Luftangriff: Freispruch zweiter Klasse

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Zwei Tanklastwagen wurden bei dem nächtlichen Angriff zerstört. Über die Zahl der Opfer herrscht auch nach dem Nato-Bericht immer noch große Unklarheit. Foto: dpa

Die Nato hat wirklich ein außergewöhnliches Timing: Exakt zur Übergabe von Franz Josef Jung zu Karl-Theodor zu Guttenberg flattert der Nato-Bericht zum Luftangriff bei Kundus Anfang September auf den Tisch. Noch ist der Bericht unter Verschluss, eine erste Deutung war dem obersten Soldaten, Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, vorbehalten (Hier das Pressestatement). Der sieht die Bundeswehr durch die Untersuchung entlastet. Doch wodurch genau?

Es gibt keine genauen Zahlen zu Opfern und möglichen Zivilisten unter den Opfern. Eine afghanische Kommission wollte diese zwar schon kurz nach dem Vorfall festgestellt haben. Doch wie weit kann man diesen Schilderungen Glauben schenken? Der Nato-Bericht, so die ersten Erkenntnisse, kann jedenfalls nicht auf genauen Fakten und Daten aufbauen. Schneiderhan: „Der Bericht gibt lediglich verschiedene Quellen wieder, bei denen die Anzahl der Toten und Verwundeten zwischen 17 und 142 variiert.“

Wenn überhaupt, ist der Nato-Bericht somit ein Freispruch zweiter Klasse. Die Situation am Einsatzort ist weiterhin unklar, die Befehlsketten und Verantwortlichkeiten bislang auch. Absolute Rückschlüsse auf die Geschehnisse in der Nacht des 3. zum 4. September lassen sich so (noch) nicht ziehen. Wenn der Generalinspekteur die negative Beweispflicht bemüht – dass nicht nachgewiesen werden kann, dass es zivile Opfer gegeben hat –, dann unterstreicht das, in welcher schwierigen Grauzone die Bundeswehr im Norden Afghanistans operiert. Wer Freund und wer Feind ist, kann sich binnen Sekunden ändern. Es herrscht und bleibt große Unklarheit – in jeder Hinsicht.

Militärisch nüchtern betrachtet, war der Angriff ein Erfolg: Die Anschläge auf die Bundeswehr sind seitdem stark zurückgegangen, die Kommunikation der Taliban ist eingeschränkt, was darauf schließen lässt, dass einige ihrer Anführer in jener Nacht getötet wurden. Hinter vorgehaltener Hand berichten Soldaten im Einsatz, dass sie auch aus der Bevölkerung Zustimmung zur härteren Gangart gegen die Aufständischen erfahren.

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Oberst Georg Klein ist mittlerweile wieder bei seiner sächsischen Stammeinheit. Foto: dpa

Die taktische Perspektive allein darf aber nicht maßgeblich für eine demokratische Streitkraft wie die Bundeswehr sein. Siege um jeden Preis passen nicht ins Konzept der Inneren Führung. Insofern verwundern die Abschiedsworte von Ex-Minister Franz Josef Jung, der Einsatzsoldaten grundsätzlich von staatsanwaltlichen Ermittlungen ausnehmen möchte – und das explizit auf Oberst Klein bezieht.
Einen Gefallen erweist er dem Ex-PRT-Kommandeur damit nicht. Denn es geht bei den Untersuchungen nicht um Vorverurteilung, sondern um Aufklärung. Solange es keine klaren Verhältnisse gibt, wird immer ein Zweifel am Handeln des Offiziers hängen bleiben. Zweifel, die vor allem Jung mit seiner verfehlten Kommunikationspolitik gefördert hat. Deshalb muss weiter untersucht werden, nicht nur gegen, sondern auch für Georg Klein. Und natürlich auch für Tausende deutsche Soldaten, die in Afghanistan eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe verrichten, damit ihre Arbeit nicht mit Misstrauen beäugt wird und die Kluft zwischen Bevölkerung und Einsatz weiter aufreißt. Eine demokratische Armee kann nicht neben dem Recht stehen, weil sie ein Teil dieser Gesellschaft ist, die auf diesem Recht fußt.

