in Berlin von großem Vorteil sein. Und es gibt noch einen zweiten Umstand, der ihm das Leben erleichtern könnte: Andere GI-Kandidaten, die sich nun übergangen fühlen, könnten in den kommenden Monaten anderweitig abgefunden werden. Grund: Die beiden deutschen ****-Generäle auf Nato-Ebene, Egon Ramms und Karl-Heinz Lather, scheiden aus Altersgründen aus. Hier kann der Minister neu besetzen – soweit sich nicht andere Nationen die Stellen krallen.

Abschließend noch mal Volker Wiekers Werdegang in der Langversion:

Generalleutnant Volker Wieker wurde am 1. März 1954 in Delmenhorst geboren. Er trat im Juli 1974 in die Bundeswehr ein und wurde als Artillerieoffizier ausgebildet.

Nach seiner Beförderung und dem Abschluss seines Studiums der Vermessungskunde an der Bundeswehruniversität in München durchlief er alle üblichen Verwendungen eines Artillerieoffiziers wie Zugführer, Batterieoffizier und Batteriechef. Seine militärische Heimat während dieser Zeit war das Panzerartilleriebataillon 315 in Wildeshausen.

Von Oktober 1987 bis September 1989 besuchte er den 30. Generalstabsoffizierlehrgang an der Führungsakademie in Hamburg. Dem Lehrgang schloss sich die Verwendung als stellvertretender Dezernatsleiter in der Personalabteilung im Verteidigungsministerium an. Im Anschluss besuchte er den Generalstabslehrgang der US Army in Fort Leavenworth, USA und wurde danach als G3 Stabsoffizier zur Panzerbrigade 21 nach Augustdorf versetzt.

Von 1993 bis 1996 führte er das Panzerartilleriebataillon 215 in Augustdorf. Dieser Verwendung schloss sich ein Einsatz im deutschen IFOR Kontingent (Bosnien‐Herzegowina) als Stabsoffizier Ausbildung und Einsätze und als Leiter der Operationszentrale an. Im Anschluss wurde er persönlicher Referent im Bereich truppendienstliche Führung im Verteidigungsministerium in Bonn.

Von 1997 bis 1999 war Generalleutnant Wieker Adjutant des Verteidigungsministers. Im Anschluss wurde er Leiter der Arbeitsgruppe „Heeresentwicklung“ im Führungsstab des Heeres.

Ende 1999 übernahm Generalleutnant Wieker das Kommando über die Panzergrenadierbrigade 40 „Mecklenburg“ in Schwerin. In dieser Funktion führte er das 3. KFOR Kontingent (Kosovo) als Befehlshaber der Multinationalen Brigade Süd und als Nationaler Befehlshaber im Einsatzgebiet von Mai 2001 bis Dezember 2001.

2002 wurde er Chef des Stabes des Heeresamtes in Köln. Im März 2004 übernahm er offiziell die Aufgaben des Chef des Stabes im Führungsstab des Heeres.

Am 27. September 2007 wurde er stellvertretender Kommandeur des I. Deutsch/Niederländischen Korps, dem er seit dem 2. Juli 2008 als Kommandeur in Münster vorsteht.
Volker Wieker ist verheiratet. Er hat mit seiner Ehefrau Sabine zwei Kinder.

Überzeugender Zweifler

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Hält nicht viel von leeren Phrasen: Carl-Hubertus von Butler setzt auf Menschen und deren Werte. Foto: dpa

Deutsche Generäle? Das sind die arroganten Aristokraten mit dem Monokel und der Reitgerte. Laut, herrisch, selbstverliebt. Peter O’Toole hat einen gespielt, James Mason und selbst Curd Jürgens kamen nicht umhin, Hollywoods Klischee von der deutschen Militärelite darzustellen. Und die Realität im Deutschland des Jahres 2009 – oder besser: im Jahr acht der Afghanistan-Mission? Das „von“ ist vereinzelt noch zu finden, beim Rest müssen wir Hollywood mit allem Nachdruck enttäuschen: Beim Redaktionsbesuch zeigte sich Generalleutnant Carl-Hubertus von Butler, Befehlshaber des Koblenzer Heeresführungskommandos und damit Chef von mehr als 80.000 Heeressoldaten, von der ruhigen, nachdenklichen Seite – und beeindruckte mit seinen persönlichen Schilderungen auch überzeugte „Kriegsdienstverweigerer“.

Ohnehin ist der Dreisternegeneral schwer in eine Schublade zu stecken: Studierter Soziologe und zugleich Fallschirmjäger; ein Kommandeur der schnell entscheiden muss und sich im Gespräch zugleich die Zeit nimmt, Gedanken zu entwickeln; Chef über Zehntausende und zugleich ehrlich am Einzelnen interessiert? Bei von Butler kein Widerspruch. Ganz im Kontrast zum Exerzierplatz, auf den er von seinem Schreibtisch blickt, bevorzugt er die leisen Töne, schafft Vertraulichkeit, indem er sich nicht auf Phrasen zurückzieht, sondern viel von sich selbst preisgibt und zugleich authentisch bleibt. Die üblichen Bundeswehr-Sprüche („Die Wand steht auch von allein“ oder „Haben Sie Geburtstag oder warum haben Sie die Hände in den Taschen.“) kann man sich beim ihm nicht vorstellen. Von Butler baut keine unknackbare Fassade auf. Er lässt Zweifel bei sich und anderen selbstverständlich zu – verbindet damit aber zugleich die Pflicht, sich mit ihnen interessiert auseinanderzusetzen.

In längeren Gesprächen kommt er so zwangsläufig auf das Thema „Werte“, deren Grundgerüst die Soldaten mehr denn je brauchen, weil sie in anderen Kulturen im Einsatz sind und diese nur verstehen und bewerten können, wenn sie sich ihrer eigenen Wurzeln bewusst sind. Butlers persönliche Wurzeln nähren sich aus einer tiefen Religiosität und dem Interesse an deren Traditionen. Seine Teilnahme an der Evangelischen Synode ist dem an Silvester geborenen 58-Jährigen daher eher Inspiration denn Pflichtaufgabe.

Butler scheut sich nicht, den Menschen hinter der mit Orden bestückten Uniform zu zeigen – wenn auch mit einer gewissen Vorsicht. Auf der einen Seite philosophisch-historisch interessierter Naturliebhaber ist er sich auf der anderen Seite immer seine herausgehobenen Stellung in der Armee bewusst. Gerade in Zeiten der Kritik an der Bundeswehr. Dann antwortet er auf kritische Fragen abwägend diplomatisch. Nicht weil er keine konkrete Meinung hätte, sondern weil er sich ihrer Wirkung nur zu bewusst ist.