Krieg – was sonst?

2863„Es ist ein Stabilisierungseinsatz“ – dieser Satz dürfte wohl auf dem Messingschild stehen, das unter Franz Josef Jungs Bild in der Ahnengalerie früherer Verteidigungsminister auf der Hardthöhe hängen wird. Ein Satz wie ein Mantra, das bei jeder Wiederholung mehr Kopfschütteln hervorrief. Letztlich war es zu einem guten Teil gar nicht mehr die wirklich Lage in Afghanistan, die zu Kritik an Jung führte, sondern der quälende verbale Umgang damit im Ministerium.

Ob sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) die rhetorischen Eiertänze fortsetzt, bleibt abzuwarten. Doch selbst wenn er ebenfalls einen Bogen um das „K-Wort“ macht, wird er es vermutlich eleganter tun, als sein Vorgänger. Vielleicht gelingt ihm auch eine Neuschöpfung – das Bundeswehrdeutsch bietet noch viele Schlupfwinkel, um Realitäten zu kaschieren. Täuschen und Tarnen eben.

Das wird aber nichts daran ändern, dass der Afghanistan-Einsatz durch seine Opfer und Intensität als Krieg wahrgenommen wird – und auch immer mehr Menschen klar von einem Kriegseinsatz sprechen. Nun kommt ein prominenter Befürworter hinzu. Michael Dutzmann, Landessuperintendent der Lippischen Landekirche und als Militärbischof höchster evangelischer Militärgeistlicher der Bundeswehr.

Bei der Evangelischen Synode – an der auch der Befehlshaber des Heeresführungskommandos Generalleutnant Carl-Hubertus von Butler teilnimmt als Vertreter teilnimmt – erklärte er nun in seinem Bericht:

„Ich selbst habe gelernt, dass es angemessen ist, von „gefallenen“ Soldaten zu reden, wie dies mittlerweile in der und in weiten Teilen der politischen Öffentlichkeit üblich ist. Was die Etikettierung des Einsatzes als Krieg“ betrifft, so trifft diese Bezeichnung voll und ganz das Empfinden der eingesetzten Soldatinnen und Soldaten: Sie erleben und erleiden, dass sie in Gefechte verwickelt werden, dass Kameraden verwundet werden und fallen und dass selbst Menschen töten müssen. Was anderes ist das als Krieg?“

Klare Worte, die vor allem vielen Soldaten, die im Einsatz in Nordafghanistan waren aus der Seele sprechen. Die Debatte um das Wort „Krieg“ wird weitergehen. Und sie wird hoffentlich noch breitere Schichten der Bevölkerung ergreifen. Es wäre einer von vielen wichtigen Schritten weg vom „freundlichen Desinteresse“ (Bundespräsident Horst Köhler), das das Verhältnis von Deutschen und Bundeswehr bislang prägt.

Die Kurzfassung des Berichts finden Sie hier: Bericht_Militaerbischof_kurz.

„KT“ zu Guttenberg – vom Gebirgsjäger zum Gipfelstürmer

Aufsteiger Karl-Theodor zu Guttenberg. Foto: CSU-Landesgruppe

Wenn Merkels Kabinett ein Kartenspiel ist, dann hat die Bundeswehr offenbar den Joker gezogen: Karl-Theodor zu Guttenberg wird Franz Josef Jung als Verteidigungsminister ablösen. Die nächste Stufe auf der Karriereleiter des CSU-Barons, der vor einem Jahr noch ein kaum bekannter Abgeordneter war. Doch „KT“, so sein Spitzname bei der Jungen Union in Bayern, hat binnen kurzer Zeit nicht nur bewiesen, dass er viele Rollen spielen kann, sondern auch, dass er sie glaubhaft verkörpert. Nach dem machtpolitisch eher dürftigen Wirtschaftsministerium nun also das Wehrressort – ein Posten, den die Auslandseinsätze jeden Tag ins Visier der Öffentlichkeit rücken können. Und bisher selten mit guten Nachrichten.

  • Ist er dem Job gewachsen? Klare Antwort: JA! Zunächst hat er zeitweise selbst die Uniform getragen – 1991 Wehrdienst beim Gebirgsjägerbataillon 233 in Mittenwald, Unteroffizier der Reserve. Sein Großvater sowie dessen Onkel (1945 von der Gestapo ermordet)hatten Kontakt zum militärischen Widerstand gegen Hitler. Trotz seiner erst 37 Jahre hat KT bereits Erfahrung auf dem Gebiet der Außen- und Sicherheitspolitik vorzuweisen, knüpfte auf der Münchner Sicherheitskonferenz bereits zahlreiche Kontakte – natürlich im besten Englisch. Der Bayer ist also kein absoluter Neuling. Und selbst wenn es so wäre: Zu Guttenberg hat bewiesen, dass er sehr schnell lernt und dieses Wissen umsetzt. Genau deshalb hat ihn die Kanzlerin nun dorthin gesetzt. Dass er dabei astronomisch gute Umfrageergebnisse mitbringt, ist sicher nicht schädlich.
  • Was kommt auf ihn zu? Ein ganzer Einsatzgruppenversorger voller Probleme: Die Lage in Afghanistan verschlechtert sich bis zum Wintereinbruch täglich, bisher gibt es noch kein Heilmittel gegen die grassierende Piraterie und für die Union scheint auch der allseits umstrittene „Einsatz im Inneren“ noch nicht vom Tisch. Die Frage nach der Zukunft der Wehrpflicht ist dabei noch gar nicht angeschnitten. Von Vorteil ist für den außenpolitischen Transatlantiker der gute Kontakt in die USA. Denn auch wenn die Obama-Regierung verbindlicher im Ton ist, vertritt sie ihre Interessen doch noch viel härter als die „Bush-Administration“. Und das heißt mittelfristig: Mehr Truppen nach Afghanistan – so wie es Isaf-Kommandeur ****-General Stanley McChrystal vehement fordert. Nach dem Treffen der Verteidigungsminister heute in der Slowakei scheint eine Aufstockung der Obergrenze (bislang 4500 Mann) mit der Mandatsverlängerung im Dezember zwar vorerst vom Tisch. Doch spätestens mit der Afghanistan-Konferenz im kommenden Frühjahr wird das Thema hochexplosiv werden.
  • Birgt der neue Job Konfliktpotenzial? In jeder Hinsicht: Im Kabinett könnte er schnell in einen Konkurrenz- und Kompetenzkampf mit Außenminister Guido Westerwelle geraten, wie Spiegel-Online analysiert. Dass mit Franz Josef Jung der Vorgänger wohl weiterhin im Kabinett sitzen wird, ist zudem eher ungewöhnlich. Innerparteilich wächst er seinem CSU-Förderer Horst Seehofer schneller über den Kopf, als diesem Recht sein kann. Dass nun auch noch Parallelen von zu Guttenberg zu Franz Josef Strauß gezogen werden, der 1956-1962 das Wehrressort führte, kommt erschwerend hinzu. Und dann ist da noch die Kanzlerin, die auch gerne mal einen Blick auf das Politbarometer wirft und sicherlich not amused ist, sollte Karl-Theodor zu Guttenberg weiter hoch über ihr thronen – die nächste Wahl kommt bestimmt.

Fazit: Es wird spannend im Wehrressort. Ministerium und Bundeswehr werden sich an einen neuen Stil gewöhnen müssen, bekommen dafür aber einen Minister, der seine Stärken ausgerechnet dort hat, wo sein Vorgänger Schwächen offenbarte: In der Außenwirkung und -darstellung. Insofern ist es vermutlich das Beste, was der Truppe passieren konnte.

P.S.: Wenn man aber allein auf den Namen schaut, ist zu Guttenberg allerdings nur die B-Lösung. Denn mit Thomas de Maizière verfügt das Kabinett über einen Minister, dessen Name in der Bundeswehr einen so guten Klang hat wie kaum ein anderer. Sein Vater Ulrich de Maizière war nicht nur einer der Gründerväter der modernen demokratischen Bundeswehr, sondern auch 1966 bis 1972 als vierter Generalinspekteur oberster Soldat der Republik.

Die Piraten sind zurück – und wer zahlt diesmal?

Großes Kaliber gegen kleine Piratenboote. Foto: flickr / Bundeswehr

Der Monsun-Regen hat sich kaum gelegt, da taucht ein altes Problem wieder am Horizont auf: Die Piraten am Horn von Afrika sind zurück. Nach der Freilassung der „Hansa Stavanger“ Anfang August dümpelte das Thema langsam aus dem Bewusstsein der Deutschen – auch wenn drei Fregatten der Bundesmarine weiterhin ihren Dienst in den Missionen Atalanta und OEF mit Hunderten Soldaten fuhren.

Die aktuelle Lage: Nun wird man das Thema nicht mehr lange umschiffen können, denn die Einschläge kommen näher, die Angriffe häufen sich wieder. Vor einer Woche konnte die deutsche Fregatte Bremen mutmaßliche Piraten stellen, auch wenn keine Waffen an Bord gefunden wurden. Die sollen die Bootsinsassen zuvor über Bord geworfen haben. Anschließend konnten die Personen die Fahrt im größten der drei Boote fortsetzen, die beiden kleineren versenkte die Bundesmarine. Erst am Sonntag verhinderte die Fregatte Augsburg einen Angriff auf den Frachter „MV Thor Spring“ (73 Meter lang, unter der Flagge Maltas).

Weniger Glück hatten derweil die „Kota Wajar“ (184 Meter, Singapur) und die De Xin Hai (225 Meter, China, 25 Mann Besatzung) – beide wurden südlich des Sicherheitskorridors aufgebracht, was nur einen Rückschluss zulässt: Die Piraten haben die Pause des Monsuns offenbar genutzt, um sich zu verstärken und operieren samt Mutterschiffen nun noch weiter draußen auf hoher See, als vor der Unterbrechung. Das Problem der internationalen Flotte, dass es völlig unmöglich ist, dass gesamte Seegebiet vor Ostafrika mit wenigen Kriegsschiffen zu sichern, wird so erneut unterstrichen. Damit sind derzeit 6 Schiffe in den Händen der Piraten.

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Die Fregatte "Bremen" sichert unter deutscher Flagge auch Schiffe deutscher Reeder, die aus steuerlichen Gründen unter fremder Flagge fahren. Foto: dpa

Warum es uns betrifft: Das Internationale Schifffahrtsbüro in London (IMB) führt täglich neue Angriff auf. Und die grassierende Piraterie betrifft die deutsche Wirtschaft ganz unmittelbar. Zwar fahren nur 1,9 Prozent der weltweiten Tonnage unter deutscher Flagge. Schaut man aber genauer hin, dann gehören mehr als 3500 Schiffe deutschen Reedern – die zweitgrößte Flotte weltweit nach Japan und mehr als doppelt so viele, wie die Vereinigten Staaten haben.

Womit sich eine politische Frage stellt: Hat nur derjenige den staatlichen Schutz der Bundesmarine verdient, der seine Schiffe auch im staatlichen Steuersystem fahren lässt? Vieles erinnert  an die Banken in der Finanzkrise, die Gewinne privatisieren und Verluste gerne verstaatlichen wollen, indem sie auf die Solidarität des Staates und der Gesellschaft pochen. Zwar haben die Reeder eine mit der Regierung abgesprochene „Rückflaggung“ umgesetzt: Doch 500 Schiffe unter deutscher Flagge sind nur ein Bruchteil der gesamten Flotte. Hier sind sicher noch einige Fragen zu klären und von der kränkelnden Reederbranche sind kaum Vorschläge zu erwarten. Doch Fakt ist: Wenn die Weltwirtschaft wieder anzieht, werden auch die Riesenfrachter wieder aus der Mottenkiste geholt – und die Piraten werden sich wie ein Schwarm Haie an deren Schiffsheck festbeißen.

Spätestens dann wird sich rächen, dass die Staatengemeinschaft viel zu lange nur die Auswirkungen des „gescheiterten Staates Somalia“ bekämpfte, anstatt sich um die Ursachen zu kümmern. Zwar haben die EU-Verteidigungsminister vor wenigen Tagen beim Treffen in Göteborg eine Ausbildungsmission vereinbart, durch die somalische Polizisten im benachbarten Dschibuti trainiert werden. Doch wie lange so etwas dauern kann, bis es wirklich Früchte trägt, zeigt sich in Afghanistan. Immerhin, es ist nach Jahren des Wegsehens endlich ein Anfang.

Abschließend noch ein wenig Statistik aus dem aktuellen Bericht des IMB über die vergangenen neun Monate, der heute Nachmittag veröffentlicht wurde. Zur weltweiten Piraterie heißt es darin:

  • 306 Angriffe (2008 noch 293)
  • 114 Schiffe geentert,
  • 34 Schiffe entführt
  • 88 beschossen.
  • 661 Crewmitglieder als Geisel genommen, 12 verschleppt, acht werden noch vermisst.
  • Bei einem von neun Angriffen können die Piraten das Schiff in ihre Gewalt bringen. Im Vergleichszeitraum 2008 lag dieser Wert noch bei 1 zu 6,4.
  • Die Zahl der Überfälle, bei denen Schusswaffen zum Einsatz kamen, stieg um über 200 Prozent.
  • Vor den Küsten Somalias wurden in den ersten drei Quartalen 47 Vorfälle gemeldet – im Vergleichszeitraum 2008 waren es nur 12.
  • Für den Golf von Aden stieg die Zahl der Angriffe in den ersten neun Monaten auf 100 Angriffe, verglichen mit 51 im Vorjahreszeitraum.

Der komplette Bericht (auf Englisch) ist auf der Seite des IMB kostenlos bestellbar.

Chancen sind da – Klotzen für Afghanistan

Winfried Nachtwei. Foto: nachtwei.de

Es ist schade, bereits im zweiten Blogbeitrag von Abschied reden zu müssen. Sicherlich wird es aber nur ein formeller sein. Es dreht sich um Winfried Nachtwei, streitbarer Grünen-MdB und einer der Sicherheitspolitiker, die über alle Parteigrenzen hinaus hohes Ansehen genießen. Nach 15 Jahren scheidet er nun aus dem Parlament aus – auf eigenen Wunsch. Und fast immer verbinden sich die Grüße an ihn mit der Hoffnung, dass er nicht ganz abtaucht. „Winfried Nachtwei von den Grünen war nicht nur einer der beschlagensten Verteidigungspolitiker, sondern mit weitem Abstand der fleißigste…“, schreibt der geschätzte Focus-Kollege Thomas Wiegold in seinem Blog – und er muss es als fachkundiger Weggefährte Nachtweis wissen.

Bevor der streitbare Grüne sein Berliner Büro räumt, ist er aber nochmal in Afghanistan unterwegs gewesen. Rund 40 Treffen und Gespräch bei Besuchen in Kabul, Mazar-e Sharif und Faizabad – ein Menge Holz. Aber es ist auch viel dabei herumgekommen, wie der Reisebericht beweist. Sein Fazit: „Die immer noch vorhandenen Chancen dürfen nicht auch noch verspielt werden. Das wird besonders deutlich angesichts des Strategiewandels und der gigantischen Kraftanstrengung der USA. Angesagt ist intelligentes Klotzen statt Kleckern!“ Es gebe weitaus mehr positive Chancen, als hier wahrgenommen wird.

Vor dem Hintergrund der Truppenaufstockungen der Amerikaner ist vor allem seine Betrachtung des US-Strategiewechsels: „Enorm seien die Veränderungen und Anstrengungen auf US-Seite. Ganz anders sei der Führungsstil des neuen ISAF-Kommandeurs General McChrystal: Bei den täglichen Morgenlagen im ISAF-Hauptquartier würden die Afghanen in „atemberaubender“ Weise und Offenheit einbezogen. Der US-General habe ständig die komplexen Wirkzusammenhänge im Kopf (Schaubild „Afghanistan – der gordische Knoten“, auch „Spagetti-Schüssel“ genannt), insistiere auf Schutz und Zuspruch der Zivilbevölkerung als dem Dreh- und Angelpunkt. „Wir wollen nicht nur siegen, sondern auch den Frieden gewinnen.“ Seine Lageeinschätzung sei aber viel skeptischer als die seines Vorgängers. Im nächsten Jahr müsse die Trendwende geschafft werden. Die USA seien jetzt pragmatischer, offener, eher zu Korrekturen bereit. Sie seien enorm unter Druck, Geld sinnvoll auszugeben. Die US-Kräfte im Norden werden dem Kommandeur des RC North unterstellt. (Das gilt nicht für OEF-Kräfte, zu denen ich frage und Schweigsamkeit ernte.)“

Satte 19 Seiten berichtet Nachtwei realitätsnäher als die meisten offiziellen Lageberichte. Sein Traktat liegt derzeit auf den Schreibtischen vieler Bundeswehr-Kommandeure. Zumal es der scheidende Bundestagsabgeordnete nicht bei Beschreibungen belässt. Seine Schlussfolgerungen – klar gegliedert und jede taktische Relativierung – machen klare Prognosen und Lösungsvorschläge. Einige Beispiele:

– „Ein Sofortabzug von Bundeswehr und anderen ISAF-Truppen hätte nicht – wie von manchen versprochen – ein weniger an Gewalt und Krieg zur Folge, sondern eine enorme Gewalteskalation sowie einen Destabilisierungsschub für die sowieso schon wankende Atommacht Pakistan. Erwartet wird dann eine schnelle Talibanmachtübernahme im Süden und Osten und ein Rückfall in die frühen 90er Jahre, d.h. Kampf der Warlords und Milizen in anderen Landesteilen. Ein Sofortabzug würde einhergehen mit einem Massenabzug von Entwicklungshelfern, von Beratern für den Polizei- und Armeeaufbau. Verbleibende kleinere Hilfsorganisationen und NGO`s könnten das nicht ausgleichen.“

– „Zu den dringend notwendigen Ressourcen gehört eine personelle Stärkung der dt. Botschaft und ihrer Außenvertretungen im Norden. Mit ganzen drei Referenten des Höheren Dienstes in der Botschaft ist die lt. Ressortzuständigkeit beanspruchte Federführung des AA für den ganzen AFG-Einsatz nicht realisierbar. (Die brit.Botschaft mit ihren ca. 800 Angehörigen hat allein 3 Referenten für afg. Innenpolitik!)“

Der komplette Bericht ist übrigens auf Nachtweis Internet Seite nachzulesen oder als pdf-Datei herunterladbar. Es lohnt sich.

Offensive 3.0 – die Natospitze prescht vor

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Prost Admiral! Nato-Kommandeur James "Jim" Stavridis zeigt sich volksnah. Foto: Screenshot Facebook

Zum Einstieg ist es immer einfacher, mit dem virtuellen Finger erst einmal auf die anderen zu zeigen:

Denn was die Kommunikation betrifft, hat das Verteidigungsministerium in Berlin den Kalten Krieg noch längst nicht abgeschüttelt: Erst wird gemauert, dann die Salami-Taktik angewandt, schließlich leise zurückgerudert. Natürlich werden die meisten Themen überhaupt erst unter Druck aufgegriffen. Ein ganz anderer Wind herrscht da seit diesem Sommer in Brüssel. Mit dem doppelten Wechsel an der Nato-Spitze ist auch eine nie gekannte Offenheit ins Nordatlantische Bündnis eingezogen – zumindest scheinbar. Hauptakteure der politische Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen und sein militärisches Pendant US-Admiral James Stavridis. Von wegen Top Secret! Charme-Offensive lautet der Schlachtplan der neuen Chefs. Und das auf allen Flanken: Egal ob bei Facebook (Stavridis, Rasmussen),  in Stavridis‘ Blog „Von der Brücke“ oder in Rasmussens regelmäßigem Videoblog – die Doppelspitze lässt sich bei ihrer hartnäckigen Internet-Offensive 3.0 nicht abdrängen. Als kleinen Info-Happen setzt Dänemarks Ex-Premier Rasmussen sogar bei Twitter noch einen drauf.

Das strategische Ziel ist leicht durchschaut: Austausch und menschliche Nähe sollen die verschiedenen Plattformen offenbar bieten, Sympathien und ein besseres Image einbringen. Statt martialischer Posen und waffenstarrender Machtdemonstration, grinst der neue Oberbefehlshaber dem Besucher von zahlreichen Fotos entgegen – egal ob beim sonnigen Besuch auf dem Flugzeugträger, dem Highschool-Ball der eigenen Tochter oder beim fruchtigen Bier in Brüssels angesagten Kneipen. Soviel persönliche Nähe war wohl nie unter der dunkelblauen Flagge mit dem Stern.

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Ausnahmsweise mal am Rednerpult und nicht im direkten Gespräch mit dem Blog-Besucher: Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. Foto: dpa

Sei politischer Gegenpart setzt derweil ganz auf direkte Ansprache. Nicht von der Kanzel, nicht vom Rednerpult, sondern direkt auf dem Bildschirm – Sie! Ja genau Sie meine ich, scheint Rasmussen mit gewinnendem Lächeln sagen zu wollen. Informieren und Überzeugen so die kombinierte Offensive.

Doch – Stopp! Rühren! Entspannen! – Bündnispartner und Untergebene können aufatmen: Geheime Aufmarschpläne oder sicherheitsrelevante Hinweise sind den beiden bisher nicht über die Lippen gekommen. Sicher geben beide Einblicke in ihre permanenten Reisen – vermutlich verbringen sie demnach mehr Zeit im Flugzeug als auf der Erde – doch kommen diese Positionsmeldungen immer erst mit einer gewissen Verzögerung. Man kann auch nicht erwarten, dass die beiden ähnlich offen wie seinerzeit Rudolf Scharping zuwerke gehen, der sich 2001 in einer Pressekonferenz über die Aufmarschrouten für das Truppenkontingent ausließ, das aus dem Kosovo nach Mazedonien einrücken sollte, um die UCK zu entwaffnen. Der neben ihm sitzende General Kujat war nach erster Verblüffung mäßig begeistert – was man ihm auch deutlich ansah.

Vielleicht kommen solche Sternstunden eines jeden Bloggers ja noch: Stavridis wird die kommenden drei Jahre auf der Nato-Brücke stehen, Rasmussen zunächst bis zu fünf. Währenddessen wird dieser Blog immer wieder auf deren Blogs und Seiten blicken – und längst nicht immer mit einem Zwinkern.